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Marrakesch schläft noch, die Sonne steht bereits am Himmel. Auf dem Weg zum Djemaa el Fna, wo die Fahrt beginnen wird, sind noch alle Geschäfte geschlossen.


Ein Beitrag von Gastautor Stephan Wüest


In den sonst so lebendigen Gassen ist es noch ganz ruhig. Schon fast undenkbar, dass in rund zwei Stunden tausende Menschen durch die Altstadt strömen werden. Auch auf dem Djemaa el Fna herrscht noch gähnende Leere. Am Rande des Platzes wartet ein freundlicher junger Mann neben einem Geländewagen und schon bald fahren wir in der Morgensonne aus der Stadt heraus in Richtung Atlasgebirge.

Kaum haben wir die Stadt verlassen, weitet sich die Landschaft und das Atlasgebirge (man sieht die verschneiten Berggipfel auch von der 30°C heissen Stadt aus) erstreckt sich vor uns. Bäume, Schluchten und Flussbette erstrecken sich neben den Strassen in Richtung Atlasgebirge. Eine wilde Mischung der Farben Grün, Braun und Rot prägt das noch sehr urtümliche Landschaftsbild. Hier finden sich Berbersiedlungen im gleichen Braunton, wie die umliegende Hügellandschaft. Die Bäche in den Gebirgstälern führen viel Wasser, es ist Ende Februar und bald führen sie noch mehr Wasser und werden die Täler begrünen – der Schneeschmelze auf dem hohen Atlas (höchster Punkt – 4167 m.ü.M.) sei Dank. Besonders im Frühling, wenn die Jasmin- und Orangenbäume blühen, soll es hier wunderschön sein. Auf dem Weg nach Asni, dem Reiseziel, machen wir bei einer Arganölplantage Halt. Dort wird jeder einzelne Arbeitsschritt – vom Anbau über die Ernte, bis zur Fertigstellung des Öls – gezeigt. Faszinierend ist, dass die Herstellung des Öls durch reine Handarbeit bewerkstelligt wird. Nach einem Pfefferminztee und einigen Datteln geht die Fahrt weiter.

Vor uns liegt eine lange Gerade, die Baumkronen links und rechts am Strassenrand treffen sich in der Strassenmitte und spenden dem Fahrer eines holprigen dreirädrigen Motorrads Schatten. Die Szene scheint aus einer lang vergangenen Zeit zu stammen.

Bildquelle: Stephan Wüest
Irgendwo zwischen Marrakesch und Asni

Am nächsten Morgen nach einer wohlverdienten Auszeit

Der Pfefferminztee, den der ganz in weiss gekleidete Kellner diskret heranreicht, riecht köstlich. Traditionell marokkanisch angerichtet – viel Pfefferminz, viel Zucker, bitter, aber mehr süss als bitter. Das morgendliche Sonnenlicht lässt das Atlasgebirge in einer unglaublichen Farbenpracht scheinen – Erdtöne und viel Grün im Kontrast zum blauen Himmel. Zu hören sind höchstens zwitschernde Vögel und das Gebet des Muezzins, das durch das Gebirge hallt. Eine wahrhaft pittoreske Szenerie.

Am späten Nachmittag.

Vor der Sicherheitsschleuse der burgartigen Herberge erwartet mich ein junger einheimischer Fahrer mitsamt Geländewagen und die rund einstündige Fahrt zum Flughafen nimmt ihren Lauf. Der Mann erzählt in fliessendem Französisch, wahlweise in Englisch, allerlei spannende Geschichten aus seinem Leben. Er ist Ehemann und Vater von zwei Kindern. Seine Kinder besuchen die Grundschule und leben mit der Mutter in einem Dorf im Atlasgebirge – nicht im touristischen Zentrum. Der Mann begleitet häufig mehrtägige Privattouren, die durch fast das ganze Land führen – Von Städten über die Wüste bis hin zu Skigebieten. Wenn er keine mehrtätigen Touren begleitet, lebt er in einem Aussenquartier von Marrakesch in einer WG mit vier Männern. Dass er seine Familie für drei Wochen nicht sieht, ist keine Seltenheit. Wie es seiner Familie gehe und ob die Familie von den Touristentouren gut leben könne, nimmt mich wunder. Seine Offenheit freut und irritiert mich gleichzeitig. Irritiert, weil die vierköpfige Familie von einem Einkommen lebt, das tiefer ist als ein Schweizer Lehrlingslohn im letzten Lehrjahr. Die Lebenshaltungskosten in Marokko sind deutlich niedriger als in der Schweiz, trotzdem regt mich diese Aussage zum Nachdenken an.

Während der Fahrt erzählt er weitere Geschichten über die Schulbildung im Land, wie die Arbeitsbedingungen im Tourismus sind, welches seine Lieblingsorte im Land sind und noch vieles mehr. Dabei hat der Mann nicht einmal über alltägliche Kleinigkeiten oder seine Lebensumstände gemeckert. Diese Anekdoten versuche ich mir immer wieder vor Augen zu führen. Denn gerade in der wohlstandsverwöhnten Schweiz, wo alles wie am Schnürchen läuft, fällt es einem viel leichter, sich darüber zu empören, dass sich der Bus um zwei Minuten verspätet, anstatt für die vielen Male dankbar zu sein, in denen er pünktlich, geschweige denn, überhaupt gekommen ist.

Bei der herzlichen Verabschiedung am Flughafen versichert er mir, dass er meinem Wunsch nachkommt und mit dem Trinkgeld Bücher für seine Kinder kauft.

Schon bald rollt das Flugzeug über die Startbahn und macht sich von einem sehr kontrastreichen und spannenden Land auf den Rückweg in die Schweiz.

Von Stephan Wüest

Nach etwas mehr als drei Stunden Flugzeit setzt das Flugzeug am frühen Morgen auf der Landebahn vom Marrakech Menara International Airport auf. Der futuristische Neubau zeugt davon, dass der Tourismus in Marrakesch boomt und kräftig in die Infrastruktur investiert wird. Die Stadt möchte nicht konservativ sein, das war sie auch nie, sie ist liberal, tolerant und sehr weltoffen. Obwohl Marrakesch nicht Marokkos Hauptstadt ist, spielt sich das Leben in dieser quirligen und sagenumwobenen Stadt ab. Das Atlasgebirge hingegen beeindruckt mit atemberaubenden Landschaften und unglaublicher Ruhe. Diese zweiteilige Reisereportage beginnt in Marrakesch, geht durchs Atlasgebirge und endet wieder in Marrakesch und schildert einige Eindrücke der kontrastreichen Kultur Marokkos.


Ein Beitrag von Gastautor Stephan Wüest


Nachdem ich mir den Weg aus dem Flughafengebäude gebahnt habe, beginnt die Taxifahrt zur Stadtmauer der Altstadt. Mitten im marokkanischen Verkehr, versucht der Taxifahrer sein Lenkrad vom darin verhedderten Telefonkabel zu befreien. Erstaunlich gelassen denke ich mir «das kommt schon gut». Schliesslich gelingt es ihm auch und nach ein paar Minuten endet die Fahrt unversehrt am Stadttor Bab Laksour. Der Weg zur Unterkunft führt mich durch die engen und deshalb autofreien Gassen des Altstadtlabyrinths. Hier wuseln nur Esel, Motorräder und Menschen umher. In dieser Stadt sollte man gar nicht erst versuchen die Kontrolle über das Geschehen zu bewahren. Am besten geht man einfach mit dem Flow mit und geniesst es. Nach ein paar Gehminuten komme ich beim Riad an und eine kleine Frau öffnet mir sehr freundlich die Tür. Riads sind Gästehäuser mit einem Innenhof, die selten Fenster zur Strassenseite haben. Die Bauform hat die Vorteile, dass sie das Gebäude im Sommer von der sengenden Hitze schützt und im Winter die Wärme nicht verloren geht. Von aussen ahnt man nie, was für eine Pracht einen im Inneren der Gebäude erwartet. Die Türe schliesst sich hinter mir, das lärmige Gewusel und der Benzingeruch der Motorräder bleibt auf der Strasse. Der Geruch von Orangenblüten und dem landestypischen Pfefferminztee, der mir gerade in hohem Bogen eingeschenkt wird, ist angenehm präsent im Raum. Ausser dem Vogelgezwitscher und dem Wasser im Schwimmbad hört man nichts. Der Innenhof ist prächtig bepflanzt, riesige Liegen säumen das Schwimmbad und das Wasser schillert im Sonnenlicht. In den nächsten Tagen erkundige ich einige der Sehenswürdigkeiten in und um Marrakesch.

Bildquelle: Stephan Wüest
Innenhof eines Riads

 

1.     Jardin Secret, Medina

Dieser rund 400 Jahre alte ehemalige Palast ist seit rund elf Jahren wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Gartenanlage ist wunderschön bepflanzt, die Schildkröten und grünen Bodenplatten runden das Gesamtbild ab. Dass der Garten mit Schmelzwasser aus dem rund 30-40km entfernten Atlasgebirge bewässert wird, zeugt von dem hohen Wissensstand vor einigen hundert Jahren.

 

2.       Jardin Majorelle und Musée de Yves Saint Laurent

Am besten besucht man den Jardin Majorelle am Morgen, direkt nachdem er geöffnet wurde. So kommt man praktisch alleine in den Genuss der über 100 Kakteen, die Yves Saint Laurent und sein Partner Pierre Berger aus der ganzen Welt importiert haben. Zentrum des Gartens bildet ein in Majorelleblau gestrichenes Wohnhaus. Dieses geht auf den französischen Maler und ursprünglichen Besitzer Jacques Majorelle zurück.

Direkt neben dem botanischen Garten befindet sich das erst 2017 eröffnete Musée de Yves Saint Laurent. Die Arbeit des Architekturbüros Studio KO ist herausragend. Das Museum, mit versetzter Backsteinfassade, empfängt die Besucher in einem kreisrunden Innenhof, in dessen Zentrum das Markenlogo YSL prangt. Im Museum sind zahlreiche Kleidungsstücke aus der Schaffenszeit von Yves Saint Laurent ausgestellt. Ein Besuch lohnt sich schon nur wegen der Architektur.

Bildquelle: Stephan Wüest
Innenhof des Musée de Yves Saint Laurent

Der botanische Garten und das Museum liegen in der Neustadt von Marrakesch – Gueliz genannt. Dieses Quartier ist ein Abbild der modernen Gesellschaft: Der Baustil der Wohn- und Geschäftshäuser ist stark standardisiert. Die Haustüren und Strassen sehen alle gleich aus. Restaurantketten und Nachtclubs für neu Zugezogene prägen das Quartierbild. Im Vergleich zur Altstadt fehlt es an Mannigfaltigkeit. Nichtsdestotrotz befindet sich das traditionsreiche Restaurant La Trattoria seit 1974 in diesem Quartier. Bereits Yves Saint Laurent sass unter den zahlreichen Kronleuchtern, welche den Innenhof und das opulente Wasserbecken abends schummrig beleuchten. Heute erinnern riesige von Yves Saint Laurent auf Stoff angefertigte Skizzen an die Vergangenheit.

 

3.     Medina, Djemaa el Fna und Medersa Ben Yousseff

Zentrum der Medina ist der wohl lauteste Platz in Marrakesch, der Djemaa el Fna. Dies ist der Hauptplatz der Stadt, wo Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler und Marktstände (heute Garküchen) schon seit hunderten von Jahren zur Tradition gehören. Die Marktschreier und Händler auf dem Platz sind durchaus aufdringlicher und lauter, als in den engen Gassen der Medina. Neben angeketteten Affen, in Käfigen gesperrten Reptilien und Schlangen wird allerlei billiger Ramsch verkauft. Aufgepasst: Wer hier beim Fotografieren eines Stands erwischt wird, wird von den Marktschreiern zum Bezahlen aufgefordert. Nachts, wenn der Rauch der Garküchen über dem Platz aufsteigt, ist dieser voller Leben und Geschichten. Der Djemaa el Fna ein Erlebnis, dass man miterlebt haben sollte – Jedoch gibt es sehenswertere Orte in Marrakesch. Zum Beispiel die Koranschule Medersa Ben Yousseff, welche ein architektonisches Highlight ist – wunderschöne, handgeschnitzte Holzverkleidungen verzieren das Gebäude auf der Innenseite.

 

4.     El-Badi Palast und Bahiapalast

Auch an Palästen mangelt es in Marrakesch nicht. Wer den El-Badi Palast besucht, findet sich dort vor zwei riesigen Wasserbecken und in der Tiefe angelegten Grünflächen wieder. Der nahegelegene Bahiapalast besticht durch Mosaike und ebenfalls schöne Gartenanlagen.

Wem der Rummel der Stadt über den Kopf wächst, kann im rund 15 Autominuten vom Stadtzentrum entfernten Beldi Country Club zur Ruhe kommen. Die sehr weitläufige Anlage besticht mit einer üppigen Bepflanzung, drei Schwimmbädern und einer traumhaft schönen Orangerie – Entspannung pur.

Die Zeit in Marrakesch neigt sich dem Ende zu. Am nächsten Tag startet die Fahrt ins Atlasgebirge und damit eine Fahrt in eine Oase der Ruhe…

 

Fortsetzung folgt…

Von Stephan Wüest

Am 6. Dezember findet die zweite Ausagbe der Radio4 Comedy Night in Zusammenarbeit mit FRJZ Jugendanimation Uster statt! Mit dabei: Erwin aus der SchweizFrank RichterKikoCenk Korkmaz und mehr!

Erwin aus der Schweiz:
Mit seinem Debütprogramm «Erwin aus der Schweiz» katapultierte sich Marc Haller an die Spitze der deutschsprachigen Comedy-Szene. Seine herrlich verschrobene Figur «Erwin»bescherte ihm viel Ruhm, Ehre und vor allem –volle Häuser. «Erwin aus der Schweiz» der etwas verklemmte, jedoch stets liebenswürdige Schweizer.

Frank Richter:
Dem Comedy-Senkrechtstarter gelingt eine witzige Gratwanderung zwischen heftig und charmant. Tabuthemen kennt er nicht. Ob seine Kindheit bei den Zeugen Jehovas, Buchtipps von Natascha Kampusch oder Opas Nazi-Vergangenheit, Frank Richter nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit spitzbübischen Grinsen und einer Prise Zynismus zeigt er dem Publikum, was in der Welt der Schönen und Reichen wirklich abgeht.

Kiko:
Er kommt aus der Dominikanischen Republik, hat viel Sonne im Herzen – und noch mehr lockere Sprüche auf den Lippen: Kiko vereint Schlitzohren-Humor mit authentischem Storytelling. Er ist der Gewinner des Swiss Comedy Awards 2018 in der Kategorie „Young Talents“

Cenk Korkmaz:
Tosender Beifall, Standing Ovations und ein abendfüllendes Programm in ausverkauften Theatersälen – davon hat Cenk Korkmaz keinen blassen Schimmer. Mit einer Handvoll Auftritten gilt der Winterthurer als Newcomer unter den Newcomern. Dabei scheint er selbst nicht immer zu wissen, wohin die Reise geht und was als nächstes passiert.

Radio4 Comedy Night 2019

Datum: 6.Dezember 2019
Abendkasse: 19:00 – 20:00
Tickets: 15 CHF (unter 16 Jahre: 10 CHF) Reservierung: ticket@radio4.ch

Türöffnung: 19:30
Show-Beginn: 20:10

Ort: frjz, Freizeit- und Jugendzentrum, Zürichstrasse 30, 8610 Uster

 

 

Text: Radio 4 TNG

Till, 16 Jahre alt, Schüler: Erstmal Instagram checken, nächster Song auf Spotify wählen, überlegen was ich heute auf Netflix schaue, zack Zalandobestellung rausgeschickt. Hmm, Was wollte ich schon wieder machen? Ach ja, die Schularbeit. Oh, kurz noch eine Nachricht an Anne: «Hey, Anne. Heute noch Lust zum Joggen?». Du kennst diesen oder einen ähnlichen Ablauf ziemlich sicher auch.


Ein Beitrag von Gastautor Stephan Wüest


Aktuell beschäftige ich mich oft mit Fragen zum Thema Digitalisierung und deren Auswirkungen auf das „Miteinander“ in einer Gesellschaft. Dabei fällt mir auf, dass Achtsamkeit, Empathie und Ruhe immer weniger Raum erhalten – vor allem wegen der omnipräsenten Berieselung mit Informationen durch Smartphones etc. Das Gehirn ist konstant damit beschäftigt, unterschiedliche Informationen zu verarbeiten und hat deshalb immer weniger Kapazitäten sich auf nur Etwas zu fokussieren. Wahrscheinlich hast du bereits zwei Push- Benachrichtigungen erhalten, seit du diesen Text liest.

Statistiken belegen, dass weltweit Depressionen, Angstgefühle, Unzufriedenheit und soziale Isolation insbesondere bei Jugendlichen zunehmen. Die Ursachen dafür liegen in einem Leben, welches zunehmend online, anstatt offline stattfindet und somit weniger zwischenmenschlichen Austausch erfordert. Hunderte Kurznachrichten am Tag vermitteln das Gefühl einer realen Konversation. Doch dies ist ein Trugschluss – man nimmt z.B. weder die Mimik, Gestik, den Geruch, die Tonhöhe, Sprechgeschwindigkeit noch die Umwelt seines Gegenübers wahr. Es braucht diesen «realen» Austausch, um den Umgang mit anderen Menschen zu lernen. Sich zu lieben, zu streiten, zu vertragen, miteinander zu sprechen, Freundschaften zu schliessen, aktiv zuhören, auf andere und sich selber Acht nehmen, Empathie und Toleranz – Das sind alles menschliche Eigenschaften, die auf Kosten der Bildschirmzeit dahinschwinden. Die Generation Z wächst als allererste Generation in einer praktisch vollständig digital vernetzten Online-Welt auf. Deshalb ist sie besonders mit der Gefahr konfrontiert, diese menschlichen Eigenschaften, welche für das Zusammenleben enorm wichtig sind, nicht mehr zu beherrschen bzw. zu kennen. Aus diesem Grund müssen «die Älteren» eine Vorbildfunktion einnehmen. Sich offen lieben, streiten, vertragen, miteinander sprechen, sich aktiv zuhören, Haltung bewahren, mit einer eigenen reflektierten Meinung auftreten und so den Folgegenerationen vorleben, wie wichtig diese Fähigkeiten sind. Schliesslich lernen Kinder von ihren Vorbildern, besonders von den Eltern.

Ohne darüber zu werten, respektive eine Generation für irgendetwas zu beschuldigen, ist der Begriff Generation Schneeflocke, stv. für Generation Z, nicht von weit hergeholt.

Stephan Wüest

Tiefe Widerstandsfähigkeit in Krisen, hohe emotionale Verletzlichkeit und psychische Instabilität in der Generation Z definieren den Begriff Generation Schneeflocke. Haltung, Mut, Widerstandsfähigkeit und Durchhaltewille lernt man im Umgang mit anderen Menschen und den daraus resultierenden Reibpunkten. Ja, im realen Leben erfordert der Umgang mit Menschen einigen Mut. Dennoch bleiben wir trotz digitaler Vernetzung Menschen und brauchen somit diese Fähigkeiten für eine funktionierende Gesellschaft. Wie werden die Kinder der Generation Z einmal aufwachsen? Was geschieht, wenn Menschen grundlegende soziale Fähigkeiten verlernen? Wird der Mensch zunehmend den Draht zu anderen Menschen und zu sich selbst verlieren?

Kommunikation ging noch nie so einfach und schnell wie heute. Eine Nachricht in einem Gruppenchat mit 150 Mitgliedern zu posten erfordert weitaus weniger Mut und Energie, als auf einer Bühne vor 150 Leuten zu stehen. Massenweise vergiftete Hasskommentare beleuchten die Kehrseite von Social Media. Wer würde offline schon den Mut aufbringen vor Tausenden Leuten eine Einzelperson blosszustellen? Beiträge die Gier, Wut und Neid auslösen, erzeugen Aufmerksamkeit und Social Media funktionieren dank Aufmerksamkeit – dank deiner Aufmerksamkeit. Dazu später mehr.

Tunnelblick – An einem Bahnhof sind die meisten Menschen mit Kopfhörern in den Ohren in ihre Bildschirme vertieft. Die Wahrnehmung liegt auf dem Bildschirm, nicht auf dem einen umschliessenden Geschehen. Kein nach oben schauen, hören und innehalten. Hinter dem Starren auf den Bildschirm, dem sichtbaren Tunnelblick, verbirgt sich auch ein unsichtbarer Tunnelblick – Der Tunnelblick, der im Kopf abläuft. Angenommen einer der wartenden Menschen am Bahnhof ist der anfänglich erwähnte Till. Till verbringt täglich rund zwei Stunden an seinem Smartphone (Statistiken belegen, dass diese Werte häuft stark nach oben ausschlagen). In den 10 Minuten bis der Zug einfährt, konsumiert er, wie über 1 Milliarde andere, nutzungsbasierte Inhalte auf Instagram, Spotify, Snapchat und vielleicht noch Newsportalen. Social Media Apps sind leicht bedienbar, schnell zugänglich und bieten grosses Suchtpotenzial. Tills Medienkonsum füttert die Algorithmen mit seinen Nutzungsdaten. Dabei lernt das Programm, welche Inhalte Till mag und zeigt ihm noch mehr und noch spezifischere Inhalte an, die seine Interessen widerspiegeln. Till interessiert sich für Fussball, deutsche Sportwagen, Rapmusik und der Politik seiner Lieblingspartei. Damit gehört er zu einer Gruppe mit ähnlichen Interessen. Diese Gruppen konsumieren logischerweise ähnliche Inhalte wie Till. Besonders Inhalte die Wut, Gier oder Angst auslösen, erzeugen am meisten Aufmerksamkeit auf Social Media Plattformen. Die grosse Aufmerksamkeit, die diese Inhalte erhalten, erwecken das Bedürfnis, mehr dieser Inhalte zu konsumieren und folglich mehr Zeit auf Social Media Plattformen zu verbringen. Hast du schon einmal deinen Instagramfeed genauer betrachtet? Es ist kein Zufall, dass die App die geposteten Beiträge nicht mehr chronolgisch, sondern eben nutzungsbasiert anzeigt. Je intensiver Till die App nutzt, umso eintöniger werden die Inhalte, die er konsumiert – Fussball, deutsche Sportwagen, englische Rapmusik und die Politik seiner Lieblingspartei. Grösserer Freiraum für Kreativität, kritisches Denken, Meinungsverschiedenheiten und Horizonterweiterungen sind Botschaften, mit denen die Social Media Unternehmen ihre Dienste legitimieren. Jedoch ist das Gegenteil Realität – Einfältigkeit, ein Tunnelblick und im Extremfall ein lähmender Zustand, ausgelöst durch eine Reizüberflutung der chaotischen Eindrücke und Bilder, die Till daran hindern aktiv am Leben teilzunehmen. Eine Stunde kopflos auf Social-Media Feeds zu stöbern geht rasend schnell vorbei.

«Hey Till, Joggen um 18.00 Uhr geht klar.»

Ich finde, dass man technologischen Fortschritt nicht verteufeln sollte, obwohl er zahlreiche negative Folgen und Nebeneffekte mit sich bringt. Denn ich bin davon überzeugt, dass er das Leben in vielen Bereichen sinnvoll und nachhaltig erleichtert. Aber bestimmt soll man den Technologischen Fortschritt nicht widerstandslos und unreflektiert als gegeben und nicht beeinflussbar annehmen. Hier kommen die Achtsamkeit und Aufmerksamkeit ins Spiel. Wenn die eigene Aufmerksamkeit durchgehend überall ausser im Moment ist, tanzt man auf vielen Parties gleichzeitig, nur nicht auf der eigenen. Till fühlt sich machtlos und ist frustriert, weil er seinen Zielen nicht näherkommt oder weil die Gedanken so vernebelt sind, dass er seine Ziele und sich selbst gar nicht mehr bewusst wahrnimmt. Er ist nicht machtlos, er muss sich nur hinsetzen, denken und aktiv werden.

Bewusste Offline-Phasen mit zwischenmenschlichen Interaktionen ermöglichen emotionale Verbundenheit mit seiner Umwelt und seinen Freunden, Freiraum für Kreativität und Erfahrungen, eine differenzierte Meinungsbildung, kurzum Horizonterweiterungen und geben somit, das Rüstzeug für ein selbstbestimmtes Leben.

«Hey Anne, ich freue mich aufs Joggen. Bis nachher!»

Von Stephan Wüest