Das Jahr revuepassieren lassen. Sich das Erlebte noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Nachdenken. Reflektieren. In den Rückspiegel schauen und dabei aber bitte nicht den Blick durch die Frontscheibe verlieren. Kurz vor Jahresende werden wir noch einmal so richtig schön melancholisch, überlegen uns, wie wir diesen bestimmten Zeitraum genannt Jahr in Erinnerung behalten wollen, sprechen vielleicht noch einmal besonders euphorisch von diesem wunderschönen gemeinsamen Wochenende in den Bergen. Ja, wie sieht es aus mit 2020? Wollen wir noch schnell ein paar Erinnerungen an gewisses Erlebtes etwas, sagen wir, formen? Oder haben wir das vielleicht unterbewusst schon getan?

Diese Reihe möchte Euch das Thema Erinnern näherbringen und Klarheit schaffen in und über die Gedankenbibliothek. Sie beschäftigt sich mit folgenden Themenbereichen:

  1. Erinnern
  2. Gedächtnis
  3. 2020 Rückblick
  4. Nachträgliche Manipulation
  5. Vergessen

Eine nachträgliche Veränderung der Erinnerung kann vorgenommen werde durch …

… den Geschichtenerzähler Gedächtnis

Wenn meine Großmutter etwas aus ihrer Kindheit erzählt, dann „ist Ruhe im Karton“, wie sie zu sagen pflegt. Alle hören ihr gespannt zu, wie sie mit ihrer tiefen geheimnisvollen Stimme von eingeschneiten Häusern und eilenden Schneeschippern berichtet. Die Türe war nicht zu öffnen, nur noch durch einen schmalen Spalt konnte Licht in das Innere des Hauses dringen, sonst war alles dunkel. Nach zwei Tagen des Tee Trinkens, Spiele Spielens und Konserven Essens kam endlich die Langersehnte Schneeräumtruppe. Sie weiß genau, wie man eine gute Geschichte erzählt, wo man den Höhepunkt setzt, was man weiter ausführt, was man besser weglässt.

Unser Gedächtnis ist ebenfalls ein gekonnter Geschichtenerzähler. Es hebt manches hervor, lässt dafür anderes weg, füllt Lücken, baut Erinnerungen so um, sodass sie ihm logisch erscheinen. Seine Logikdefinition stimmt hierbei nicht zwangsläufig mit der einer Realität überein. Unser Gehirn schwächt mit der Zeit Erinnerungen an negative Erfahrungen ab und pustet noch etwas Staub darauf, wohingegen positive im Rampenlicht präsentiert werden. Besonders eindrückliche, für uns wichtige Erfahrungen werden sehr klar gespeichert, weswegen wir uns noch Jahre später an viele Details zu erinnern vermögen. Aber genau das Gleiche werden wir nicht im Stande sein zweimal zu erleben, wahrzunehmen, zu sehen. Wir sprechen von „rückblickend“, doch können nicht noch einmal hinschauen, denn letztlich ist eine Erinnerung schlicht eine alte Fotografie, bei deren Kamera der subjektiv Regler bis zum Anschlag gedreht wurde. Oder wie Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung sagen würde, „Erinnerungen sind auch nur datengestützte Erfindungen“.

… die erneute Abspeicherung

Wenn wir uns erinnern, läuft der gesamte Abspeicherungsprozess nochmals ab. Diese sogenannten „Rekonsolidierung“ gibt uns für einen kurzen Moment die Möglichkeit diese Erinnerung zu formen, sie zu manipulieren. Je nach Bedarf, Lust und Laune kann diese nun gestärkt, geschwächt oder anderweitig verändert werden. „Der Zustand des Gehirns zum Zeitpunkt des Erinnerns kann Einfluss darauf haben, wie die entlegene Erinnerung heraufbeschworen wird“, erklärt der New Yorker Neurowissenschaftler Joseph LeDoux. Die erneute Abspeicherung der Erinnerung ist also stark von unserer Stimmung, von unseren Gefühlen und unserem Zustand zu diesem Zeitpunkt abhängig. Genau dieser Moment der Formbarkeit von Erinnerungen kann bei der Therapie von psychischen Erkrankungen sehr hilfreich sein. So kann beispielsweise ein Patient mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung gezielt behandelt werden.

… echt scheinende Geschichten

Wir leben. Und das jeden Tag; wir haben Dinge irgendwo gehört oder gelesen, von schwedischen Wissenschaftlern und so weiter. Und das ist für das Erinnern gar nicht uninteressant, denn neue Erfahrungen, die wir in der Zwischenzeit gesammelt haben, können alte Erfahrungen überschreiben, sie überdecken. Vielleicht haben wir mittlerweile unsere Meinung zu Spinat als das Ekligste der Welt geändert, vielleicht ist unser Lebensziel nicht mehr wie Yakari zu sein. Wir bewerten anders, die Erinnerung verändert sich. Durch Suggestion und durch nachträglich erhaltene Informationen können wir also unsere Erinnerungen beeinflussen.

„Das Gedächtnis ist suggestiv, subjektiv und formbar“, sagt Elizabeth Loftus, Professorin für Psychologie, Kriminologie und Rechtswissenschaften an der University of Washington. In ihrem Experiment „Lost in the mall“ wurden den Versuchspersonen kurze Berichte über ein Erlebnis aus deren Kindheit gegeben, welche angeblich von einem Verwandten verfasst wurden. Mit etwa 6 Jahren sollen sich die Armen in einem Einkaufszentrum verirrt haben; lange sollen sie gewartet haben, bis endlich heldenhaft wie immer ein Elternteil herbeiflog, um das Kleine zu retten, es in den Arm zu nehmen und ihm einen Lolli zu kaufen. Die Aufgabe war, sich wieder an das Erlebnis zu erinnern, doch keine der Versuchspersonen ist in ihrer Kindheit einmal vollkommen aufgelöst und nach Mama schreiend durch ein Einkaufszentrum geirrt. Trotzdem sagten 6 der 24 Befragten, sie könnten sich an das Ereignis erinnern.

… Fragen

In einem anderen Experiment spielte sie ihren Studienteilnehmern Simulationen von Autounfällen vor und bat sie ihre Fragen zum genauen Hergang des Unfalls zu beantworten. Es stellte sich heraus, dass die Teilnehmer ganz unterschiedliche Angaben machten, je nach Art der Fragestellung. Lautete die Frage etwa „Wie schnell sind die beiden Autos ineinander gekracht?“, so wurde eine höhere Geschwindigkeit zu Protokoll gegeben, als wenn von einem „Zusammenstoß“ die Rede war. Diese Befunde änderten nicht nur langfristig die Befragungstechnik bei Zeugen, sondern verdeutlichte zudem, wie wichtig es ist eine Frage mit gut gewählten Worten zu stellen. Werden Fragen beispielsweise auf eine verunsichernde Art gestellt oder implizieren bereits eine unterstellte Wertung („Das war doch bestimmt ein großer Schock, oder?“), so kann das die Erinnerung nachträglich beeinflussen.

… die individuelle Gehirnstruktur

„Nein, das war ganz anders!“ So beginnen schier unendliche Diskussionen, wenn Geschwisterpaare wie so selten einmal nicht die gleiche Meinung vertreten. Obwohl sie das Gleiche erlebt haben, unterscheiden sich ihre Erinnerungen daran völlig. Das liegt zum einen daran, dass bei der Rekonsolidierung immer wieder Veränderungen vorgenommen werden, und zum anderen an der individuellen Struktur ihrer Gehirne, die sich bereits früh entwickelt. Das Kind, welches unter Höhenangst leidet, hat die sonntäglichen Ausflüge in den Baumkronenpfad vielleicht in weniger guter Erinnerung als jenes, das im sich im Kletterwald lustig kopfüber hängen lässt.

Welche Bedeutung hat das Erinnern für uns? Inwiefern macht es uns aus und was passiert, wenn wir unsere Erinnerung verlieren? Mit diesen Themen wird sich der nächste und gleichzeitig letzte Artikel der Reihe beschäftigen.

Geschrieben von:

ich bin für ein Faber-frohes Leben

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