Die letzten sechs Monate verbrachte ich in Indien. In dieser dreiteiligen Serie schaue ich auf meine Erfahrungen zurück. Heute: Eine Stadt, die exemplarisch für Indiens schwierigen Weg in die Moderne steht.


Früher sei die Stadt ein lauschiges Stück Agglomeration gewesen, der ideale Wochenendausflug für die Mumbaier Oberschicht, sagt ein alteingesessener Puneri. Er sitzt in einem Kaffee im Villenviertel Koregaon Park, das einst Zentrum der Bhagwan-Bewegung war und heute vor allem als Treffpunkt für Expats und Touristen dient. Wie in der ganze Stadt ist im Koregaon Park ein Bauboom ausgebrochen: Luxushotels und -wohnungen schiessen aus dem Boden und stehen sinnbildlich für Punes Wandel in den letzten Jahrzehnten.

Einseitiger Boom

Punes Aufstieg zu einem der wichtigsten Industrie- und IT-Zentren des Landes ging mit atemberaubendem Tempo voran und hat mit seiner Gewalt alle überrascht. Die Einwohnerzahl der drei Autostunden von Mumbai entfernten Stadt hat sich im letzten Jahrzent beinahe verdoppelt und wird auf zwischen fünf und sechs Millionen geschätzt. 2030 sollen es bereits acht Millionen sein. Die zunehmende Urbanisierung Indiens zeigt sich in Pune besonders deutlich. Zehntausende strömen jedes Jahr aus den ländlichen Regionen des Bundesstaates Maharashtra in die Stadt. Sie wollen teilhaben an der wirtschaftlichen Expansion, erhoffen sich Jobs und eine gute Bildung für die Kinder.

Dass die Hoffnung selten Realität wird, zeigen die über die ganze Stadt verteilten Slums. So auch in Koregaon Park; er liegt drei Gehminuten vom Westin, einem der teuersten Hotels von Pune entfernt. Seine Bewohner schauen auf das rege Treiben des Hotels und die Limousinen der gutbetuchten Klientel, während sie im verschmutzen Bach ihre Kleider waschen. Wer Arbeit hat, putzt und kocht für einen Hungerlohn in den von der Aussenwelt abgeschirmten Wohnanlagen der Reichen oder bewacht deren Eingänge. Vielen bleibt nur das Betteln um Almosen übrig. Ein Drittel der Stadt lebt in solch‘ ärmlichen Verhältnissen.

IT statt Kupfer

Kasba Peth, das Zentrum Punes: In den engen Gassen der Altstadt – Überbleibsel aus der Anfangszeit der britischen Kolonialherrschaft – hämmert und schleift es ununterbrochen. Es sind die Kupferschmiede Punes. Ein Handwerk mit Tradition, das die Identität der Stadt seit jeher mitbestimmt. Sie sind ein Beispiel dafür, dass die sprunghafte Entwicklung der letzten Jahre nicht nur Gewinner kennt. Von den ursprünglich über 200 Werkstätten sind etwa 30 übrig geblieben. Die Globalisierung und mit ihr der verbreitete Gebrauch von Aluminium und Plastik hat den Kupferschmieden das Geschäft ruiniert und Jahrhunderte von Familientradition innert Jahren zunichte gemacht.

Die gläsernen Fassaden der zahlreichen Bürogebäuden in den Aussenbezirken erscheinen da als Antipode. Es ist das Reich der IT-Industrie, die zusammen mit der Automobilbranche für den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt verantwortlich ist. Ihre Arbeiter werben sie an den zahlreichen Universitäten Punes an. Die Jungen, geprägt vom zunehmenden Einfluss des Westens, schätzen die Stadt. Die Lebensqualität ist gut und das politische Klima stabiler als in der Hauptstadt Delhi, wo religiöse Konflikte immer wieder zu Unruhen führen.

Den Ärmsten bleibt keine Wahl

Doch auch Pune hat Probleme. Und davon betroffen sind meist die Schutzlosen. Die Stadt leidet seit einigen Jahren unter dem immer extremer werdenden Klima. Die Dürreperiode wird länger und heisser, die Regenzeit stärker. Im September 2019 wurden Tausende von Menschen evakuiert, zwanzig fielen den Überschwemmungen zum Opfer. Die Betroffenen wussten von der gefährlichen Lage ihrer Häuser in Flussnähe, doch um umzuziehen fehlt ihnen das Geld.

Bezahlbarer Wohnraum ist wegen des Baubooms rar geworden, viele wurden für Immobilienprojekte zwangsumgesiedelt und an den Stadtrand zurückgedrängt. Sie verbringen Stunden in Punes Staus, um zu ihrer Arbeit zu gelangen. Der öffentliche Verkehr, für viele die einzige Fortbewegungsmöglichkeit, ist kapazitätsmässig längst an seine Grenzen gestossen und entlastet die Strassen der Stadt nur noch minimal. Eine Metro ist zwar im Bau, doch bis diese betriebsfähig sein wird, werden die Bewohner Punes noch Jahre unter den überfüllten Strassen leiden.

Diese Erfahrung war dank der Unterstützung von Global Citizen Year möglich. Einen herzlichen Dank an dieser Stelle.


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