Mit 422 Millionen aktiven Hörern und einem Umsatz von 9.67 Milliarden Euro ist Spotify der grösste Player in der Musikstreamingwelt.
Einst eine einfache, legale Alternative zur Musikpiraterie, mischt Spotify heute kräftig in der Musikindustrie mit. Doch unter Musikstreaming scheint die Vielfalt der Musik langsam zu zerfallen.
Wieso ist das so?

Spotify ist mit 32% Marktanteilen Marktführer und das wichtigste Unternehmen im Bereich des Musikstreamings. Deshalb konzentriert sich dieser Artikel primär auf Spotify. Das bedeutet aber nicht, dass andere Onlineanbieter wie Apple Music, Deezer, Amazon Unlimited oder Youtube Music von diesen Problemen ausgeklammert sind.

Wie Spotify die Musikindustrie zuerst rettete

In den 2000er boomte die Musikpiraterie. Jeder konnte sich illegale Downloads seiner Lieblingsstücke einfach und kostenlos auf den MP3 Player runterladen. Der Kauf von Platten, Kassetten und CDs wurde für die Konsumenten überflüssig. Das brachte die Musikindustrie, die mit dem Verkauf von physischen Tonträgern das meiste Geld erzielte, mächtig ins Wanken.

Damals schuf Spotify Abhilfe. Das 2006 gegründete schwedische Unternehmen war für die Musikindustrie der weisse Ritter in der schimmernden Rüstung, der den grossen Feind namens Internet zunächst bezwang und anschliessend zum Freund machte. Denn indem Spotify gegen ein wenig Geld oder Werbung, eine grosse, freie Songauswahl bot, holte es die Musikindustrie aus einem Tief raus und begründete mit dem Streaming eine neue Generation des Musikkonsums.

Wie Spotify und sein Bezahlungssystem funktionieren

Spotify ist ein digitaler Streamingdienst, der Zugriff auf Millionen von Liedern ermöglicht. Die Lieder werden von Musiklabels zur Verfügung gestellt, auf die eine Lizenzgebühr erhoben wird. Diese wird entweder mit den Gewinnen der Premium Abonnements oder durch eingeblendete Werbung in der kostenlosen Version finanziert. Ein Premium Abonnement kostet in der Schweiz 12.95 Fr.

Der Künstler wird pro Stream bezahlt. Wer sich auf Spotify ein Lied mehr als 30 Sekunden anhört, erzeugt damit einen Stream. Doch nicht jeder Stream ist gleich viel wert, denn sein Preis ist von vielen Faktoren abhängig: in welchen Ländern er gehört wird, wie lange man ihn anhört, die Beliebtheit des Sängers und besonders von den Musiklabels. Wichtig zu erwähnen ist, dass Spotify nicht die Künstler direkt bezahlt, sondern die Rechte-Inhaber, was in den meisten Fällen die Plattenverlage sind.

Durchschnittlich liegt der Preis eines Streams bei unterirdischen 0,00203 US- Dollar. Natürlich haben grosse und bekannte Sänger wie Ed Sheeran oder Taylor Swift kein Problem damit auf Spotify zu überleben, da sie durch ihre Bekanntheit bereits eine grosse Abrufzahl auf sich vereinen können. Sie machen aber nur einen Bruchteil aus.

Gemäss Spotify gibt es etwa 8 Millionen Künstler auf der Plattform. Von diesen 8 Millionen, sorgen gerade mal 57’000 für 90% aller Streams. Das heisst 0.7% streichen die meisten Einnahmen ein.

Die meisten Künstler, also 99.3% können sich mit Streaming keine Lebensgrundlage aufbauen, da sie nichts damit verdienen. Natürlich ist Streaming eigentlich nicht die einzige Einnahmequelle eines Künstlers. Doch besonders in der Zeit der Pandemie, in der es zum Beispiel nicht möglich war Konzerte zu veranstalten, war Streaming eines der wenigen Dinge vorauf Künstler ausweichen konnten.

Musik als Wegwerfwahre und das Sterben der Vielfalt

Spotify verändert die Art wie Musik gemacht und wie sie gehört wird.

Wie bereits erwähnt, wirft ein Stream erst Geld ab, wenn man 30 Sekunden reingehört hat. Folglich lohnen sich längere Songs für einen Künstler finanziell nicht. Man macht lieber 2 kurze Tracks als einen langen, denn das bringt doppelt Geld. Die Lieder werden also kürzer, damit sie häufiger gespielt werden. Um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu gewinnen, werden Refrains und die besonderen Merkmale eines Songs oft an den Anfang gepackt. Die Lieder werden immer gleichförmiger. Ausserdem produzieren viele Künstler Lieder wie am Fliessband, um ihre Klickzahlen mit jedem Lied noch weiter zu steigern, worunter die Qualität eines Liedes, zum Beispiel die des Textes, stark zu leiden hat.

Ausserdem orientieren sie sich nach den Playlists. Auf Spotify gibt es zahlreiche Playlist für jede Stimmung und Anlass, wo derzeit die beliebten Tracks sind. Die Playlists richten sich nach Genre und folgen eine gewisse Ästhetik und Art. Zum Beispiel „Today’s Top Hits“ oder „Modus Mio“, die ultimative Deutschrap Playlist. Solche Playlists sind wichtig, denn hier können Künstler nicht nur entdeckt werden, sondern sie können auch ihre neusten Lieder vermarkten, besonders wenn die Playlist eine hohe Hörerschaft besitzt. Um die Chance zu erhöhen, in eine der Playlists zu kommen, erschaffen Künstler Lieder, die in die Playlist passen könnten und ihrem Stil entspricht. Die Lieder in den Playlists werden immer ähnlicher und somit auch das Genre, da die eigene Kreativität nicht mehr so stark in die Lieder mit einfliesst.

Da zudem nur 0.7% der Sänger 90% der Streams erzielen, ist es für unbekannte oder noch nicht so etablierte Sänger schwer, ins Streaming Game einzusteigen und entdeckt zu werden. Und auch für weniger beliebte Musikrichtungen wie Klassik, die nicht so oft gehört werden wie Pop oder Rap, gestaltet sich das Überleben schwer.

Musik wird nicht mehr als Kunstwerk betrachtet und erschaffen, sondern wird nach dem Hörer optimiert und wird damit zur Wegwerfware. Also ein typisches Produkt unserer Zeit.

Was mit den Milliarden passiert und wieso Spotify nicht Schuld ist

2021 hat Spotify rund 9.67 Milliarden Euro eingenommen und wächst stetig weiter. Und trotzdem verzeichnet das Unternehmen rote Zahlen. Wie kann das sein?

Zunächst muss man nachvollziehen, wie die Einnahmen verteilt werden. Es ist wichtig zu verstehen, dass Spotify keine Künstler bezahlt, sondern die Rechte-Inhaber, was in den meisten Fällen die Plattenlabels und nicht die Musiker direkt sind. Somit geht das meiste Geld, rund 70%, an die Plattenlabels. Mit den 30%, die noch übrigbleiben, deckt Spotify seine eigenen Kosten: Steuerabgaben, Mieten etc. Zudem investiert Spotify auch viel und steuert vor allem Wachstum an.

Was an Gewinnen noch übrig bleibt, wird an die Anteilseigner ausgeschüttet: die Musikindustrie. Denn grosse Labels wie Universal, Sony, Warner und EMI haben Anteile am Unternehmen. Somit ist klar, wer die grössten Gewinner im Streaming Game sind. Nicht Spotify und Co. sondern die Musikindustrie selbst.

Es sind nicht die kleinen Beträge von Spotify schuld daran, dass die Vielfalt schwindet, sondern die falsche Verteilung des Geldes und der Schwerpunkt, der daraufgelegt wird. Die Musikbranche und die eigentliche Musik sind klar differenziert zu betrachten. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft wieder anfangen, Musik als hohes Kulturgut zu schätzen und nicht als Wegwerfware, die wir einfach wegklicken können.

Quellen:
https://www.basicthinking.de/blog/2021/03/26/spotify-statistiken-2021/
Wie viele Künstler machen wirklich Kohle mit Spotify? – iGroove | Push Your Music (igroovemusic.com)
Musiker gegen Streamingdienste: Ist doch nur Musik | Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) (mit-bund.de)
Spotify – Wikipedia
Die Wahrheit über Spotify – YouTube
Spotify ist der Teufel. NICHT. – RealTalk – YouTube


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