Meine Lehrerin meinte immer, sie gebe eine 1 für all diejenigen, die ihre Geschichte mit «Und da wachte ich auf und merkte, es war alles nur ein Traum» beenden. Sie sagte jedoch nie, dass dieser Satz nicht der Anfang sein kann. Denn manchmal, da hat man so Träume, die einen auch nach dem Aufwachen noch beschäftigen. Der Epilog der Nacht also. Fragmente der Träume: schwammig, verwaschen und unvollständig.
Ich befinde mich in einem Saal, es ist staubig, stickig und haarsträubend. Ein alter Kirchsaal? Ich stehe unter Druck, ich spüre die Perlen aus Kaltschweiss auf der Stirn. Stresssituation. Die Augen meiner verstorbenen Urgrossmutter bohren sich in meinen Rücken. Die Perlen am Handgelenk flimmern. Wir sind Feinde, sie und ich. Dennoch versuchen wir gemeinsam ein Problem zu lösen. Ich und sie. «Ich weiss nicht, ob ich dir vertrauen kann», höre ich mich sagen. Sie lächelt: «Schau durch dieses Schlüsselloch und du wirst Antworten finden». Es leuchtet, es zieht mich an. Ich halte inne, Vorsicht geboten. Ich bücke mich und täusche vor, durchzuschauen, während ich meine Augen zukneife. Das Licht ist so stark, dass es mich fast zu verschlucken droht. Ich sehe es durch mein Lid. Nicht schwarz, sondern feuerrot. Ich stelle mir vor, wie meine Pupille sich zu einer Haarnadel zusammenzieht. Sie lacht. Laut und abgehackt. Der Staub wirbelt hoch. Sie meint, sie hätte gewonnen. Ich spiele, als wäre ich tot. Doch ich bin immer noch da. Schwebend. Bin ich tot? Ich sehe mich nicht, mein Körper ist nicht da. Doch ich sehe die Welt. Von oben. Nichts hält mich am Boden.
Ich schwebe, ich fühle mich leicht. Ich komme in einen zweiten Saal. Einen Ballsaal. Alles blass und grau. Nein, nichts blass und grau. Die Farben so intensiv, die Welt neu bepinselt. Magenta, Erbsengrün, Königsblau und Gold, viel Gold. Die Menschen tanzen, lachen und wirbeln herum. Ich bin in der oberen Ecke des Saals. Hier oben ist alles so friedlich, doch da unten geht’s ab. Sie tragen Masken, ertränken Sorgen und Probleme in einem Becher voll Wein. Mit einem Lächeln aus Stein. Es ist in ihre Masken gemeisselt. Sie versuchen, mit dem Takt der Musik mitzuhalten. Ich versuche, mit dem Akt der «Physiques» mitzuhalten. Sie schauen hinüber, hoffe, dass es niemandem auffällt. Ich schaue hinunter, hoffe, dass es allen auffällt. Und sie drehen und drehen, obwohl die Musik längst verstummt ist und ihnen schwindelig ist. Und ich drehe und drehe, weil von hier oben macht das alles plötzlich gar nichts mehr aus.
Und da wachte ich auf und merkte, dass doch nicht alles nur ein Traum war und hörte mir mal wieder Sidos Song Astronaut an.
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