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„Wie der Halbbart zu uns gekommen ist, weiss keiner zu sagen, von einem Tag auf den anderen war er einfach da.“

So beginnt die Geschichte von Eusebius, kurz Sebi, der Protagonist von Charles Lewinskys neustem Werk „Der Halbbart“. Charles Lewinsky, 1946 in Zürich geboren, gilt als einer der bekanntesten Schweizer Schrifsteller. Der Autor, bekannt durch Romane wie „Melnitz“, widmet sich in seinem neusten Roman „Der Halbbart“ der Geschichte der mittelalterlichen Eidgenossen rund um den Marchenstreit und der Plünderung des Klosters Einsiedeln, die eine der Ursachen der Schlacht am Morgarten war. Sein Roman, der für den diesjährigen Schweizer Buchpreis nominiert wurde, handelt von Sebis Weg zum Erwachsenen und seiner Bekanntschaft mit dem Halbbart, ein Fremder, der plötzlich in Sebis Dorf kommt. Den Namen „Halbbart“ bekam er, weil eine seiner Gesichtshälften komplett entstellt ist und ihm deswegen nur ein halber Bart wächst. Wer er genau ist und woher er kommt, weiss keiner- doch schnell wird er im Dorf für seine Heilmittel und sein grosses Wissen bekannt.

Neben dem Halbbart prägen weitere Figuren Sebis Leben. Seine beiden Brüder Geni und Poli, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sein erster Schwarm namens Kätteli. Der Onkel Alisi, der nach dem Krieg in Italien nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Die Teufels-Anneli, die letztendlich zu Sebis Lehrmeisterin im Geschichten erzählen wird. Egal, wie weit sich Sebi im Verlauf der Geschichte vom Dorf und seinen Bewohnern entfernt, irgendwann kommt er immer zurück. So führen seine Reise ins Kloster Einsiedeln oder die Flucht in ein anderes Dorf letzten Endes doch wieder in seine Heimat zurück.

Freundschaft und Geschwisterliebe

Interessant fand ich die Beziehung zwischen Sebi und dem Halbbart. Während der Halbbart zu Beginn eine grosse Rolle spielt und Sebi in so gut wie jeder Lebenslage unterstützt und berät, nimmt sein Einfluss im Verlauf der Geschichte stetig ab. Je älter und erwachsener der Sebi wird, desto mehr kann er sich vom Halbbart loslösen, der für ihn bester Freund und Vaterfigur zu gleich wurde. Die Bedeutung, welche der Halbbart in Sebis Leben hat, wird am Schluss in einer traurigen Szene hingegen wieder deutlich. Auch die Beziehung zwischen Sebi und seinen Brüdern verändert sich auf den knapp 700 Seiten stark: Während Geni für Sebi immer wichtiger wird, scheint er sich von Poli immer mehr abzuwenden. Poli wirkt am Ende immer weniger wie ein Bruder, er scheint dem Sebi schon fast fremd zu sein. Diese Distanz, die sich zwischen Sebi und Poli im Verlauf bildet, fand ich einen sehr spannenden und schön aufgebauten Aspekt der Geschichte.

Durchdacht und gut informiert

Eindrücklich fand ich ausserdem die ausgeklügelte Art des Buches. Lewinsky gab jeder Figur eine individuelle und detaillierte Geschichte. Keine Figur blieb ohne Identität, jeder und jede hatte seine eigene, klar durchdachte Lebensgeschichte. Des Öfterens fragte ich mich beim Lesen, wie ein Mensch ganz allein auf solch eine Geschichte kommen kann. Lewinskys Roman strotzt grundsätzlich von historischer Genauigkeit, er schien bis aufs kleinste Detail genau recherchiert zu sein. Keine Lücke, keine Unlogik. Lewinsky hielt sich an die Regeln seines Buches, die er in Form einer Rede des Teufels-Annelis aufstellte.

„Man kann von allem erzählen, vom Teufel oder von Zauberern oder von Waldgeistern, und man kann sich ausdenken, was man will, weil diese Sache niemand überprüfen kann. Aber wenn du von einem Vogel erzählst, muss er fliegen und nicht schwimmen, und die Sonne muss am Tag scheinen und nicht in der Nacht.“

So fand sich in Lewinskys Roman keine Stelle, bei der ich an der Richtigkeit seiner Worte zweifelte. Seine Hauptaussage, dass Geschichten zur Wahrheit werden können, wiederspiegelt sich in seinem Werk. Manchmal denkt man sich beim Lesen, dass es gar nicht möglich ist, so viel Details und Kleinigkeiten zu erfinden, ein Teil der Geschichte müsse doch der Wahrheit entsprechen.

Mein Fazit

„Der Halbbart“ von Charles Lewinsky konnte mich dank seiner Liebe zu Details und den toll geschriebenen Sätzen überzeugen. Durch eingebaute Schweizerdeutsche Ausdrücke und Helvetismen entstand ein realistisches Bild der Eidgenossen aus dem Mittelalter. Auch wenn der Sebi bei manchen Stellen sehr stark abschweifte und die Geschichte oftmals in die Länge gezogen wurde, blieben die knapp 700 Seiten durchgehend spannend. Ob „Der Halbbart“ auch die Jury des Schweizer Buchpreis begeistern konnte, wird sich an der Preisverleihung am 8. November zeigen.

Kindheit, Trauer, Freundschaft, Tod, Abenteuer, Schmerz. Das alles steckt zwischen den 240 Seiten des neuen Romans das alles hier, jetzt von Anna Stern, welcher für den diesjährigen Schweizer Buchpreis nominiert ist. Die Autorin erzählt eine Geschichte vom Leben und vom Tod, die emotional berührt. Sie stellt die Vergangenheit und das Hier und Jetzt geschickt einander gegenüber und lässt ihre Leserschaft an der Erzählung teilhaben, als wären sie selbst der Protagonist, der zwischen Erinnerung und Gegenwart steht und weiss: «es dauert, es schmerzt, doch dann ist bald alles wieder, wie es nie war.»