«Jetzt fängt das Leben richtig an» ein alter Hut, unumgänglich, am heutigen Tag, an dem die Verfasserin des Textes 18 Jahre zuvor, existentialistisch ausgedrückt, in den «Océan Néant» geworfen worden ist. Ich dachte mir: «man würde doch hoffen, diese 18 Jahre nicht «falsch» gelebt zu haben? Das wäre ja wohl eine Schande!». Der Spruch hat also einen Haken: Das «richtige Leben hat nun wirklich nicht erst jetzt, mit der Volljährigkeit, begonnen. Denn, ohne überheblich klingen zu wollen, viele würden wohl behaupten, dass sie es, gemessen an schulischen Leistungen und ausserschulischen Meisterungen, in diesen 18 Jahren schon recht weit gebracht haben. Dennoch spiegeln sich meine Gedanken zu dieser Aussage im Zitat von Simona Pfister, einer jungen Schweizer Journalistin, wider: «Ich habe es weit gebracht, auch wenn mir (jetzt) nicht klar ist, wo das liegt.»

Eine literarische und ausserirdische Quest 

Es geht, glaube ich, vielen Menschen auf der Welt so wie Simona Pfister und mir. Nicht zuletzt stellt sich auch Tony Webster, der Protagonist des Buchs «The Sense Of An Ending» vom Autor Julian Barnes, die abstruse Frage, die wir uns im Verlaufe unseres Lebens wohl alle stellen, aber bis zum Ende unserer Existenz zu verdrängen versuchen: «Wo bin ich in meinem Leben, wenn ich es weit gebracht habe?» Tony, die menschengewordene Verkörperung des Mediokren, muss der Tatsache ins Auge blicken, dass sein Leben, wie seine Abschlussnote an der Universität war: ein B. Eine genügende, aber keine aussergewöhnlich gute Note. Er hat eine mittelmässige Karriere hinter sich, eine mediokre Ehe, die nach einigen Jahren in die Brüche ging, und eine ebenso durchschnittliche Beziehung zu seiner Tochter. Er hat es durchschnittlich weit gebracht, das sieht er ein, doch am Ende seines Lebens versucht er, den Sinn zu finden eben diesen «Sense of An Ending». Das ist die Mission und der Plot der literarischen Schöpfung Barnes. Wo ist man, wenn man es wirklich gebracht hat? Vielleicht auf dem Mond?

Manche nennen den Verfasser des Zitats «TO THE MOON» eine Witzfigur, andere einen Narzissten und wieder andere einen «Businessgott». Das Projekt, das der amerikanische Neuzeit-Cäsar Elon Musk verfolgt, reicht jedoch nicht nur zum Mond, sondern natürlich auch zum Mars. Das muskische Imperium wächst in Raketengeschwindigkeit. Mit seiner wortwörtlich x-ten Firma «SpaceX» hat Musk spätestens im letzten Jahr der Welt klargemacht, dass sie ihm nicht reicht. SpaceX hat mehrere Satelliten ins All geschickt, die in der Lage sind Daten – etwa Nachrichten – in Millisekunden von einem Teil der Erde zum anderen zu senden. SpaceX will in Zukunft also den Mond «muskisieren». Nebst Satelliten und Mondstationen, träumt Musk auch von einem Mondhotel. Ohne Zweifel hat er es weit gebracht, in den Augen der Anhänger der Musk-Sekte wahrscheinlich am weitesten von allen im 21. Jahrhundert lebenden Menschen überhaupt. Der Mond, bald noch der Mars, die Autowelt, die Social-Media-Plattform «X» sind ausserirdische, reale und virtuelle Orte, die seinen Erfolg als Geschäftsmann verkörpern und unterstreichen. Doch sind das die Orte, die tatsächlich bestimmen, wie weit Elon Musk es in seinem Leben gebracht hat?

Inspiration «Quantenmechanik»

Egal ob fiktive Charaktere wie Tony Webster, reale Businessmenschen wie Elon Musk oder ich selbst als nun volljährige Schweizer Bürgerin – alle stellen sich die Frage: Wo liegt der Ort, an dem man es weit gebracht hat.

Überraschung: Nein, es ist tatsächlich nicht der Mond, auch nicht das Haus am Meer in Italien, in das man zieht, nachdem man als «Rententopf-Füllerin» ausgedient hat und die Metamorphose zur (voraussichtlich 13.) AHV-Bezieherin durchläuft. Dieser «Eben-nicht-Ort» ist jedoch auch kein Zeitpunkt, den man auf seinen Lebenslauf anheften könnte, kein Gymiabschluss, keine Beförderung, keine Hochzeit, keine Geburt des Kindes, nein, nicht mal die Krönung zur Grossmutter. Denn das wäre ja dann wieder ein Ort auf dem persönlichen Zeitstrahl, den man mit einer X-Koordinate beschreiben könnte. Eine einzige Variable – viel zu simpel wäre das.

 Der Ort ist ein mentaler, psychischer, seelischer Zustand. «Das tönt jetzt aber auch etwas zu simpel», denken Sie als Leser*in. Zur Verteidigung: Hinter den Begriffen «die Psyche» und «die Seele» stecken ähnlich viel Komplexität wie im physikalischen Prinzip der Quantenmechanik. Googeln Sie mal nach «Grundprinzip Quantenmechanik einfach erklärt», wenn sie keinen PhD-Titel in Physik haben. Die Suchmaschine spuckt wahrscheinlich etwas in folgende Richtung aus: Die Existenz eines herumschwirrenden Elektrons ist bekannt. Der Ort im Atom, an dem sich dieses Elektron befindet, lässt sich nie und nimmer genau bestimmen. Die Schrödinger-Gleichung wird dafür verwendet, eine Annäherung an den Zustand des Elektrons im Atom in Form einer Wahrscheinlichkeit zu geben. Ähnlich verhält es sich mit dem oben erwähnten mentalen Zustand, der den Ort des «Weit-Gebracht» beschreibt. Wir können dem Zustand nie und nimmer Koordinaten zuordnen, denn es ist ja kein Ort, sondern eben ein Zustand. Was wir aber können, ist eine Annäherung dieses Zustands im Kopf und in der Seele eines makroskopischen Objekts, des Menschen, vorzuschlagen. Genauso, wie es Schrödinger für den Zustand des mikroskopischen Elektrons in der Hülle eines Atoms gemacht hat.

Die drei Gesetze des Zustands eines, der es weit gebracht hat

Erstes Gesetz des Zustands des «Weit-Gebracht» lautet wie folgt: Wie weit es ein Individuum gebracht hat, kann nur von diesem selbst definiert werden. Was dabei also als «weit gebracht» zählt, liegt in unendlicher Subjektivität. Diese Subjektivität ist die Grundlage der Annäherung an den Zustand, den wir zu beschreiben versuchen. Denn wenn andere für ein Individuum definieren und entscheiden, wie weit dieses es im Leben gebracht hat, kommt es höchstwahrscheinlich – wie in der Quantenmechanik – irgendwann zu einem Kollaps. Der Kollaps kann in Form einer Midlifecrisis oder anderen Arten von menschlichen Identitätskrisen verpackt sein.

Zweites Gesetz: Die Definition des Zustands des «Weit-Gebracht» ist zwar subjektiv, jedoch gibt es von der Verfasserin bevorzugte Definitionen, die sich von den Ideen und Haltungen der materialistischen Gesellschaft von heute distanzieren. Rein akademische Erfolge, wie Schulabschlüsse, Beförderungen oder ein Job können zum Zustand des «Weit-Gebracht» führen, sind jedoch nicht als einzige Variable in der Formel zu betrachten. Dasselbe gilt für materialistische Errungenschaften wie Immobilien, Autos, Zahl des Kontostands oder Anzahl Birkin-Bags (für alle nicht Modekenner: Hermès‘ Birkin-Taschen kosten etwa 20’000 Franken). Diese oberflächliche Definition des «Weit-Gebrachten» wird von der Verfasserin dieses Textes als «ebenfalls zum Kollaps führend» eingestuft.

Drittes Gesetz: Eine grosse Gewichtung sollten hingegen engen, untoxischen Beziehungen zwischen Familienmitgliedern, Freunden und dem eigenen Innern gegeben werden. Denn was diese Parameter einem laut zahlreichen Studien geben, ist ein mentaler Zustand der Erfüllung, des Glück und der Zufriedenheit. Und ist es nicht das, wonach wir Menschen eigentlich alle streben? Ist nicht ein erfülltes, zufriedenes und glückliches Leben, das, was uns schlussendlich sagen lässt, dass wir es weit gebracht haben? Wir sind dort angekommen, wo wir unser Leben lieben und dankbar sind, dass wir in den Océan Néant geworfen worden sind. Und dieses dort, oder was auch immer es ist, ist einem vielleicht nicht klar. Man kann es nicht in numerischen Koordinaten angeben. Es ist auch kein ausserirdischer Himmelskörper und auch nicht die Sechsstelligkeit unseres Kapitals. Es ist nicht mal ein Zeitpunkt im Leben, nein, nicht den Meilenstein von 18 Jahren. Sondern ein Zustand. Ein Zustand der Seele, der Psyche und des Körpers. Ein Zustand, in dem wir uns wohl und erfüllt fühlen, uns selbst sein können. Unser Leben lieben und schätzen können und mit Bestimmtheit sagen können, dass wir es weit gebracht haben. Denn wir wissen, dass wir dort sind, wo wir sein wollen. Und das ist genug, denn wie Julian Barnes es ausdrückt «Embrace the uncertainty of life».

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