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Was passiert wirklich, wenn Jugendliche mit mobilem Internet aufwachsen? Eine Ökonomin mit Weltdaten, ein Suchtpsychologe mit dreissig Jahren Praxis und eine Kinderpsychiaterin gesammelt in einer Podiumsdiskussion  – Spoiler: Sie sind sich erschreckend einig.

Die Ironie ist der Moderatorin Damita Pressl bewusst, als sie das Publikum bittet, den QR-Code auf der Leinwand mit dem Smartphone zu scannen. «Ich sehe die Blicke», sagt sie trocken, «und ich teile die Skepsis.» Aber: Der Abend dreht sich genau darum – um das Gerät, das im Saal jeden zwingt, eine Meinung zu haben.

Rund 40 Besucherinnen und Besucher sind an diesem Dienstagabend ins NZZ Foyer in Zürich gekommen, um mit Expertinnen und Experten über eine der dringlichsten Fragen des Jahrzehnts zu sprechen: Was macht das mobile Internet mit den Kindern und Jugendlichen dieser Welt? Die Antwort, die sich im Verlauf der gut zwei Stunden herauskristallisiert, ist erwartbar wenig debattierbar – und gleichzeitig weit komplexer als ein einfaches Verbot nahelegen würde.

Die ReferentInnen:

  1. Dr. Ronak Jain: Assistenzprofessorin, Universität Zürich; PhD Harvard; Forschung zu mobilem Internet & Schulleistungen
  2. Franz Eidenbenz: Psychologe & Psychotherapeut; Gründer RADIX Zürich (Anlaufstelle für Verhaltenssüchte); Online-Sucht-Spezialist seit 1999
  3. Eva Unternährer: Senior Researcher, Kinderpsychiatrie, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel

2,5 Millionen Teenager und ein trauriger Befund

Ronak Jain, Assistenzprofessorin an der Universität Zürich und Absolventin der Harvard-Universität, eröffnet den Abend mit einer Präsentation, die vieles bestätigte, was man als Laie seit Jahren vielleicht vermutet hatte. Sie und ihr Co-Autor Samuel Stemberg von der University of Auckland haben den weltweiten Rollout des 3G-Mobilfunks zwischen 2006 und 2018 mit den PISA-Testergebnissen von 2,5 Millionen 15-jährigen Schülerinnen und Schülern aus 82 Ländern verknüpft. Das Ergebnis ist eindeutig: Überall, wo 3G eingeführt wurde, sanken die Schulleistungen in Mathematik, Lesen und den Naturwissenschaften.

Der Rückgang entspricht etwa einem Viertel eines Schuljahres an Lernzuwachs. «Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter verliert ein Viertel eines Schuljahres, weil sie mehr Zeit online verbringt», sagt Jain. «Das ist die Grössenordnung, die wir sehen.» Gleichzeitig stieg die Social-Media-Nutzung unter den Befragten um 17 Prozent – die dramatischste Verhaltensänderung im gesamten Datensatz. Und obwohl die Jugendlichen mehr Zeit auf vernetzten Plattformen verbringen, sinkt ihr Zugehörigkeitsgefühl in der Schule. Sie fühlen sich häufiger als Aussenseiter, haben mehr Mühe, Freundschaften zu schliessen.

Ein Detail der Studie überrascht besonders: Vier von fünf zusätzlichen Online-Stunden pro Woche werden ausserhalb der Schule verbracht, nur eine innerhalb. «Die gesamte politische Debatte fokussiert auf die Schule», sagt Jain. «Aber die eigentliche Handlung findet zu Hause statt.»

Die Sicht eines Suchtpsychologen mit 30 Jahren Erfahrung

Franz Eidenbenz, Gründer von RADIX – dem Zürcher Zentrum für Glücksspiel- und Verhaltenssucht – beschäftigt sich mit Online-Sucht, seit das World Wide Web für die meisten Menschen noch ein Fremdwort war. Seine Schilderungen aus der täglichen Praxis sind das lebendige Komplement zu Jains Zahlen. «Meist sind es Mütter, die anrufen», erzählt er. «Es gibt Konflikte, man kommt nicht mehr weiter. Das sind keine Familien in sozialer Not – auch Lehrerinnen und Sozialarbeiter sind darunter.»

Was die Betroffenen eint, ist nach Eidenbenz‘ Beobachtung weniger eine gemeinsame Biografie als ein gemeinsames Muster: Dem Kind fehlt Erfolg in der realen Welt. «Wenn jemand die Wahl hat zwischen echtem Erfolg und Erfolg online, wählt er immer das Echte. Aber wer in der Schule scheitert, keine Freunde hat, vielleicht eine soziale Phobie entwickelt – dem fällt die Wahl schwer.» Der digitale Raum wird zur Flucht, die Flucht zum Teufelskreis. «Wer sich schlecht fühlt, geht online, um sich besser zu fühlen mit dem Resultat, sich später dann noch schlechter zu fühlen.»

Die drei C’s der Kinderpsychiatrie

Eva Unternährer, Senior Researcher an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, mahnt zur Differenzierung. Sie arbeitet mit dem Konzept der «drei C’s»: Child, Content, Context. Welches Kind schauen wir an – Temperament, familiärer Hintergrund, sozialer Status? Was konsumiert es – schädliche Inhalte oder vielleicht eine supportive Online-Community? Und wie nutzt es die Geräte – aktiv gestaltend oder passiv durch den Feed scrollend?

«Videospiele können die Feinmotorik verbessern», sagt Unternährer. «Aber Bildschirmnutzung am Abend schadet dem Schlaf – das ist klar belegt.»

Kommentar der Autorin: Meiner Meinung nach überwiegen die negativen Outcomes der Online-Nutzung klar die Positiven. Feinmotorik zum Beispiel verbessert man auch durch Handarbeit, durch Schnitzen im Wald und durch koordinative Sportarten – alles Aktivitäten, die nicht mit schlechteren schulischen Leistungen oder vermindertem Selbstwertgefühl korrelieren.

Kausalität nachzuweisen sei auch in diesem Bereich «der Heilige Gral der Wissenschaft». Wahrscheinlicher als eine einfache Ursache-Wirkung-Kette sei ein Teufelskreis: Kinder mit ohnehin schlechtem Selbstwertgefühl und mangelhafter Emotionsregulation flüchten in soziale Medien, die sie letztlich noch schlechter fühlen lassen. Ganz im Einklang zu Franz Eidenbenz’ Beobachtung.

Australien, Dänemark, Österreich – Rolemodels?

Das Publikum befragt die Referierenden per Live-Abstimmung: Wer würde ein vollständiges Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige, wie es Australien eingeführt hat, befürworten? Eine deutliche Mehrheit sagt Ja. Doch alle drei Gäste auf dem Podium sind skeptisch. «Ich bin überzeugt von freier Wahl», sagt Jain. «Der Weg ist, Menschen über die Folgen aufzuklären und sie eine informierte Entscheidung treffen zu lassen.» Und Unternährer ergänzt: «Ein 16-Jähriger wacht nicht am Morgen nach seinem Geburtstag auf und weiss plötzlich, wie er den digitalen Raum navigiert.»

Ronak Jain ergänzt: «Verbote können das Gegenteil bewirken. Je mehr man einem Kind sagt, es darf das Eis nicht essen, desto mehr will es es.»

Kommentar der Autorin: Ein 16-Jähriger wacht ebenfalls nicht am Morgen nach seinem Geburtstag auf und weiss plötzlich, wie er mit Nikotin oder Alkohol umgehen soll. Social Media und Gaming sind mit diesen Suchtmitteln vergleichbar.

Eidenbenz sieht die Lösung eher in Transparenz: Algorithmen müssten offengelegt werden. Der Richterspruch aus New Mexico, der Plattformen verpflichtet, Minderjährigen nachts den Zugang zu sperren, geht für ihn in die richtige Richtung. Dänemark hat derweil ein Handyverbot in Primar- und Sekundarschulen beschlossen. Auch das ist sinnvoll gegen Ablenkung, löst aber das Kernproblem nicht: Die meisten Stunden werden zu Hause verbracht.

Damita Pressl erzählt vom österreichischen Modell des freiwilligen Smartphone-Verzichts – 17’000 Teenager haben sich für den ORF-Fastenversuch angemeldet. Dies zeigt, dass das Interesse an einer Regulierung der Bildschirmzeiten auch von den Betroffenen selbst da ist. Vielleicht spüren die Jugendlichen, dass die digitale Welt, in die sie hineingeboren wurden, sie nicht erfüllt.

Das Koordinationsproblem und die Verantwortung der Plattformen

Einer der aufschlussreichsten Momente des Abends entsteht bei der Frage, wie man Jugendlichen beibringt, Nein zu sagen. Jain führt das Konzept des Koordinationsproblems ein: Es nützt wenig, wenn nur ein Kind sein Handy weglegt, weil es dann die Angst vor dem «Fear of Missing Out», kurz FOMO, plagt. Nachhaltiger Wandel müsse auf Gruppen- oder Klassenebene stattfinden, nicht bei Einzelnen.

Auf die Frage, ob Plattformen für ihre suchtfördernden Mechanismen zur Rechenschaft gezogen werden sollten, sind sich alle einig: Ja. «Es gibt eine moralische Verantwortung, wenn man so viel Macht hat, Menschenleben zu beeinflussen», sagt Jain. Unternährer geht noch weiter: Eine Steuer auf Algorithmen könnte Geld für Präventionsprogramme generieren – nach dem Vorbild der Tabak- und Alkoholindustrie.

Eltern als unterschätzte Variable

Ein Zuhörer aus dem Publikum bringt einen Gedanken ein, der den ganzen Abend implizit mitschwingt: Kinder schauen Eltern beim Starren auf das Handy zu und schliessen daraus, das müsse wohl das Aufregendste auf der Welt sein. Unternährer bestätigt: Ihre Forschung zeigt, dass elterliche Bildschirmzeit direkt mit der Bildschirmzeit der Kinder korreliert. Der Fachbegriff für die elterliche Ablenkung durchs Handy lautet «Tech Interference» – oder, in Asien, «Parental Phubbing», eine Mischung aus «Phone» und «Snubbing».

Eidenbenz illustriert das mit einer Anekdote aus der Therapie: Ein Vater, der verlangt, sein Sohn solle pünktlich um sieben zum Abendessen erscheinen, bekommt zur Antwort: «Aber du kommst immer erst um acht.» Kinder forderten von Eltern dasselbe ein, was Eltern von ihnen verlangten – und das sei eigentlich eine gute Nachricht. Eltern fungieren ständig als Vorbilder, dies auch im Umgang mit digitalen Medien. Eltern haben gegenüber ihren Kindern, die Verantwortung ihre eigene Bildschirmnutzung sinnvoll und überlegt zu gestalten.

Und dann kommt noch KI

Gegen Ende des Abends öffnet Pressl kurz das Fenster zur nächsten technologischen Umwälzung. Jain forscht bereits an den Auswirkungen von KI-Tools auf Schulleistungen, Arbeitsmoral, Neugier und Kreativität. Erste Beobachtung aus dem Hörsaal: Alle Studierenden liefern fehlerlose Texte ab – sie sind nur noch im mündlichen Gespräch unterscheidbar und evaluierbar. Viele Universitäten wägen darum die Rückkehr zur mündlichen Prüfung ab.

Eidenbenz schildert einen anderen Aspekt: Eine Patientin in suizidaler Krise habe KI siebenmal nach Methoden gefragt. Beim siebten Versuch habe das System geantwortet. «KI kommt auf ganz verschiedene Arten in unsere Profession.» Sein Fazit bleibt trotzdem positiv: «KI macht uns nicht dümmer. Aber wir müssen klüger werden, um sie gut zu nutzen.»

Kommentar der Autorin: KI macht uns wahrscheinlich dümmer. Und deshalb müssen wir aktiv anstreben, klüger zu werden, um sie gut zu nutzen.

Was bleibt

Als Damita Pressl den Abend schliesst, hat das Publikum keine einfache Antwort erhalten. Dafür etwas anderes: Impulse zum Nachdenken. Verbote mögen das Bewusstsein schärfen, taugen aber ihrer Meinung nach als Dauerlösung wenig. Was langfristig hilft, ist Begleitung: Eltern, die vorleben; Schulen, die Schülerinnen und Schüler als Expertinnen und Experten einbeziehen; Plattformen, die Verantwortung übernehmen; und eine Gesellschaft, die das Gespräch jetzt führt – nicht erst, wenn eine Generation verloren gegangen ist.

Der Herbst ist in vollem Gange und mit ihm weht ein kühler Wind durch Bundesbern. Zwischen Erbschaftssteuer, EU-Verträgen, Ständemehr und Service-Citoyen wird ein wichtiger Pfeiler für die Citoyen langsam, aber sicher, in den Abgrund gefahren: die Bildung. Die Studiengebühren steigen, was schon Belastung genug ist. Nun sollen auch die 13 Wochen Ferien für Gymnasiasten gekürzt werden. Nicht etwa, weil man ganz offensichtlich mit allen Mitteln versucht, dass weniger Menschen studieren. So denken wir nicht! Nein, es sei nur fair, heisst es.  Lehrlinge hätten ja auch nur fünf Wochen Zeit im Jahr, sich zu erholen. Aber auch das gilt nur, wenn sie nicht gerade im dritten Lehrjahr stecken, für die Berufsschule lernen, Prüfungen schreiben oder im Betrieb einspringen müssen. 

Guten Tag, denken Sie, dass Reiche reicher und Arme ärmer werden sollten?

Nehmen Sie mal an, diese Frage würde auf der Strasse gestellt, wie sähen die Antworten wohl aus? Und wie würden Sie über Menschen denken, die diese Frage mit Ja beantworten? Zweifelsohne gäbe es Interessenten an dieser Entwicklung, doch dazu zu stehen würde sich wohl niemand getrauen. Man sei ja nicht herzlos, will nicht als gierig gelten. Da bedürfte es schon eines Vorwands. Augenblick…

Die Schweiz stimmt bald über den Eigenmietwert ab, mit der gross geschriebenen Parole «Wohnen ohne Sorgen».[1]Doch in den Kreisen, in denen das Initiativkomitee verkehrt, muss es wohl von Eigentümer*innen nur so wimmeln, da haben Sie doch glatt zwei Drittel der Bevölkerung vergessen[2]. Die zwei Drittel, die bei gleichem Einkommen oft mehr Steuern zahlen[3], die zwei Drittel mit durchschnittlich weniger Einkommen und Vermögen. Es handelt sich hierbei also um eine Politik für die Privilegierten. Und das kann man auch wunderschön an den Budgets der Kampagne sehen. Um seine Ziele zu realisieren, nimmt das Initiativkomitee eine Rekordsumme von 7 Millionen Schweizer Franken zum Zwecke der Werbung in die Hand. Das sind 4’824 Durchschnittsmieten oder 35’000 durchschnittliche Wocheneinkäufe einer vierköpfigen Familie, oder halt auch 1/39-tel eines F-35. Viel Geld also – es lebe die Demokratie.

Ich will den Eigenmietwert kurz erklären. Wenn man Immobilien besitzt und diese Immobilie, Wohnung oder Haus, selbst bewohnt, so gibt man bei der Steuererklärung einen Teil des Geldes an, das man bei einer Vermietung dieser Liegenschaft hätte einnehmen können. Das gilt auch für Zweitwohnsitze. Wer noch Hypotheken zu begleichen hat, zahlt diese Steuer allerdings nicht, ebenso kann man bei Sanierungen (z. B. Installation von Solarpanels) dieses Privileg geltend machen. Mit dieser Steuer, die als Ausgleich zwischen Mietenden und Eigentümmer*innen fungiert, nehmen Bund und Kantone jährlich 1,8 Milliarden Franken ein.

Nun, Geld kommt, auch wenn uns das Investmentbanker manchmal weismachen wollen, nicht aus dem Nichts. Wenn die 1’800’000’000 Franken also nicht zum Staat wandern,- na, wo sind sie denn geblieben? Die Rechnung ist denkbar simpel. Den Eigenmietwert versteuert man nach dem Wert der Liegenschaft. Je luxuriöser der Wohnsitz, desto mehr Steuern. Den Eigenmietwert versteuert, wer nichts zu sanieren hat, und bereits all seine Schulden bei der Bank abgezahlt hat. Den Eigenmietwert versteuert, wer eine Zweitliegenschaft besitzt. Alles Indikatoren für einen Wohlstand, der deutlich über dem des oft zitierten «Mittelstandes» liegt. Aber wenn selbst Friedrich Merz mit seinem Privatflugzeug sich als «Mittelstand»[4] bezeichnen darf, ist wohl alles erlaubt.

Wenn man sich der Debatte um den Eigenmietwert stellt, kommt man nicht an der Geschichte der alten Oma vorbei. Sie wohnt in einem kleinen Haus, das sie und ihr verstorbener Mann im Schweisse ihres Angesichtes ansparten, und dann über Jahre hinweg mühselig abbezahlten. Für sie, mit ihrer kleinen Rente, wird nun die Steuer zur übermässigen Last. Genau für Leute wie sie wurde diese Initiative lanciert, damit der Lebensabend ohne Geldsorgen verbracht werden kann. 

Und da frage ich mich, ob gewisse Leute sich nicht schämen. Ob sie sich nicht schämen, einen am 15.6.2023 eingereichten Vorschlag zu bekämpfen, der dieses Problem lösen würde[5] – by the way ohne Steuergeschenke an Überreiche. Dass sich, um Ihn beim Namen zu nennen – Philipp Mathias Bregy (Initiativkomitee) nicht schämt, zunächst diesen Vorschlag aufs schärfste anzufechten, nur um danach mit der Geschichte der notleidenden Oma, Stimmen zu sammeln. Dass sich solche Leute nicht schämen, erst mit 1,8 Milliarden an Steuergeschenken im Sack solidarisch zu sein.

Ach, da hab ich doch glatt zwei Drittel der Bevölkerung vergessen. Denn wenn diese Summe mit zehn Stellen im Budget fehlt, muss irgendwie Kompensation her. Oder auch nicht, aber dann wird an Infrastruktur gespart, etwas unter dem alle dann leiden. Zum Glück gibt es eine Lösung. Für lediglich 500 Franken mehr Steuern[6] pro Haushalt und pro Jahr, wird sichergestellt, dass auch die Reichsten künftig nicht am Hungertuch nagen müssen. 

Warum schreibe ich diesen Text überhaupt? Weil ich sehe, wie selbstverständlich man sich das grösste Stück vom Kuchen nimmt. Man instrumentalisiert die reale Not von alten Menschen, nutzt ihr Leiden aus, um sich durch die Hintertür Privilegien zu sichern. Weil es mich anwidert, mit welcher elitären Rhetorik gesprochen wird – Philipp Bregy betont sehr gerne, welche Anstrengungen besonders Eigentümer*innen auf sich nahmen, um sich dieses Privileg zu verdienen – als ob sich Mietende nicht genauso anstrengen würden, um über die Runden zu kommen. Logisch auch, in dieser Lohnklasse interessiert sich der Hauseigentümerverband auch nicht für dich.  Es wird davon gesprochen, dass solche Anreize die Wirtschaft ankurbeln würden. Als ob in den eigenen vier Wänden zu wohnen nicht schon genug attraktiv wäre. Mal ganz abgesehen davon, dass so eine Reform die Immobilienpreise noch rasanter ansteigen lässt, als ohnehin schon. Und auch der Abstimmungstext verschleiert: «Bundesbeschluss über die kantonalen Liegenschaftssteuern auf Zweitliegenschaften». Tja, «Bundesbeschluss über die Öffnung der Vermögensschere» hätte sich wohl weniger gut ans Volk verkauft. Und falls Sie mir immer noch nicht glauben, warum sie NEIN stimmen sollten, so will ich, wie in der Schule, mit einem Zitat schliessen:

Reicher Mann und armer Mann

Standen da, und sahn sich an.

Und der Arme sagte bleich:

«Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich»[7]


[1] https://faire-steuern.ch/?gad_source=1&gad_campaignid=22787788982&gbraid=0AAAABAlSuJKVCdlbnRph-oG5VMQmkMAE5&gclid=CjwKCAjwq9rFBhAIEiwAGVAZP26wWZAS8YVi4WxOkxGBlhNoisKCeQrs3bZ8k85ynudjsw5rE0bruRoCTE4QAvD_BwE  

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[2] https://www.bwo.admin.ch/de/wohneigentum

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[3] https://www.mieterverband.ch/mv/politik-positionen/news/2018/Eigenmietwert–Kein-Systemwechsel-ohne-steuerliche-Gleichstellung-der-Mieterinnen-und-Mieter.html

Aufgerufen am 4.9.2025

[4] https://politik.watson.de/politik/deutschland/614396715-friedrich-merz-so-viele-millionen-euro-hat-der-cdu-chef-auf-dem-konto

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[5] https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20233809

Aufgerufen am 16.09.2025

[6] https://www.sp-ps.ch/abstimmung-eigenmietwert/

Aufgerufen am 16.09,2025

[7] Brecht, 1934

Die wohl teuerste Bildungsoffensive seit der Erfindung des Dreisatzes: Studiengebühren sollen steigen. Nicht ein bisschen. Nein, gleich exponentiell! Heute zahlen Studierende durchschnittlich 1445 Franken pro Jahr an Studiengebühren. Bald soll das Studium doppelt so viel kosten. Willkommen in der Schweiz, wo das Studium bald so viel kostet wie ein durchschnittlicher (Vollzeit-Studenten-)Monatslohn – in Butter, nicht in Franken!

Denn in der Welt der Schweizer Politik, wo Entscheidungen oft so zäh sind wie kalte Butter auf einer frisch servierten Rösti, hat man endlich einen Weg gefunden, Studierende wirksam zu entlasten – durch zusätzliche Belastung. Genial. Der Bundesrat, beseelt vom Sparfieber, greift nun ausgerechnet jene an, die später einmal den Fachkräftemangel ausbaden sollen. Man nennt das „vorausschauende Politik“. Ich nenne es: Butterbrotdenken – viel Verpackung, wenig Nährwert.

Am 23.02.2025 ist es so weit: Deutschland wählt seine Volksvertreter für den Bundestag. Diese Wahl ist richtungsweisend, denn die politische Landschaft hat sich seit der letzten Bundestagswahl im Jahr 2021 deutlich verändert. Damals endete die von der Union geführte «Grosse Koalition» aus CDU/CSU und SPD. Die Sozialdemokraten unter Olaf Scholz bildeten gemeinsam mit den Grünen und der FDP die sogenannte «Ampel-Koalition». Doch dieses Bündnis hielt nicht bis zur heutigen Wahl: Im November letzten Jahres zerbrach die Ampel-Regierung, als Bundeskanzler Olaf Scholz seinen Finanzminister Christian Lindner (FDP) entliess.

In der Welt der Schweizer Politik, in der Entscheidungen oft so träge fallen wie schmelzende Butter auf warmer Rösti, wird mal wieder ein Sturm entfacht. Diesmal jedoch nicht nur wegen der ewigen Frage nach den Atomkraftwerken (AKW) und der Energiewende, sondern wegen eines ganz anderen Themas, das den Bundesrat in Wallung bringt: Butterkrisen, Bankenpleiten, ein drittes Geschlecht, die 10-Millionen-Schweiz und eine völlig ausser Kontrolle geratene Krankenkassenpolitik.

Ein Attentat auf Trump, Bidens überraschender Rückzug aus dem Rennen und die Kamala-Tim-Dampfwalze – Der US-Wahlkampf ist in der heissen Phase. Mit Tim Walz als Running Mate geht nun Kamala Harris in die Offensive. Jetzt geht es nicht nur um das Präsidentenamt, sondern auch um das Vizepräsidium, eine Position, deren Einfluss ebenfalls entscheidend ist. 

Ein rechtskonservativer Politiker ruft in einer flammenden Rede seine Anhänger dazu auf, eine politische Versammlung zu unterbrechen, zu versuchen, die von ihm genannten Gegner festzunehmen und diesen gar körperlichen Schaden zuzufügen. Das Ziel: ohne eine Wahl gewonnen zu haben, die Macht des Landes zu übernehmen.

Ein Mob begibt sich zum genannten Ort. Sie stürmen das Gebäude und die politische Versammlung, welche in vollem Gange ist. Der Politiker unternimmt nichts, um die eskalierende Situation und die aus dem Ruder laufende Gewalt seiner Anhänger zu beruhigen. Im Gegenteil, der Angriff auf die Demokratie war Teil eines grösseren Planes. Der Angriff ist lediglich der Höhepunkt der Unruhen der vergangenen Wochen. Es zirkulieren Lügen über die amtierende Regierung, welche nicht nur vom Politiker und seinen Hilfsmännern unterstützt, sondern meist von ihnen selbst in die Welt gesetzt werden. Bereits seit Monaten gibt es Verbindungen zwischen dem Politiker und bekannten, rechtsextremen Schlägertrupps, diese sehen sich sogar als seine Beschützer. Und bereits seit Jahren spricht der Politiker in strengen, nationalistischen und teils autoritär anmutenden Tönen.

Die Menschenmenge ist in ihren nationalistischen Überzeugungen geeint. Sie wollen die Überlegenheit ihres Landes schützen, gegen Alles, was eine Gefahr für ihre Heimat und den Status Quo zu sein scheint. Sie nehmen damit in Kauf, den demokratischen Prozess und dementsprechend die demokratische Grundordnung Ihres Landes zu stören.

Das gesamte Land befindet sich im Ausnahmezustand, für einen kurzen Moment sieht es nach Bürgerkrieg aus, danach, als ob der Mob sein Ziel erreichen könnte.

Nun gibt es zwei Ausgänge dieser Geschichte. Die erste davon spielt sich aktuell in den USA ab:

Die Verhandlungen gegen Donald Trump im Falle der Unruhen und des Angriffes auf das Kapitol am 6. Januar 2021 laufen noch. Die Chancen, dass er verurteilt wird, sehen Experten jedoch eher gering. Von den sieben höchsten Richtern im Land hat er drei selbst ins Amt gebracht. Das Gericht ist so konservativ aufgestellt wie schon sehr lange nicht mehr und hat bereits in der jüngeren Vergangenheit kontroverse Entscheidungen getroffen. Zu sagen, dass das Gericht ihm gegenüber sympathisch gestimmt ist, wäre wohl keine Übertreibung. Auch die Tatsache, dass ihm nur kleinere Verbrechen wie der «Versuch, offizielle Prozesse zu stören» und nicht, wie von einigen seiner politischen Gegnern erhofft, «Aufrührerische Verschwörung» vorgeworfen werden.

Der zweite Ausgang ist schon etwas länger her:

Am 8./9. November 1923 stürmte eine Gruppe in München eine politische Versammlung in einem Brauhaus. Ein Mann lässt einen Schuss aus seiner Pistole fallen; es ist Adolf Hitler. Er stellt sich auf ein Fass und erklärt den anwesenden Politikern, dies sei ein Putsch. Über die nächsten 24 Stunden bricht Chaos in ganz Deutschland aus. Der Putschversuch der NSDAP scheitert und Hitler wird verhaftet.

Verurteilt wird er von einem ihm gegenüber sympathisierendem Gericht. 7 Monate muss er in Haft, in dieser Zeit verfasst er sein Manifest «Mein Kampf».

Keine 10 Jahre später ist er es, der die Welt in den 2. Weltkrieg stürtzte.


Am Mittwoch, dem 24.04.2024, traf sich der Bundesrat «extra muros» zu seiner Sitzung. Nicht wie gewöhnlich trafen sie sich im Bundeshaus, sondern im Grossratsgebäude in Aarau. Dass der Bundesrat in einem anderen Kanton tagt, hat sich inzwischen seit 2010 zu einer alljährlichen Tradition verfestigt. Eine Möglichkeit für die Aargauer Bevölkerung, mit dem Bundesrat persönlich in Kontakt zu treten.

Den ganzen Morgen hielt der Bundesrat seine Sitzung ab. Danach kam es zum öffentlichen Teil: Am Apéro trafen sich die Bundesräte mit etwa 300 Aargauerinnen und Aargauern. Von Schulklassen und Jungparteien bis hin zu Rentnern und Rentnerinnen waren alle anzutreffen. Die Bürger und Bürgerinnen hatten die Möglichkeit, dem Bundesrat ihre Anliegen mitzuteilen, ihm alle möglichen Fragen zu stellen oder einfach ein gemeinsames Bild zu machen.

Die Aargauer hatten die Möglichkeit, mit dem Bundesrat Bilder zu machen. Ignazio Cassis, Quelle: gov.ch

«Mit den Bundesräten kann man ohne Probleme sprechen, nur das Ansprechen braucht etwas Mut. Von da an läuft das Gespräch von alleine», so Timo Stettler, Elektroplaner aus Safenwil (AG). Auch wenn es Fragen zu aktuellen politischen Themen waren, gab der Bundesrat stets eine Antwort, sofern es ihm möglich war. «Das Volk hat die Möglichkeit, in der Politik mitzureden und seine Einwände zu äussern, wie man heute wieder ganz schön sieht», sagte ich in einem Interview mit SRF.

Der Besuch des Bundesrats zeigt einmal mehr, wie sicher unser Land ist und wie gut unser Politsystem funktioniert. Arm in Arm konnte der Bundesrat Bilder mit den Aargauern und Aargauerinnen machen, stand inmitten der Menschenmasse und war nicht abgegrenzt durch Sicherheitspersonen. Dass der Bundesrat so offen und bedenkenlos mit den Menschen sprechen kann, ist etwas, das vielen Regierungsmitgliedern in anderen Ländern nicht möglich ist. Auch dass der Bundesrat auf die Wünsche und Fragen der Bevölkerung eingehen kann, ist etwas, das wir in unserer Demokratie sehr schätzen können.

Bundesratsmitglieder inmitten der Menschenmasse. Elisabeth Baume-Schneider, Quelle: gov.ch