“Window of time that is closing” – Jane Goodall

“Wir haben zwei Feinde hier, zwei Kräfte, die beide einen enormen Druck ausüben: die zwei Ps, Pandemie und Populismus“ – Sarah Kate Ellis, Präsidentin und CEO von Glaad

„Wir riskieren die größte Zunahme an Ungleichheit seit ihrer Aufzeichnung zu haben.“ – Gabriela Bucher, Oxfam International

„White suprimacy is real“ und „Vor Corona gab es eine Welt und diese Welt ist vorbei.“ – Daren Walker, Ford Foundation President

Reset.

Von vorne anfangen? Alle Uhren zurückdrehen, man hört das Klicken eines zurück spulenden Films; abgehackt beginnen Menschen rückwärts zu laufen, Autotüren schließen sich, Kaffeeflecken verschwinden von weißen Hemden und der braune Schwall landet wie von Zauberhand wieder in dem natürlich recyclebaren Pappbecher. Noch einmal neu beginnen, alle auf ihre Startpositionen und drei, zwei, eins, – und jetzt?

„The Great Reset“

„The Great Reset“. Ein Neuanfang. Ein großer Umbruch. Unter diesem Motto findet das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Bildschirmania statt. Vom 25.-29. Januar fand das WEF im WWW statt, Menschen schauten in Bildschirme hinein und aus Bildschirmen hinaus, es wurden große Reden gehalten, appelliert zu einem großen Neuanfang, einem Neustart.

Dazu hatte nicht zuletzt der Gründer des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab in seinem Buch „Covid 19: the Great Reset“ aufgerufen. Er sieht die Corona-Pandemie als Chance, die Welt ein Stückchen besser zu machen. Was für ein schönes Ziel. Nur wie? Für die großen Vordenker passt nun alles einwandfrei zusammen, ein Puzzleteil in das nächste, alle Hand in Hand, herrlich. Mit Frohmut und von der eigenen Grandiosität überzeugt wird eine Idee nach der anderen vorgestellt, um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen. Mit bunten Farben und von jungen hippen Moderatoren kommentiert werden sie auf dem YouTube-Kanal des WEF beworben; Weite verheißende Worte wurden für die 7 großen Themen gewählt: How to Save the Planet, Fairer Economies, Tech for Good, Society & Future of Work, Better Business, Healthy Futures, Beyond Geopolitics.

Klimakrise und soziale Ungleichheit im Zentrum

Unter den vielen Themen und Problemen, die angegangen werden müssen, seien doch neben der akuten Pandemie, die Klimakrise und die soziale Ungleichheit die beiden wichtigsten Punkte auf der DavosAgenda2021.

Im vergangenen Jahr wurden rund 225 Millionen Jobs abgebaut, wie es aus dem Bericht der International Labor Organisation hervorgeht. Die Schere zwischen arm und reich lässt sich nicht mehr weiter auseinander drücken, so verkeilt ist sie bereits. Während die reichsten Personen dieser Welt die kleine Mulde in ihrem Geldberg nach wenigen Monaten wieder auffüllen konnten, so bräuchten die Armen mindestens ein Jahrzehnt, um sich aus dem tiefen Loch wieder hinauszuarbeiten, meldete die weltweite Armut bekämpfende Organisation Oxfam.

Bildquelle: https://greentechfestival.com/speaker/rebecca-marmot/
Rebecca Marmot, Quelle: Greentechfestival

Rebecca Mar­­­­mot, Chief Sustainability Officer des global agierenden Unternehmens Unilever, sieht drei Bereiche, an denen man angreifen müsse. Zum einen müssten die allgemeinen Lebensstandards gehoben werden, einander angeglichen werden. Zum anderen sollen neue Möglichkeiten geschaffen werden, um die sozial und wirtschaftlich exkludierten Menschen wieder einzugliedern; um die Hürden und Grenzen überwinden zu können. Und als letzten Punkt fordert sie, dass Menschen auf die Zukunft der Arbeit vorbereitet werden und eine entsprechende Ausbildung erhalten.

Wie Carsten Knop, Herausgeber der FAZ, in seinem Digitec Podcast so schön bemerkte „typisch Davos, die sind in der Analyse da super, also in der Problembeschreibung“, auch gäbe es viele tolle Ideen, einige abstrakter andere konkreter, ginge es dann allerdings um die Umsetzung, so kehre Ruhe ein in den Mikrofonen.

Idee der kapitalistischen Planwirtschaft

Bildquelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-tag-mit-ulrike-herrmann-warum-die-kundin-nur-ein-kunde.2950.de.html?dram:article_id=412856
Ulrike Herrmann, Quelle: Deutschlandfunk

Ulrike Herrmann, Wirtschaftsjournalistin der TAZ und mehrfache Buchautorin, sagt, wenn man den Kapitalismus abschaffen wolle, so müsse man ihn zunächst begreifen, seine Vor- und Nachteile verstehen. Der Kapitalismus sei das einzige Sozialsystem, welches Wachstum und gleichzeitig Wohlstand für die Gesellschaft brächte. Jener wiederum sei die Grundvoraussetzung dafür, dass Demokratie gelebt werden kann. So käme beispielsweise erst der Wohlstand und dann die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, erst der Wohlstand und dann die Bildung für alle. Das größte Problem des Kapitalismus ist allerdings, dass er zur Klimakatastrophe führt.

Ihr Vorschlag: eine kapitalistische Planwirtschaft. Hierbei würde nichts verstaatlicht werden, keine Unternehmen, Restaurants, Läden usw., sondern der Staat gäbe lediglich vor was produziert wird und übernähme die Verteilung. „Wir tun momentan so, als könnten wir drei Planeten verbrauchen, dabei gibt es ja nur eine Erde.“ Unsere Wirtschaft muss also schrumpfen, was allerdings im Kapitalismus nicht möglich ist, da dieses System nur stabil ist, wenn Wachstum vorherrscht. Möchte man nun also aus dem Kapitalismus aussteigen und schwere Wirtschaftskrisen vermeiden, die „man sich keinesfalls friedlich vorstellen darf“, so könne der Übertritt am besten durch eine übergeordnete Instanz, den Staat, geplant, gelenkt und durchgeführt werden.

„Die Krisen von heute sind nur ein Vorgeschmack“

Die Krisen, die uns heute Kopfschmerzen bereiten, seien nur ein Vorgeschmack auf das, was uns erwarte, erklärt sie weiter. Wenn wir unsere wachstumsorientierten Systeme nicht bald ändern, so kann man bis 2100 ziemlich sicher von einer Erwärmung der Welt mindestens 3,6°C ausgehen. Das klingt jetzt erst einmal wenig, doch diese 3.6°C hätten katastrophale Auswirkungen. Lassen wir diese globale Erwärmung zu und steigen Über das Pariser Ziel von 1,5°C hinaus, so wäre das „als würde man eine ganz neue Klimazone betreten“. Und das Wasser wird knapp. Haben wir einen Temperaturanstieg von nur 2%, so werden Berichten zufolge etwa 388 Millionen Menschen unter Dürre leiden. Allein In Europa würden bei einem Temperaturanstieg von 2°C die Hitzewellen um 60% ansteigen und auch hier werden Bauern nicht mehr genug Wasser haben und wie in Spanien den Boden auf der Suche nach Grundwasser durchbohren. Wie einen Schweizer Käse. Es müssen also ganz neue Arten ausgearbeitet werden mit Wasser umzugehen.

Hier zeichnet sich bereits Umgestaltung der Arbeitswelt, die sich durch alle Branchen zieht. Es entsteht ein großer Bedarf an Umschulungen. Laut des 2018 veröffentlichten „Future of Jobs Report“ werden allein bis 2022, bis zum nächsten Jahr 75 Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Dafür entstehen durch den technischen Fortschritt und die neuen Möglichkeiten zu arbeiten auch etwa 133 Millionen neue Rollen, für die jedoch zunächst Menschen ausgebildet werden müssen. Zudem kommt, dass in weiterer Zukunft ein Großteil der Arbeiten von Maschinen übernommen werden können und somit viele Menschen keinen Job mehr haben werden, sie sind überflüssig. Was geschieht mit ihnen?

Ein weiteres Problem ist der ansteigende Meeresspiegel, der Inseln unbewohnbar macht und die dort lebenden Menschen dazu zwingt, ihr Zuhause aufzugeben. Jene werden Asyl suchen und es kommt zu einem großen Andrang an Flüchtlingen, für die nur zu hoffen ist, dass ihnen ein besserer Umgang gewährt wird als der gegenwärtige.

„Das ist aus meiner Sicht die Zukunft“, sagt sie.

Globalisierung oder Entglobalisierung?

Globalisierung. Digitalisierung. Alle zusammen und doch jeder für sich? Schaut an sich die aktuelle geopolitische Lage einmal genauer an, so erklingen von überall Stimmen, die „im Hinblick auf das große Ganze“ eine globale Zusammenarbeit anstreben. Um die Klimakatastrophe zu bekämpfen bräuchte es internationale Zusammenarbeit. Auch die soziale Ungerechtigkeit macht nicht vor den Grenzen der EU halt und denkt sich, ach nein, hier nicht. Ein stetig aufbrandendes Argument für den Erhalt der Europäischen Union ist, dass internationaler Zusammenhalt innerhalb des Staatenbundes von Nöten sei, wenn man sich gegen die großen Mächte USA, Russland und China behaupten möchte.

Also doch nicht alle zusammen, sondern nur ein kleiner Teil der alle? China und die USA grenzen sich stetig weiter ab, kochen ihr eigenes Süppchen, wie es so schön heißt. Dank Joe Biden sind die USA wenigstens nun wieder im Pariser Klimaabkommen vertreten und auch China verpflichtete sich Ende 2020 zu einer Klimaneutralität bis 2060. Die Hoffnung besteht, dass zumindest in diesem Thema alle ein gemeinsames Ziel verfolgen.

Denn eine Entglobalisierung ist nicht nur im großen Rahmen zu beobachten. Der Schweizer „Kantönligeist“ hat sich auf die EU übertragen steigt stetig an, besonders im letzten Jahr: jedes Land hat zuerst auf sich geschaut, Grenzen geschlossen, Masken gehortet. Geschlossene Grenzen innerhalb der EU. Das Gegenteil von dem, was die EU anstrebt, es lässt ihre zusammenhaltenden Fäden gefährlich anreißen, ihre Mauern bröckeln.

Bildquelle: https://www.cnbc.com/2018/01/23/davos-2018-marc-benioff-launches-tirade-against-the-leadership-style-of-silicon-valley.html
Marc Benioff, Quelle: CNBC

„CEOs sind die wahren Helden von 2020“, behauptet Marc Benioff, Gründer des Softwarekonzerns Salesforce, in einer Videobotschaft für das digitale Davos. Im Hinblick auf die Investitionen im Sinne des Pariser Klimaabkommens mag das auch zutreffen. Im Jahre 2018 beliefen sich die Investitionen von Unternehmen auf rund 100 Millionen mehr als die von öffentlichen Institutionen. Doch braucht es, um Investitionen tätigen zu können, nicht ein Fundament von politischen Beschlüssen und sozialen Projekten? Er sagt, nicht etwa Politiker wie Merkel oder Macron, sondern Wirtschaftslenker wie er selbst hätten das Steuer in der Hand, blickten über das Meer und passten gut auf Eisberge auf. Werden wir das Wrack unserer Welt in den Sand gesetzt vorfinden?

Wie denkt die Geschichte in 50 Jahren über uns?

Schauen wir heute auf die Ereignisse im 19. Jahrhundert zurück, so haben wir im Geschichtsunterricht gelernt: Sie folgen ganz logisch aufeinander. Ungerechtigkeit löst eine Revolution aus, das Proletariat erhebt die Stimme und zwingt die Monarchie zum Sturze. In weiten Teilen der Welt entstehen Republiken.

Wie wird die Geschichte in 50 Jahren über 2021 denken? Was wird für sie als eine logische Handlung erscheinen oder was werden sie als vertane Chance betrachten? War Covid-19 tatsächlich der Indikator für die Erschaffung einer neuen Weltordnung? Oder wurde er den Menschen angeboten, doch sie wollten nichts anderes als wieder zurück zu der Normalität, die vor Corona herrschte, in dem guten Wissen, dass es nicht mehr so wird wie davor?

Vielleicht ist Ulrike Herrmanns Strategie ein Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht kann sich nachdem in jedem einzelnen Staat jene Strukturen etabliert haben, eine weltweit übergeordnete Instanz bilden, die die weltweiten Probleme regelt. Vielleicht ist diese große Machtübergabe auch zu riskant.

Ich weiß es nicht.

Doch wie jedes Jahr im Januar am Weltwirtschaftsforum heißt es, „wir müssen etwas tun, etwas muss sich ändern.“ Es bleibt spannend auf konkrete Maßnahmen zu hoffen.

„Wir verstehen, dass die Welt komplex ist und Veränderungen nicht über Nacht möglich sind. Doch ihr hattet jetzt mehr als drei Jahrzehnte Blabla. Wie viele mehr braucht ihr?“

– Greta Thunberg

Bildquelle: https://www.nau.ch/news/wirtschaft/redet-greta-thunberg-klima-fortschritte-schlecht-65649447
Greta Thunberg, Quelle: NAU
Geschrieben von:

ich bin für ein Faber-frohes Leben

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