Die einzige Wahrheit ist, dass unsere Erinnerungen untrennbar zu uns gehören, und zwar jede einzelne, ob sie gut ist oder schlecht ist, sie allein machen deine Persönlichkeit aus.

– Alba Romero

Er blinzelt. In seinen Augen spiegelt sich die Verwunderung über die ganz neue Szene. Er scheint nicht genau zu wissen, warum er sich hier befindet, was er eigentlich gerade tut. Ein kurzer Blick auf die Uhr und er schreibt in sein Notizbuch „14.10: Jetzt bin ich richtig wach.“ 4 Minuten später wird die Zeile wieder durchgestrichen und darunter steht „14.14: Jetzt bin ich richtig wach.“ Das Buch ist gefüllt mit hunderten von Seiten mit den immergleichen Sätzen. Erkennen kann er seine Handschrift und so schreibt er ein paar Seiten weiter „Um 21.26 bin ich – trotz meiner bisherigen Behauptungen – das erste Mal wirklich erwacht.“

In ihrem Buch „Für immer heute“ beschreibt Clive Wearings Frau, wie sich das Leben ihres Mannes mit Amnesie, also Verlust des Gedächtnisses oder der Lernfähigkeit, gestaltet. Wearings Gehirn wurde 1985 von dem Herpesvirus befallen, welches große Teile seines Gehirns zerstörte. Unter anderem den Hippocampus, der eine Schlüsselrolle bei der Abspeicherung und beim Aufrufen von Erinnerungen spielt. Seinen Namen „Seepferdchen“ hat er seiner Form zu verdanken.

Erinnern ist für uns von großer Bedeutung. Was aber passiert, wenn Menschen wie Clive Wearing diese Fähigkeit verlieren? Auf diese und viele weitere Fragen versucht die Reihe Antwort zu finden, möchte Euch das Thema Erinnern näherbringen und Klarheit schaffen in und über die Gedankenbibliothek. Sie beschäftigt sich mit folgenden Themenbereichen:

  1. Erinnern
  2. Gedächtnis
  3. 2020 Rückblick
  4. Nachträgliche Manipulation
  5. Vergessen

Wer sind wir? Was macht unsere Persönlichkeit aus? Was ist uns wichtig, durch was wurden wir geprägt? Wie sind wir zu der Person geworden, die wir heute sind? Vielleicht braucht es einen kleinen Moment, aber es fällt uns, den Vornamen ausgenommen, etwas ein. Und nun stellen wir uns vor, diese Fragen nicht beantworten zu können, es nicht zu wissen. Befremdlich.

Mensch zu sein heißt, eine Sammlung von Erinnerungen zu haben, die einem sagen, wer man ist und wie man zu dem geworden ist.

– Rosecrans Baldwin

Die eigene Lebensgeschichte zu erzählen ist für uns von großer Bedeutung. Es bedeutet, sich seiner selbst bewusst zu sein, ein stimmiges Selbstbild entwickeln zu können; zu wissen, wer man in der Vergangenheit war und wer man in der Gegenwart ist. Es bedeutet, sich eine Idee der Zukunft ausmalen zu können.

Amnesie – Leben ohne Gedächtnis

Diese Fähigkeit wird Menschen retrograden Amnesie genommen, ihnen wird der Zugang zu ihrer Gedankenbibliothek verweigert, sie können sich an Teile der Vergangenheit nicht mehr erinnern. Wer sie sind, was sie ausmacht, wie sie zu diesem Menschen geworden sind – auf all die Fragen wissen Betroffene leider keine Antwort, sind gefangen in der Vergangenheit. Hingegen bei einer anterograden Amnesie, die zweite Kategorie in welche unterschieden wird, kann der Betroffene keine neuen Erinnerungen mehr bilden. Grundsätzlich ist meist nur das episodische Gedächtnis betroffen, also der Raum für persönliche Erinnerungen, während das prozedurale Gedächtnis für Fertigkeiten wie das Fahrradfahren funktionsfähig bleibt.

Sprechen wir von dem Vergessen, welches nicht durch eine Krankheit hervorgerufen wird, so gibt es zwei Theorien, welche allerdings noch nicht wissenschaftlich bestätigt sind. Es könnte sein, dass Engramme mit der Zeit verblassen und die Erinnerung somit mehr und mehr in Vergessenheit gerät. Die andere Theorie besagt, dass neue Engramme die alten überlagern und somit den Zugang versperren.

Einer Amnesie kann durch Schädigungen des Gehirns in gedächtnisrelevanten Regionen hervorgerufen werden, wie zum Beispiel durch eine Gehirnentzündung, Alkoholismus, ein Schlaganfall, Medikamente oder eine Verletzung bei einer Gehirnoperation. Neben den physiologischen Ursachen können auch psychologische Traumata zu Gedächtnisverlust führen, einer Krankheit, die dann als dissoziative Amnesie bezeichnet wird. Nach einem Autounfall verlieren Patienten manchmal ihre Erinnerung an frühere Ereignisse, wobei die Reichweite des Gedächtnisverlusts sehr unterschiedlich ist. „Häufig erholen sich diese Patienten wieder“, sagt der Psychologe Markowitsch. Weshalb dissoziative Amnesien auftreten, ist noch nicht ganz geklärt, es wird jedoch angenommen, dass sie durch die Auswirkung von Stresssituationen ausgelöst werden.

27 – und das für immer

Jeden Morgen steht er auf und wundert sich über das Gesicht, welches ihm aus dem Spiegel verwirrt entgegenblickt. Keine schwarzen Locken, sondern graues Haar thront auf seinem Kopf. „Es ist immer so, als sei ich eben erst aus einem Traum erwacht“, sagt er einmal, denn er ist sich nie sicher, wo er sich gerade befindet, warum er dort ist und wie er dahin gekommen ist. Erklärt ihm jemand ein ihm unbekanntes Wort, beispielsweise „Mobiltelefon“, so kann er es sich zunächst merken. Zwei Stunden später hat er jedoch nicht den kleinsten Schimmer mehr, was ein Mobiltelefon sein soll. Beim Golf spielen ist er immer wieder erstaunt über sein vermeintliches Naturtalent, denn es ist das erste Mal, „ich bin jung, vielleicht kann ich etwas daraus machen“ denkt er sich. Er weiß genau, wie man den Schläger hält, wie man ihn richtig schwingt.

Jedoch weiß er nicht, dass er eigentlich schon weit über 60 ist und dass er nicht zum ersten, sondern zum hundertsten Mal Golf spielt. Er weiß nicht, dass er schon lange nicht mehr Henry Molaison ist, wie es vorne in seinem Notizbuch steht, sondern der Patient H.M., eine medizinische Kuriosität. Der „Mann ohne Gedächtnis“, der für Neurowissenschaftler voller neuer Entdeckungen steckte.

Schon als Kind leidet er an epileptischen Anfällen, welche von Jahr zu Jahr zunehmen. Im Alter von 27 Jahren sind sie schließlich so stark, dass er seine Arbeit nicht mehr ausüben kann. Er sucht Rat, doch nichts kann ihm helfen. Kein Medikament, kein bisher bekannter Eingriff. Am 1. September 1953 wird er im Krankenhaus in Hartford in Connecticut betäubt. Der Neurochirurg Scoville bohrt zwei Öffnungen in den Schädel seines Patienten und entfernt auf beiden Seiten ein Teil des Schläfenlappens – den Hippocampus. Ein Experiment. Nach der Operation erlitt Molaison nie wieder einen Anfall und trotzdem wurde der Eingriff nicht ein einziges Mal wiederholt. Denn nicht nur die Anfälle blieben aus, sondern auch Molaisons Erinnerungsvermögen – der Eingriff führt zu einer retrograden Amnesie.

Für die Medizin öffnet sich eine Tür zu einem riesigen geheimnisvollen Raum voller Erkenntnisse und Forschungsmaterial. An Molaison kann man erstmals erklären, dass unsere gesamten Erinnerungen nicht wie vorher angenommen an einem Ort gespeichert werden, sondern das prozedurale vom episodischen, das Kurz- vom Langzeitgedächtnis getrennt ist. So kann man auch erklären, wieso Henry Molaison sich abends nicht mehr an sein Frühstück erinnern kann, aber das Golfspielen nicht verlernt.

Für ihn schließt sich jedoch leider die Tür zu einem selbstbestimmten Leben, zu seiner Orientierung in der Welt, in sich selbst. Er führt ein einfaches Leben, gefüllt mit Routinen, leer an emotionalem Neuland. Seit dem Eingriff kümmern sich Familienangehörige um ihn, da er den Alltag nicht allein meistern kann. Henry Molaison wird 82 Jahre alt, seine Persönlichkeit verharrt allerdings Zeit seines Lebens auf dem Stand des 27-Jährigen. Für viele Menschen gehört er klar zur Familie, auch wenn er vielleicht nicht weiß, wer sie sind.

„Die beinahe fundamentale Bedeutung des Erinnerns“

Die Bedeutung des Erinnerns ist für uns unermesslich. Nicht nur im persönlichen, sondern auch im allgemein gesellschaftlichen Kontext. Was ist in der Vergangenheit passiert? Welche Schritte wurden gegangen? Welche Bewegungen entstanden, wie ist man mit Konflikten umgegangen? Mein ehemaliger Geschichtslehrer quälte uns leidenschaftlich gern an jeder Prüfung mit der über die Zeit sehr einprägsamen Frage „Was ist Geschichte?“ Volle Punktzahl, wenn man Golo Mann „Geschichte ist das Gedächtnis der Menschheit“ zitierte, denn sie bewahrt, kritisiert und lobt unser Handeln. Können wir uns an Vergangenes erinnern, so können wir daraus lernen.

So erklärt beispielsweise der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages Professor Norbert Lammert in einem Interview der Augsburger Allgemeinen gegenüber den hohen Stellenwert Deutschen Erinnerungskultur. Deutschland arbeite die eigene Geschichte intensiv auf, insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus. Dies sei sehr wichtig, nicht nur aufgrund der besonderen Geschichte des Landes, sondern auch aus Respekt den Betroffenen gegenüber, den stets Trauernden. Die umliegenden Länder nähmen Deutschland nicht nur so war, wie es in der Gegenwart agiere, sondern hätten stets auch die Brille seiner Vergangenheit vor Augen. „Deswegen empfiehlt es sich schon aus diesem Grunde, mit der Vergangenheit offensiv umzugehen und da, wo sie sich als nicht besonders ruhmreich erweist, nicht anderen die Aufarbeitung zu überlassen, sondern selbst den Nachweis zu führen, dass das Teil der eigenen Identität ist“, sagt er.

Dieser ist der letzte Artikel aus der Gedankenbibliothek. Ich hoffe, die Reihe hat Euch gefallen und ihr könnt sie in guter Erinnerung behalten.

Geschrieben von:

ich bin für ein Faber-frohes Leben

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