Die Streichung zahlreicher Kulturprogramme des SRF und WDR hat für Literaturaffine eine grosse Lücke hinterlassen. Deshalb habe ich ein Videoformat ins Leben gerufen, um dem Schweizer Buchschaffen eine Stimme zu geben. Jetzt im Dezember lasse ich das Jahr Revue passieren.

Streichungen Kulturprogramme

Ende 2020 und Anfang 2021 strichen und kürzten SRF und WDR wichtige Kulturprogramme. Dadurch verloren viele Autorinnen und Autoren ihre Bühne. Diese Streichungen lösten etwas in meinem Buchhändler-Ich aus. Ich wollte nicht mehr untätig dasitzen und zusehen, wie Literatur aus der Schweiz immer mehr von den Riesen aus dem Ausland in die Ecke gedrängt wird.

Zu diesem Zeitpunkt kam ich aus einem Praktikum, bei dem ich viel über Videoproduktionen gelernt habe. Wie läuft ein Videodreh ab, worauf muss ich beim Filmen achten, wie arbeite ich hinter der Kamera? Gerade auf Social Media sind Videos aktueller den je.

Von der Idee zur Realisierung

Hinter der Schweizer Buchbranche stehen viele inspirierende Persönlichkeiten. Nicht nur Autorinnen und Autoren, sondern auch Verleger:innen, Buchhändler:innen, Illustrator:innen, und noch viele mehr, die ich nicht alle aufzuzählen vermag. Diverse Seiten der Buchbranche, die meiner Meinung nach digital zu wenig zu Wort kommen. So entstand der Name für das Videoformat – Seitengeflüster!

Als ich das Projekt und die Finanzierung plante, ahnte ich noch nicht, dass ich erstmals vor der Kamera stehen werde. Dafür erhielt ich Unterstützung von Ole Niemann. Er hat Regie in Prag studiert und brachte aus seinem Studium Erfahrungen mit, wie man Videos aufnimmt und schneidet.

Behind the scenes: Umgeben von Büchern und Kameras, ready für die Pilotfolge.

So stand ich für die Pilotfolge im Mai 2021 erstmals vor der Kamera. Zu Besuch hatte ich die junge Inhaberin der Buchhandlung Leserei in Zofingen, Corina Friderich. Es war spannend von ihrem Schritt zur Selbstständigkeit zu erfahren und darüber zu sprechen, wie sie junge Erwachsene erreicht.

Die Pilotfolge war alles andere als perfekt. Es gab Audioprobleme und ich merkte, dass ich mich an mein Plätzchen vor der Kamera noch gewöhnen muss. Dafür habe ich unglaublich viel gelernt und mit Corina auch gleich eine gute Freundin gefunden.

Unsere Landessprachen

Mit „Seitengeflüster“ wollte ich nicht nur Persönlichkeiten aus der deutschsprachigen Schweiz zu Wort kommen lassen. Schliesslich ist es die sprachige Vielfältigkeit, die unsere Buchszene so besonders macht. Daher entschloss ich mich, mit dem diesjährigen Schweizer Kinder- und Jugendbuch-Gewinner Martin Panchaud und mit, wahrscheinlich einigen von euch bekannt, Francesca Sanna zu sprechen. Grossen Erfolg feierte Francesca Sanna mit ihren Büchern „Die Flucht“ und „Ich und meine Angst“. Obwohl beide Illustrator:innen sind, entstanden inhaltlich zwei völlig unterschiedliche Interviews auf Französisch und Italienisch.

Behind the scenes: Ole Niemann mit Francesca Sanna
Behind the scenes: Ole Niemann mit Martin Panchaud

Ein Zuschauer hat der Folge mit Francesca Sanna, die im November 2021 erschienen ist, einige Worte auf LinkedIn gewidmet, über die ich mich unglaublich gefreut habe:

„Es ist ein beeindruckend wahrhaftiges und sehr persönliches Interview, das Deborah Amolini mit Francesca Sanna führt. Es ist ein sehr „italienisches“ Gespräch, und das hat wenig mit den schönen, aber erkennbar unterschiedlichen Akzenten der beiden Akteurinnen zu tun, sondern – in meinen Augen und Ohren – damit, dass es beiden gelingt, der künstlerischen Tätigkeit in ihrem Entstehen auf die Spur zu kommen.“

Francesca Sanna gewährt einen Blick hinter ihre Bücher.

Auswahl der Interview-Gäste

„Seitengeflüster“ sehe ich ganz klar als Nachwuchsprojekt. Gerade weil es nicht „so“ professionell ist, hoffte ich, auch Gleichaltrige zu erreichen, die gerne lesen und einen Blick hinter die Buchkulisse werfen wollen. Deshalb war es mir wichtig, dass ich mit jungen Branchenpersonen spreche. Junge, die etwas gewagt haben. Denn in den Medien kommen oftmals nur langjährige und erfahrene Branchenkollegen zu Wort. Mit „Seitengeflüster“ versuchte ich dem entgegen zu treten. Als ich von Jil Erdmann erfuhr, wusste ich sofort: Mit ihr will ich sprechen! Sie gründete 2020 den Verlag „sechsundzwanzig“. Im September 2021 erschien das erste Buch „Frauen erfahren Frauen.“

Einen eigenen Verlag gründen? Für Jil Erdmann nicht unmöglich!

Mein Fazit

Die erste Staffel von „Seitengeflüster“ endet per Jahresende. Hinter jeder Folge stecken eine Menge an Arbeitsstunden. Trotzdem hat es unglaublich viel Spass gemacht, die Folgen zu planen, drehen und veröffentlichen. Aus den Statistiken kann ich nicht herauslesen, wie viele junge Erwachsene ich mit diesem Projekt erreichen konnte. Die Aufrufe pro Video sind oftmals nicht besonders hoch. Kein Wunder bei der Menge an Videos, die täglich produziert werden. Schade finde ich das aber nicht, im Gegenteil. Ich kann nämlich stolz sagen, dass ich mein Mögliches gegeben habe, um die Lücke, die grosse Medienunternehmen mit der Streichung von Kulturprogrammen gebildet habe, ein wenig zu schliessen.


Alle aufgenommenen Interviews findest du in der Playlist:

Geschrieben von:

Eat the Spaghetti to forgetti your regretti

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