Kindheit, Trauer, Freundschaft, Tod, Abenteuer, Schmerz. Das alles steckt zwischen den 240 Seiten des neuen Romans das alles hier, jetzt von Anna Stern, welcher für den diesjährigen Schweizer Buchpreis nominiert ist. Die Autorin erzählt eine Geschichte vom Leben und vom Tod, die emotional berührt. Sie stellt die Vergangenheit und das Hier und Jetzt geschickt einander gegenüber und lässt ihre Leserschaft an der Erzählung teilhaben, als wären sie selbst der Protagonist, der zwischen Erinnerung und Gegenwart steht und weiss: «es dauert, es schmerzt, doch dann ist bald alles wieder, wie es nie war.»

In der Literatur kann das begeistern, was einzigartig ist. Autorinnen und Autoren, die bei all den Büchern, die in der Menschheitsgeschichte bereits geschrieben worden sind, noch immer neue Formen des Erzählens finden. das alles hier, jetzt ist in genau einer solchen Weise geschrieben. Auf den ersten Seiten des Buches stehen jeweils nur einige Sätze. Links das was ist, rechts das was war. Fast 200 Seiten lang folgt auf jeder rechten Seite eine Erinnerung auf die nächste. Sie werden nicht chronologisch, dafür in einer etwas helleren Schrift erzählt. Auf Grossschreibung verzichtet Stern beim Schreiben komplett. Auch eine klare Zuordnung der Geschlechter der Charaktere bleibt aus. Die Figuren tragen spezielle Namen, die ihr Geschlecht nicht eindeutig feststellen lassen. Aus dem Kontext kann zwar spekuliert werden, doch Raum für Interpretation bleibt offen.

Wie «Du» die Geschichte erlebst

Kurz nach Beginn des Buches wechselt der «Ich-Erzähler» ichor in die «Du-Perspektive». Ab diesem Moment wiederfährt alles, was ichor passiert, «dir». Auf den rechten Seiten erlebst du viele Abenteuer, eine Kindheit inmitten zweier Familien, die sich sehr nahe stehen und Freunden, mit denen du alles teilst. Auf den linken Seiten erlebst du einen grossen Verlust. ananke war Teil eures Freundeskreises, verstirbt jedoch zu Beginn der Geschichte, die in der Gegenwart spielt. ichor und ananke waren sich nahe, was aus all den Erinnerungsepisoden schnell ersichtlich wird. Wie nahe genau ist erneut Spekulationssache. Was dagegen ziemlich deutlich wird ist, dass es zwischendurch auch Konflikte gab. ananke war nicht immer eine einfache Persönlichkeit. Das macht es jedoch nicht leichter loszulassen, denn ananke ist selbst nach dem Tod noch überall. In der Erinnerung an gewisse Mahlzeiten, Objekte oder Aktivitäten, welche du ab sofort zu vermeiden beginnst. Und doch ist es dir, ichor, unglaublich wichtig, dass keine Erinnerung verloren geht. Alles muss aufgeschrieben werden. Die Beerdigung, Momente mit dem verbleibenden Freundeskreis oder mit der Familie. Das alles, hier und jetzt wird (für die Leserschaft) auf den linken Buchseiten festgehalten. 

Die Erzählungen der Gegenwart wirken jedoch meist kälter und karger im direkten Vergleich mit den bunt und detailreich beschriebenen Erinnerungen aus der Vergangenheit. Doch auch im hier und jetzt taucht so manche akribische Beschreibung auf, wie beispielweise drei aufeinander folgende Buchseiten, auf denen Erdbestattung, Kremation und Alkaline Hydrolyse definiert werden. Anna Sterns Buch lebt von dieser unberechenbaren Vielfalt an Inhalten, die auch ohne eine gewisse Handlung voranzutreiben klar eine Geschichte erzählen. 

Sprachliche und stilistische Besonderheiten

Auch sprachlich gibt der Roman mehr her als nur schriftdeutschen Text. Passagen sind auf Englisch, Französisch und Italienisch geschrieben. Manche Sätze sind vollständig, andere sind es nicht. Dies sorgt an manchen Orten für Leerstellen, die wir als Lesende selbst füllen. Oder aber es wird auch ohne eine grammatikalische Vollständigkeit klar, was gemeint ist. An manchen Stellen wirkt Sterns Buch stilistisch gesehen wie Texte aus der modernistischen Epoche. Fragmentierung und experimenteller Umgang mit ungewohnten formalen Besonderheiten erinnern beispielweise an Virginia Woolfs Mrs Dalloway. Ein Roman, den Stern in ihrer Erzählung sogar selbst zitiert.

Wichtig zu betonen ist jedoch, dass nach diesen 200 Seiten mit geteilter Struktur das Buch nicht endet, sondern in einem zweiten Teil noch einmal an Fahrt aufnimmt. In Form eines Fliesstexts wird nämlich zum Zeitpunkt, wo anankes Tod genau 150 Tage her ist, eine längere und zusammenhängende Geschichte des verbleibenden Freundeskreises erzählt. Spätestens dann wird auch klar, weswegen auf dem Cover des Buches ein Adenauer-Mercedes abgebildet ist. Die verbleibenden vier Freunde machen sich nämlich auf einen Roadtrip. Wohin sie fahren und welchen Zweck sie mit ihrer Reise verfolgen, werde ich an dieser Stelle aber nicht vorwegnehmen.

Fazit

das alles hier, jetzt ist ein Buch wie kein anderes, das ich bisher gelesen habe. Es ist überraschend, packend und wahnsinnig ehrlich, was die Darstellung der starken Emotionen angeht, die in diesem Buch empfunden werden. Vom Stil her mag womöglich eine gewissen Gewöhnungsphase von Nöten sein, doch wem dieses Experimentelle und Unausgesprochene gefällt, wird sich schnell damit anfreunden. Mir zumindest ging es so, dass mich das Rätseln auf Grund gewisser unbeantworteter Fragen sehr mitgerissen hat. Ausserdem liess mich die «Du» Erzählperspektive den Roman aktiv miterleben, was einen enorm interessanten Zugang beim Lesen schafft. Alles in allem hat mir Anna Sterns Roman sehr gut gefallen. Ob es der Jury des Schweizer Buchpreises ebenfalls so erging und ob der Roman womöglich sogar ausgezeichnet wird, erfährst du am 8. November.

Geschrieben von:

"Write it. Shoot it. Publish it. Crochet it. Sauté it. Whatever, Make!" - Joss Whedon

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