Mit gespitzten Lippen und leicht erhobenem Näschen setzt er sich das Headset auf und schaltet den vor ihm aufgeklappten Laptop ein. „Ich habe jetzt einen Call!“ verkündet er stolz und ahmt dabei unverkennbar unsere Mutter nach. Prustend brechen meine Schwester und ich in Gelächter aus, es war einfach zu herrlich.

Ja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Während des Lockdowns im Frühling konnte man unsere Mutter jeden Tag gute vier Stunden geschäftstüchtig im Arbeitszimmer auf- und abschreiten sehen, ihrem Gesprächspartner auf der anderen Seite der Leitung stark gestikulierend etwas erklärend. Früher teilten sich beide Elternteile ein Büro, doch nachdem es sich zum dritten Mal ereignete, dass sie zur gleichen Zeit eine Konferenz abhalten mussten, durfte Papa seinen Standort in das Gästezimmer verlagern.

Teams, Zoom, WebEx,… all diese Namen sind zur Normalität geworden. So normal, dass sogar mein kleiner Bruder das Bild eines über Collaboration-Tools Konferenzen abhaltenden Arbeitenden imitiert.  

Wie hat Corona unsere Kommunikation untereinander verändert?

Vergangenen Freitag war der große Black Friday, auf den Online-Shopper mit Freude und Paketlieferanten mit Sorge hingefiebert haben. Als ich an dem Tag zur Tür hereinkam, führte meine Schwester gerade eine gefährlich aussehende Balanceübung aus: Ladekabel und Laptop in der linken, Plätzchendose mit Zimtsternen in der rechten Hand haltend setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen die Treppe hinauf. „Gleich rufen Anna und Salome an. Heute ist unser Mädels-Shopping-Nachmittag über Zoom, das volle Programm: Nägel lackieren, Masken auflegen, Online-Shoppen und dabei Plätzchen essen.“, erklärte sie.

Was vor zwei Jahren noch surreal wirkte, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Wir haben uns daran gewöhnt die Gesichter unserer Kollegen auf dem Bildschirm zu sehen, die leicht verzerrte Stimme, unser eigenes Gesicht in Rechteckform am unteren Bildschirmrand.

Meine Schwester schwimmt in einem großen Schwarm mit vielen anderen Fischen, alle in die gleiche Richtung: schaut sie nach rechts, links, oben oder unten umgeben sie zahlreiche Fische, jeder ein kleines Smartphone in der Flosse, auf dem er TikToks schaut. Sie alle treffen sich aufgrund der aktuellen Umstände nicht mehr mit ihren Freunden, um einen Schaufensterbummel zu machen, sie bleiben nicht in einem Café hängen, um sich die kalten Finger an einer Tasse heißem Kakao zu wärmen. Stattdessen verabreden sie sich über Zoom und halten den gemeinsamen Nachmittag mit Distanz ab.

Doch, ist das das Gleiche?

Video-Calls vermitteln nur einen Bruchteil unserer Selbst – außer bei Toni, den dank YouTube nun über 4 Millionen Menschen in Unterhose bewundern durften. Aber diese Fälle ausgenommen, kratzen wir in Anrufen über Online-Plattformen nur an der Oberfläche.

Wenn wir bei dem abendlichen Telefonat mit einem guten Freund doch noch versuchen, das eine tiefergehende Thema anzusprechen. Wenn wir krampfhaft versuchen, unsere Augenlieder offen zu halten und uns wundern, warum der doppelte Espresso vor einer halben Stunde nicht gewirkt hat. Wenn es uns einen leisen Stich versetzt, dass der andere uns nicht versteht und wir es ihm nicht so erklären können, wie wir es meinen. Aber das wollen wir uns nicht anmerken lassen, denn sonst entsteht das fünfte Missverständnis an diesem Abend. Also lächeln wir tapfer unser Dauerlächeln weiter und freuen uns schon auf die anschließende Gesichtsgymnastik, wie sie auch Alf von Melmak praktiziert. Schließlich müssen wir einsehen, dass etwas anders ist und sich die Längen unserer Wellen verändert haben. Dennoch versuchen wir mit sich allmählich einspielender Monotonie die beiden Werte auf einem Nenner zu halten. Aber es ist nicht einfach und schon gar nicht das Gleiche.

Wir erhalten die Themen im Leben unseres Gegenübers bereits aussortiert, gewaschen und mundgerecht geschnitten. Alles, was noch gesagt werden könnte, wurde bereits durchdacht. Man hat sich seine Haltung überlegt und was bleibt ist das Berichten des schon Geschehenen. Wir versuchen dennoch das Konstrukt des Gesprächs künstlich aufrecht zu erhalten. Jedoch wirkt es unecht. Es fehlt das spontane Lachen, wenn einem ein Hund in Weihnachtspullover entgegenkommt, das aneinander Auffangen, wenn man fast vom Bürgersteig kippt, das Umarmen. Es fehlt das Zusammensein, das gemeinsam etwas Erleben.

Den Menschen nicht verlieren

Jenen fehlt es am meisten, den Großeltern im betreuten Wohnen, die momentan keinen Besuch empfangen dürfen, Menschen mit Vorerkrankungen, die sich selbst besonders schützen müssen, Studierende, die gerade erst ausgezogen sind und denen empfohlen wird, keine neuen Kontakte in einer fremden Stadt zu knüpfen. Eine gute Freundin von mir ist gerade erst nach Würzburg gezogen, um dort Grafisches Design zu studieren. Wenn wir telefonieren, erzählt sie mir wie schwer es ihr fällt, Fuß zu fassen und wie gerne sie neue Leute kennenlernen möchte. „Denke gerade an dich“, schreibe ich ihr manchmal. Letztens hat sie mir gesagt, jedes Mal, wenn eine solche Nachricht auf ihrem Handy erscheint, ziehen sich ihre Mundwinkel nach oben. Ich würde mal sagen, Ziel erreicht.

In diesem riesigen Kabelsalat aus Teams-Matrizen, WhatsApp-Gruppenchats mit 400 Teilnehmern, von denen man die Hälfte gar nicht kennt und Video-Calls mit 10-fach geteilten Bildschirmen dürfen wir nur jeweils den Anfang und das Ende des Kabels nicht aus den Augen verlieren: den Menschen am anderen Ende der Leitung.

Mein Bruder hat mittlerweile seinen Call beendet, fein säuberlich den Rechner zugeklappt und mich gebeten, ihm vorzulesen. „So, genug digital für heute.“

Geschrieben von:

ich bin für ein Faber-frohes Leben

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