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Meine Lehrerin meinte immer, sie gebe eine 1 für all diejenigen, die ihre Geschichte mit «Und da wachte ich auf und merkte, es war alles nur ein Traum» beenden. Sie sagte jedoch nie, dass dieser Satz nicht der Anfang sein kann. Denn manchmal, da hat man so Träume, die einen auch nach dem Aufwachen noch beschäftigen. Der Epilog der Nacht also. Fragmente der Träume: schwammig, verwaschen und unvollständig.

«Jetzt fängt das Leben richtig an» ein alter Hut, unumgänglich, am heutigen Tag, an dem die Verfasserin des Textes 18 Jahre zuvor, existentialistisch ausgedrückt, in den «Océan Néant» geworfen worden ist. Ich dachte mir: «man würde doch hoffen, diese 18 Jahre nicht «falsch» gelebt zu haben? Das wäre ja wohl eine Schande!». Der Spruch hat also einen Haken: Das «richtige Leben hat nun wirklich nicht erst jetzt, mit der Volljährigkeit, begonnen. Denn, ohne überheblich klingen zu wollen, viele würden wohl behaupten, dass sie es, gemessen an schulischen Leistungen und ausserschulischen Meisterungen, in diesen 18 Jahren schon recht weit gebracht haben. Dennoch spiegeln sich meine Gedanken zu dieser Aussage im Zitat von Simona Pfister, einer jungen Schweizer Journalistin, wider: «Ich habe es weit gebracht, auch wenn mir (jetzt) nicht klar ist, wo das liegt.»

Ich sitze am Gate 2 des Flughafens Lomé. Vor einigen Monaten wusste ich nicht einmal, dass es eine Stadt gibt die Lomé heisst, und schon gar nicht wo diese Stadt liegt. Jetzt, die Uhr viel Zeit nach vorne gedreht, nach einem Monat in der Hauptstadt Togos, Lomé, blicke ich auf einige der lehrreichsten, schönsten und interessantesten Wochen meines Lebens zurück. Es fällt mir schwer, Lomé hinter mich zu lassen. Es fühlt sich an, als hätte ich schon immer hier gelebt, als wäre dies mein ganz normales Leben. Doch ich weiss, dass es sich wie ein Traum anfühlen wird, wenn ich wieder am Flughafen Zürich sein werde, wo alles so sauber, ordentlich und perfekt ist. Wie weit weg sich die Schweiz doch angefühlt hat. Wie viele Erinnerungen ich in diesen Wochen geschaffen habe. Wie sehr ich mich entwickelt habe. Wie viel ich gesehen, gespürt und erlebt habe. Wo soll ich nur beginnen?

Der erste Eindruck

Ich denke an meine Abreise zurück, und erst nach einigem Studieren fallen mir die Abschiedsgrüsse meiner Familie am Flughafen Zürich wieder ein. Darauf bin ich in den Flieger nach Paris gestiegen, habe dort vergeblich versucht ein Kabel für meine Garmin Uhr zu finden. Meine Uhr, die meine Schritte, meinen Schlaf, mein Energie-Niveau, meinen Kalorienverbrauch und meine sportlichen Aktivitäten trackt. Da ich keines gefunden habe, beschloss ich, die Uhr abzulegen – so wie ich beschlossen habe alle Ordnung, Kontrolle und Struktur meines Lebens in der Schweiz abzulegen. Ich war bereit für das Abenteuer Lomé. Ich war bereit, in ein unbekanntes Land zu reisen, in dem ich nur zwei Personen kannte. Ich war bereit das Chaos, die Ungewissheit und das Unbekannte zu erkunden.

Im Flugzeug nach Lomé schaute ich den Film «Wicked», in dem Elphaba, die Hauptfigur, in die unbekannte Stadt «Emerald City» reist. Im Wicked-Film wird die Emerald City als monumentale, vertikale Fantasiemetropole dargestellt. Die Stadt wirkt grandios und traumhaft. Es wimmelt nur so von freudigen Menschen, grünen Pflanzen und schimmernden Lichtern. Noch wusste ich nicht, dass die fiktive Stadt Emerald City und Lomé absolute Gegensätze sein würden.

Ich wurde am Lomé Flughafen abgeholt, vom Vater der Familie, mit der ich die nächsten Wochen leben würde. Ich habe ihn und seine Tochter diesen Winter in den Bergen kennengelernt – ich war ihre Skilehrerin. Nun treffen wir uns nach einigen Monaten auf der anderen Halbkugel der Welt wieder. Wir fahren durch die Stadt, es ist schon dunkel. Die Strassen sind knapp beleuchtet. Während die «Emerald City» aus dem Film in die Höhe strebt mit ihren monumentalen Türmen und vertikalen Prachtbauten, breitet sich Lomé horizontal entlang der Atlantikküste aus, verwurzelt in der Realität des westafrikanischen Alltags. Mit der Realität wurde ich gleich konfrontiert, als wir an einem Unfall vorbeifuhren. Es lagen Menschen auf der Strasse; Autos und Motorräder waren komplett kaputt. Menschen standen herum, aber niemand half den Verletzten. «Mais personne ne les aide», sagte ich verzweifelt. «Non, c’est normal ici. C’est un grand problème», bekam ich zur Antwort. Was ich da zum ersten Mal sah, würde ich noch viele weitere Male sehen und zu hören bekommen: In Togo gibt es niemanden, nichts, der einem in Krisensituationen hilft. Du bist vollkommen auf dich allein gestellt. Dein Überleben liegt in deinen – oder, wenn du daran glaubst, in Gottes – Händen. Nach dieser Szene fühlte ich mich tatsächlich wie im Film.

Foto aus dem Autofenster, Lomé, Mai 2025: zu fünft auf dem Motorrad – in Togo ganz normal

Das Praktikum in der Juice-Fabrik

Ich war unendlich froh, dass ich als eine der wenigen Touristen im Land nicht ganz auf mich allein gestellt war. Ich lebte mich nämlich sehr schnell in das Familienleben meiner Gastfamilie ein. In der ersten Woche begleitete ich vor allem den Vater der Familie. Er ist der Gründer und Direktor seiner eigenen Juice-Firma. Er macht aus lokalen Früchten und Rohstoffen hochwertigen Juice, den er vor allem in Togo selbst verkauft. Ich ging an seine Meetings mit, war Teil der wöchentlichen Degustationen und bekam einen Einblick in den bürokratielastigen Alltag eines kleinen Unternehmens. Ich lernte das Leben eines Entrepreneurs kennen, der es in einem fremden Land geschafft hat, ohne Wissen, Wurzeln und Vitamin B ein erfolgreiches Unternehmen zu führen. Er ist einer der wenigen, der in Togo selbst produziert und die lokalen Rohstoffe nicht exportiert, sondern vor Ort in ein Produkt umwandelt.

In der ersten Woche ging ich ausserdem an einem Tag mit der «Commerciale» mit. Sie ist verantwortlich für die Beziehung zwischen dem Unternehmen und den Kunden. Jeden Tag besucht sie mit ihrem Motorrad verschiedene Kunden, fragt, ob es Probleme gab, welche Juices sich besonders gut verkaufen, ob der Kunde eine neue Bestellung aufgeben möchte. Zudem soll sie sicherstellen, dass die Juices den bestmöglichen Platz im Laden bekommen; sie achtet auf die Platzierung im Regal, auf die Präsentation der Flaschen und vergleicht mit der Konkurrenz. An einem Tag sah ich alle verschiedenen Arten von Kunden: Tankstellen, Restaurants, Hotels, Cafés, Minimarkts und grössere Lebensmittelverteiler – alle mit unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen. Doch das Ziel des Unternehmens ist immer das Gleiche: auf diese eingehen und eine möglichst lukrative Beziehung zum Kunden aufbauen.

Ich hatte mich ebenfalls dazu entschlossen, für einen Tag in der Produktion mitzuarbeiten. Am Morgen um 8 Uhr war ich da, in meiner weissen Arbeiteruniform. Auf dem Arbeitsplan standen 620 Liter Mangosaft. Der Tag begann damit, reife Mangos auszusortieren und diese zu waschen. Danach wurde jede einzelne Mango aufgeschnitten und auf ihre Qualität überprüft. Ungewohnt für mich, mit einem riesigen Messer um den Kern der Mango zu schneiden, betete ich still vor mich hin, dass ich ohne einen Schnitt davonkommen würde. Ich war umso erleichterter, als dann die Zentrifuge hervorgeholt wurde und ich helfen durfte, die Mangostücke oben in die Maschine zu leeren und dann mit Zufriedenheit zuzusehen, wie langsam Mangopüree auf der anderen Seite unten rauskommt. Dieser Vorgang wurde noch einige Male wiederholt, bis nur noch Mangosaft ohne Fasern übrigblieb. Der Saft wurde in riesige Kessel geleitet, wo er dann nach Geheimrezept zubereitet wurde. Über andere Leitungen gelangte der vervollständigte Saft dann zur Pasteurisierungsmaschine, worin er auf eine genaue Temperatur erhitzt wurde, bevor er dann in die Glasflaschen abgefüllt wurde. Als wir um die Mittagszeit schon beim Abfüllen waren, dachte ich, der grösste Teil sei geschafft. Irren ist menschlich: Das Abfüllen dauerte mehrere Stunden, und die Etikettierung hatte ich wohl ganz vergessen gehabt. Also verbrachte ich den Nachmittag damit, die Etiketten von Hand auf die Flaschen zu kleben.

Das Team war eingespielt: Jeder wusste, wann welcher Schritt zu erledigen war. Sie arbeiteten fleissig und geschmeidig. Für die erste Stunde empfand ich die Arbeit als eine Art Meditation. Ticktack, ticktack. Ticktack. Nach einiger Zeit wurde die dauerhafte Repetition mühselig. Mein Gehirn wollte eine andere Art von Stimulation. Doch das erlaubte ich ihm nicht. Ich arbeitete einfach wie die anderen Arbeiter schön weiter: Etikette nehmen, bepinseln, ankleben. Etikette nehmen, bepinseln, ankleben. Ticktack, ticktack, ticktack. Und so tickten die Stunden dann vorbei.

So hautnah mitzuerleben, wie eine Mango vom Baum zum Mangosaft in der Flasche wird, hat mir die Augen geöffnet. Mir wurde bewusst, wie unglaublich dankbar ich bin, nicht jeden Tag diese Art von Arbeit erledigen zu müssen; die Wärme und Schwüle macht die schon intensive körperliche Arbeit zu einer Herausforderung. Mental braucht es Stärke, mehrere Stunden lang auf einem Schemel zu sitzen und die gleiche Etikette auf hunderten von Flaschen anzubringen. Nie zuvor hatte ich mir genauere Gedanken darüber gemacht, wie viele Zwischenschritte und Überlegungen es braucht, um die Verwandlung einer Mango zu ermöglichen. Wenn ich jetzt im Laden oder zuhause ein Produkt in den Händen halte, kann ich mir mit Bildern, Emotionen und Erfahrungen vorstellen, wie viel es dafür gebraucht hat, dass ich es jetzt, so wie es vor mir steht, konsumieren kann.

Projekt mit Effekt

Nach einer Woche hatte ich also schon ein Bild, wie die Kundenbeziehungen, die Produktion und das Unternehmen aufgebaut waren und wie, was vonstatten ging. Ich wurde gefragt, was ich denn die restliche Zeit gerne machen wollen würde. Ich erklärte, dass die Säfte zweifelsohne unglaublich lecker schmecken und ich von diesen mehrere am Tag trinken wollen würde. Nun, in der Realität würde ich das als gesundheitsbewusster Mensch nie machen, da die Säfte von Natur aus viel Zucker enthalten. Ich würde meinem Körper keinen Gefallen tun.

Nun war mir auf diese Weise eine Idee gekommen. Mein Projekt: «Detox-Juices». Und genau das war es, was ich die restliche Zeit noch in Togo machte. Ich recherchierte diverse lokale und exotische Früchte, Gemüse, Kräuter, Gewürze und Pulver, die ich für die Detox-Säfte benutzen könnte. Es war unglaublich zu lernen, was es alles für Zutaten gibt, die ich von zu Hause gar nicht kannte: Kolanüsse, Zitronengras, Baobab, Hibiskus, Moringa, Tamarind – die Liste geht weiter.

Danach erstellte ich erste Rezepte nach unterschiedlichen Funktionen und Farben: rot, gelb und grün, mit je unterschiedlichen Wirkungen – der eine stimulierend, der andere reinigend, der andere verdauungsunterstützend. Ich ging an den lokalen Markt, um die Zutaten zu besorgen, und begann, erste Testversionen mit der Produktion herzustellen. Mit den Testversionen machten wir intern Degustationen, experimentierten mit den daraus gewonnenen Verbesserungsvorschlägen und Änderungen. Dieser Prozess wiederholte sich zig Male. Bevor ich dann abreiste, entwarf ich passende Etiketten, durfte die aktuellste der Testversionen meines Lieblingssaftes mit nach Hause nehmen und Freunden und Familie zum Probieren geben.

Die drei Detoxsäfte, Probeversionen

Das einheimische Togo

Während sich meine Engsten mit den Säften in etwa vorstellen konnten, was ich in Togo so gemacht hatte, gab es vieles, das ich ihnen nicht zeigen, sondern nur erzählen konnte: wie die Menschen so waren, welchen Eindruck Togo bei mir hinterlassen hat, was ich fürs Leben gelernt hatte.

Während meinem kleinen Praktikum in der Juice-Fabrik versuchte ich manchmal, mit den anderen Arbeitern zu sprechen, um etwas über sie und ihr Leben zu erfahren. Es war schwierig, sie zu erreichen. Die meisten trauten sich kaum, etwas über sich selbst preiszugeben, und erst nachdem sie ein wenig Vertrauen in mich geschöpft hatten, bekam ich eine zaghafte Antwort. Viele der Arbeiter waren nur einige Jahre älter als ich. Sie alle hatten begonnen zu studieren, aber nur wenige hatten tatsächlich einen Abschluss bekommen können. Stipendien gibt es nur wenige. Die Glücklichen, die sie erhalten, gehen ins Ausland studieren und kommen nur selten zurück in das Land. Für die Restlichen war in fast allen Fällen gegen Ende einfach kein Geld mehr da, um die Universitätsabgaben zu bezahlen.

So auch bei der Commerciale, mit der ich etwas mehr Zeit hatte zu sprechen, da ich mit ihr einen ganzen Tag unterwegs war. Sie sagte, im Vergleich zu ihren Freundinnen könne sie sich nicht beklagen. Viele in ihrem Umkreis haben schon Kinder, die Zeit, Energie und Geld in Anspruch nehmen. Sie dagegen wohnt allein, hat ein eigenes Motorrad (was als Luxus zählt) und hat ein stabiles Einkommen. Dieses Einkommen reicht meistens, um über die Runden zu kommen, doch manchmal muss auch sie von der Bank leihen, wenn zusätzliche Kosten entstehen. In ihrer Freizeit kocht sie gerne und schaut Netflix-Serien. Für Sport habe sie keine Energie, wenn sie nach Hause kommt. Ihr grösster Traum ist es, ins Ausland zu gehen – Togo zu verlassen. So wie alle in ihrem Land es sich wünschen.

An diesem Tag sah ich viele verschiedene Zonen von Lomé – von reich bis arm. Was mir schon die ganze Zeit sehr ins Auge gestochen war, war, wie gut alle togolesischen Frauen gekleidet und gestylt waren. Ich fühlte mich in meinen Jeans und einem unifarbenen T-Shirt wirklich sehr underdressed. Ich fragte mich oft: Wieso legen die Menschen hier so viel Wert auf ihr Äusseres, wenn sie kaum das nötige Geld aufbringen können, um die Grundbedürfnisse zu decken?

Als ich später dann auch noch erfahren habe, dass die togolesischen Frauen manchmal bis zu einem Drittel ihres Einkommens für ihre Haare aufwenden, wurde ich wirklich nachdenklich. Nach einem Monat in Togo kam ich zu einer möglichen Schlussfolgerung: genau deswegen – weil Menschen in Togo sonst nicht vieles haben, ist es ihnen wichtig, wenigstens das, was ihnen niemand wegnehmen kann, nämlich sich selbst, zu pflegen und zur Schau zu stellen. Es ist eine Art, die menschliche Würde aufrechtzuerhalten und eine Art, Respekt gegenüber sich selbst zu zeigen. Es ist eine Art zu sagen: Egal wie wenig ich habe – mit dem, was ich habe, mache ich das Beste daraus.

Ob das stimmt oder nicht, weiss ich nicht. Es ist eine meiner eigenen Thesen, um eine Antwort auf eine tief verwurzelte Tradition Togos zu finden.

Die Kleidung war zum Beispiel ganz anders gewesen in Kenia, wo sich die Menschen ähnlich wie in Europa anzogen. Schon bei meiner Ankunft war ich erstaunt, wie vieles sich in Togo von den Menschen, der Kultur und der Gesellschaft unterschied, die ich in Kenia kennengelernt hatte. Dort waren alle so offen, voller Energie und immer in Partystimmung. Das Leben war ein Tanz, Musik hörte man überall – egal ob auf den Strassen oder im Wohnzimmer der Oma. Sogar auf dem Weg zur Arbeit war Party angesagt gewesen: in den sogenannten Matatu-Bussen. Auch dort konnte das Leben hart sein, die Regierung korrupt und die Entwicklung nur langsam am Voranschreiten. Aber die Menschen hatten Lebensfreude – sie lächelten und feierten das Leben.

Es ist tadelswert, aber: In Togo hatte ich irgendwie dasselbe erwartet. Doch hier sah man den Menschen ihr hartes Leben an. Das Lächeln war in zusammengezogene Augenbrauen ausgetauscht worden. Das Lachen in Pusten und Seufzer. Die Lockerheit in Verspannung. Die Menschen, die ich auf den Strassen sah, wirkten meist energie- und freudelos. Einmal sah ich einen Vater, der seinen lachenden Sohn in die Arme schloss und lachte. Ich dachte mir, dass dies wohl eines der ersten Male war, dass ich in Lomé auf der Strasse jemanden von Herzen lachen gesehen hatte. Ich lernte, dass Ostafrika nicht Westafrika ist. Selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass Osteuropa nicht Westeuropa ist. Ost und West – in beiden Fällen unvergleichbar.

Das expatriierte Togo

Während die einen davon träumen, wegzugehen, erfüllen sich die anderen den Traum, hinzuziehen: Ein ganz anderes Leben als die Einheimischen lebten nämlich die Expats in Lomé. Ich lernte vor allem die französische Community von Expats in Lomé an einigen Partys und Anlässen kennen. In diesen Momenten fragte ich mich, wie ich einige Stunden davor noch mit Menschen gesprochen hatte, die kaum Geld für ihr Essen hatten. Ich sah den gegensätzlichen Lifestyle der Menschen, die ihr Land hinter sich gelassen hatten, um nach Togo zu kommen. Die Diskrepanz und Kluft der beiden Lifestyles: immens.

Mein Gastvater hatte mir schon von Anfang an gesagt: «Menschen, die hierherkommen, sind crazy. Sie müssen unabdingbar crazy sein, sonst wären sie nicht hier.» Das bedeutete indirekt, dass seine Familie – und auch ich – crazy waren, was man vielleicht so sagen kann. An vielen Anlässen wurde meine «Craziness» getestet. «Niemand kommt einfach so hierhin», wurde oft der Frage, wieso ich denn in Togo sei, nachgestellt. Ich sagte ihnen, dass ich mich so gut mit der Familie verstanden hatte, als ich sie in den Bergen als Skilehrerin angetroffen hatte, und neugierig geworden war, als die Tochter mir erzählte, sie lebe in einer Stadt namens Lomé.

Oft konterte ich daraufhin mit derselben Frage und bekam fast immer dieselbe Antwort: Europa sei ihnen zu langweilig geworden, sie hätten Lust auf ein Abenteuer gehabt. Denn das Leben in Togo ist für Europäer zweifelsohne ein Abenteuer. Vieles ist so anders.

Was ich mit «Vieles» meine: das Klima – die konstante Hitze mit der drückenden Schwüle. Die Politik – Togo ist auf dem Papier eine Demokratie, aber komischerweise wird der Präsidententitel familiär vererbt. Das Arbeitsethos – man macht so viel, dass man selbst über die Runden kommt. Nicht mehr, aber vielleicht weniger. Dazu gehört selbstverständlich der Mittagschlaf am Strassenrand – auch im Anzug erlaubt. Denn das Motto der Kleidung lautet: Egal wie heiss es ist, man zieht sich gut an. Ausser die Kinder – die rennen in nur Unterhose auf der Strasse herum.

Der Verkehr – der Stärkere überlebt. Die Strassen – sie sind lehmrot, nicht asphaltschwarz. Die Ampel – an manchen Kreuzungen machtlos, denn obwohl sie rot schreit, wird aufs Gas gedrückt. Man muss nur wissen, an welche Kreuzungen. Das Trinkwasser – in Plastiksäcken («Doch wie öffnet man es?», fragte ich mich. «Mit den Zähnen», bekam ich als Antwort). Die Mentalität – ein Tag nach dem anderen, denn es interessiert sowieso niemanden, was am Tag zuvor oder danach gemacht wird. Die Zeit – es gibt nur das Hier und Jetzt, alles andere ist irrelevant. Zuletzt ist auch die Freiheit eine andere.

In Europa verkörpert sich Freiheit oft in konkreten Rechten: der Macht des Wortes gegen die Obrigkeit, der Stimme bei Wahlen, dem Geld als Türöffner zu materiellen Wünschen, der Bewegung ohne Grenzen. Diese Freiheit sammelt Möglichkeiten wie Werkzeuge in einer Kiste – je mehr, desto freier der Mensch. In Togo hingegen entdecken viele der Expats eine Freiheit der Abwesenheit. Hier ist frei, wer sich von den unsichtbaren Fäden, die Familie und Gesellschaft um das Leben spinnen, lösen konnte. Frei von den Blicken der Nachbarn, frei von den Erwartungen der Eltern, frei von Verpflichtungen, die nie gewählt wurden. Es ist die Freiheit des Loslassens. Das gibt ihnen die Freiheit, ganz zu tun und zu sein, wie sie es sich wünschen – ungefiltert, unmoralisch und ungezügelt.

Und das schockierte mich von Anfang bis Ende immer wieder. Doch die Europäer in Togo sind an sich nicht einmal so viel anders als die Europäer in ihren Ländern. Sie haben einfach aufgehört, sich der Gesellschaft, in der sie gross geworden sind und aus der sie kommen, zu biegen. Sie sind aus dem beengenden Korsett gestiegen und haben es in ein luftiges afrikanisches Gewand eingetauscht. Sie haben ihre Uhren eingetauscht. Die Zeit hat sich für sie verändert. Für manche haben sich die Abstände zwischen dem Tick und dem Tack vergrössert. Für andere ist sie ganz stehen geblieben. Und für diese Menschen fühlt sich das nach Freiheit an. Und vielleicht ist es das in ihrer Welt auch.

Und somit stehen sich zwei Philosophien gegenüber: Die eine fragt, was sie nicht hat, aber haben will – die andere, was sie hat, aber nicht haben will. Die eine baut auf, die andere lässt los. Beide suchen wahrscheinlich, wie alle Menschen, dasselbe: Ort, Raum und Umgebung, in denen der Mensch er selbst sein kann, sich verwirklichen, sich frei fühlt. Doch ihre Vorstellungen und Wege dahin könnten unterschiedlicher nicht sein.

Als ich jedoch sah, in wie viel Geld und Luxus das Leben der Expats oft getränkt war, fragte ich mich, ob diese Menschen denn wirklich freier und glücklicher sind als die Einheimischen in Togo oder als die Europäer in Europa. Meine Gastfamilie – auf jeden Fall. Auch andere. Die, die ihren Weg gefunden haben. Die, die in ihrem Leben einen Sinn gefunden haben. Die, die sich im Spannungsfeld zwischen Sein, Besitzen und Tun orientieren gelernt haben.

Doch die meisten Expats waren in meinen Augen vor allem eines: lost. Und so fragte ich mich: Sind diese Partys, diese (ausserehelichen) Abenteuer und diese Extravaganz nicht einfach eine Fassade? Ein Aushängeschild, auf dem geschrieben steht: «Zero fucks given, life is good, I am free» – um genau das, ein freies, tolles Leben, vorzuspielen? Eine scheinbare Fülle? Ist es nicht, als wollten genau diese Menschen etwas beweisen? Wieso haben sie ein so grosses Bedürfnis nach Ansehen, Aufmerksamkeit und Bestätigung? Liegt darin nicht vielleicht die grösste Unzufriedenheit von allen? Wenn die Zeit – trotz glitzernder Rolex am Handgelenk – stehen bleibt, du stehen bleibst auf deinem Weg oder ihn gar nie gefunden hast? Wenn du dich von Ketten gelöst zu sein glaubst, aber diese dir unbewusst immer noch ins Handgelenk schneiden?

Das meine Togo

Sie sagten mir, sie wollten Abenteuer. Doch ihre Wahrheit ist – so glaube ich doch –, dass viele der Expats in Togo wohl eher vor etwas in ihrem Heimatland geflüchtet sind: verhedderte Beziehungen, belastete Familiengeschichten, gesellschaftlicher Druck, finanzielle Handschellen – oder vor sich selbst.

Ich sagte ihnen, ich war neugierig. Doch meine Wahrheit ist, dass auch mir mein Land zu viel wurde. Im Land der Uhren, das selbst aufgebaut ist wie eine – in dem alles wie die tausenden von Zahnrädern einer Uhr reibungslos und geschmeidig läuft. Wo die grösste Angst ist, dass diese Zahnräder mal langsamer laufen, dass ein Zahnrad nicht mithalten kann und das System versagt. Auch ich wollte kurzzeitig fliehen. Vor vielem. Meine Reise nach Togo war ebenfalls eine Flucht. Aber eine Flucht, vor der ich keine Furcht gehabt hatte. Ich hatte mich dort mit Menschen ausgetauscht, Menschen beobachtet, Menschen zugehört – und mich an Menschen gebunden. Dies hatte mich über Menschen gelehrt. Vor allem über mich als Mensch. Ich brauchte dies, um einzusehen, dass meine Flucht nur temporär war – und dass ich die Zahnräder eigentlich mag, wenn ich sie aus etwas mehr Distanz beim Ticken zuschauen kann. Nach Togo sah ich klarer. Ich sah die Uhr als Gesamtheit, mich als kleines Zahnrädchen in einem System. Ich sah, dass jeder Mensch wiederum seine eigene Uhr besitzt. Dass Zeit universell existiert und doch persönlich empfunden werden kann. Dass sie manchmal fliegt und manchmal stehen bleibt. Und dass dies in Ordnung ist, solange man sich dessen bewusst bleibt – und sie nicht für immer stehen bleibt.

Als ich wieder zuhause war, überrumpelte mich keine der Uhren mehr. Im Gegenteil: Ich hatte das Bedürfnis, meine Uhr wieder anzulegen, die Zahnräder wieder drehen zu sehen, den Fortschritt wieder messen zu können. Die Zeit, in der ich meine persönliche Uhr abgelegt hatte, war eine Zeit, in der ich meine Uhr und die Uhr, von der ich Teil bin, studieren konnte. Eine Zeit, in der ich Teile meiner Uhr neu zusammengebaut hatte. Eine Uhr, die jetzt anders tickt als bevor ich nach Togo ging. Eine Uhr, in der die grossen, komplizierten und schwer zugänglichen Zahnräder – wie Freiheit, Lebenssinn und Glück – ausgebaut worden waren. Eine Uhr, die viel verzahnter geworden ist, aber mir gleichzeitig etwas Orientierung, Klarheit und Weitsicht gegeben hat.

Denn ich habe eingesehen, dass ein Weglegen meiner Uhr nötig gewesen war, um einzusehen, dass ich das Ticken meiner Schweizer Uhr mag. Dass ich auf dem richtigen Weg bin – und manchmal nur etwas weniger auf meine Uhr schauen soll, um mich stattdessen umzuschauen, wo ich mich auf meinem Weg befinde. Denn dieser Weg ist vielleicht nicht immer perfekt wie eine tickende Uhr, aber es ist mein Weg. Und das macht ihn für mich wunderschön.

Ich auf einer Wanderung in Kpalimé, im Innern von Togo

In der Schweiz wirbelt Frau Holle ihren Schnee mit unermüdlicher Hand über das Land, deckt Dächer und Strassen in makelloses Weiss. Die SBB-Schlitten fallen aus, dafür kann man den richtigen Schlitten aus dem verstaubten Ecken holen und den Schnee wie in den guten alten Zeiten geniessen. Ein Szenario, das kaum weiter entfernt sein könnte von der Wärme und Sonne, die ich in den letzten zwei Monaten entdeckt habe.

Wer meine Reiseberichte verfolgt hat, weiss, dass ich auf Interrail-Tour durch Italien war. Ligurien, Cinque Terre, Florenz, Neapel – und dann: Tropea, die Perle Kalabriens, ein Ort, der Herkules selbst einst Erholung versprach. Der Legende nach nannte man ihn „Herkuleshafen“, und wenn ich ehrlich bin, ich verstehe warum. Tropea ist nicht nur schön – es ist Magie, in Stein und Meer gegossen. Es fühlt sich nicht nur wie eine Legende an. Viel mehr wie eine Wahrheit, in goldene Farben getaucht und von den Wellen des tyrrhenischen Meeres umrahmt. Kleiner Spoiler: Ich verstehe absolut, wieso Herkules genau diesen Ort ausgesucht hat, denn: es ist der schönste Ort, an dem ich je Ferien gemacht habe.

Bereits die Anreise nach Tropea weckte hohe Erwartungen. Der Zug von Napoli nach Tropea glitt wie ein Pinselstrich entlang der türkisfarbenen Küste. Die Aussicht aus dem Zugfenster hätte kaum besser sein können (ausser, die Fenster wären noch etwas sauberer gewesen). Der Bahnhof – ein kleines, pastellgelbes Häuschen mit einer analogen Glocke, die schrill und ungeduldig läutete, sobald sich ein Zug näherte, schien aus einer anderen Zeit zu stammen, was wahrscheinlich sogar eine Tatsache ist. Denn hier in Tropea ist, im Gegensatz zu den Cinque Terre zum Beispiel, nichts EU-gesponsert. Als ich den schweren Koffer über die Gleise hob und die ersten Schritte in die Stadt wagte, fühlte ich mich wie in eine andere Welt versetzt. Ich lief eine schräg nach unten führende Strasse entlang zu meinem Bed and Breakfast, checkte ein und machte mich bereit für eine Stadterkundungstour.

Die Stadt: Eine Königin auf ihrem Thron

Tropea thront wie eine Königin auf ihrem Felsen, etwa vierzig Meter über dem Meer. Die Gässchen winden sich wie Serpentinen durch die Altstadt, führen unweigerlich zum Belvedere der Piazza del Cannone. Dort öffnete sich der Blick auf das Meer – vor mir lag das tyrrhenische Meer, das Blau und Grün leuchtete, und in der Ferne erkannte ich die Umrisse des Vulkans Stromboli und der Liparischen Inseln. Zudem sieht man ebenfalls auf die berühmte Kirche «Santa Maria dell’Isola», die wohl eher einem Schloss gleicht. Kein Wunder also, dass dieses Bauwerk auch «Castello Vecchio» also «altes Schloss» genannt wird. Es stand ausser Frage: Den Sonnenuntergang wollte ich von diesem Schloss aus her bestaunen.

Die Kirche erhebt sich majestätisch auf einem Felsen, als wäre sie einem Märchen entsprungen. Der Himmel war in Rosa und Orange gefärbt, die Sonne strahlte wie ein Goldstück und tauchte alles in ein magisches Licht. Vor einem Gittertor musste ich, wie viele andere Romantiker, Halt machen, denn das Schloss öffnete für die Öffentlichkeit erst später. Es fand nämlich eine Hochzeit statt. Andere hätten sich vielleicht darüber geärgert, aber für mich war ein Bonus: Ich fühlte mich wahrhaftig wie in einem Disney-Film, als das Hochzeitspaar nach einiger Zeit, begleitet von Musik und Applaus, heruntergeschritten kam. Obwohl die Situation etwas schräg tönt, war es in diesem Moment einfach nur magisch. Die Sonne strahlte im goldenen Licht, der Himmel war rosa-orange gefärbt, der Mond zeigte sich auch schon und das Meer glitzerte wie tausend Sterne. Nachdem auch Nonna und Nonno wieder sicher unten waren, wurde das Gittertor für die Touristen geöffnet und ich konnte endlich nach oben gehen. Ich betrachtete die Sonne, den Himmel und das Meer, bis es dunkel war. Danach ging ich in die Kirche, die noch von der Hochzeit mit Unmengen an Blumen geschmückt war. Ich dankte den höheren Mächte, still für dieses wunderbare Leben, das ich leben darf. Vor Dankbarkeit kamen mir einige Tränen.

Irgendwann wurde dieser magische Moment abrupt davon unterbrochen, dass mein Magen zu knurren begann. Ich hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Eine kleine Trattoria lockte mich mit einem verführerischen Versprechen: Ravioli al pistacchio. Die cremige, nussige Füllung schmolz auf der Zunge und wäre wohl für alle Liebhaber der trendigen Dubai-Schokolade ein Traum. Obwohl ich schon recht satt war, überredete mich der Kellner dazu, ein «Tartufo al Cioccolato» zu probieren. Es sind keine Trüffelpilze, wie man denken könnte, sondern so etwas wie ein Eisküchlein. Absolut köstlich. Der krönende Abschluss war ein Limoncello, vom Haus offeriert.

Türkisblaues Meer mit argentinischer Bekanntschaft

Am nächsten Tag ging es weiter mit essen. Das Frühstück wurde im idyllischen Innenhof serviert. Es gab alles, was das Herz begehrt: von «Cornetto al Crema Bianca» bis hausgemachte Kuchen und Muffins. Für ein solches Frühstück hätte ich in der Schweiz wohl den gleichen Betrag bezahlt, wie eine Nacht hier im Bed & Breakfast.

Ich beschloss, eine Verdauungswanderung zu machen und wollte den kleinen Hügel hinter Tropea besteigen. Leider musste ich schnell feststellen, dass es unmöglich war, zu wandern. Es gab nur die Autostrassen, auf denen man sich aufs Überleben fokussieren musste und somit die Natur leider nicht geniessen konnte. Aber wie auch wandern in Italien, wenn es im Italienischen nicht mal ein Wort dafür gibt? Ich schlenderte also einfach entlang der Via Lungomare und buchte spontan eine Bootstour für den Nachmittag. Nach einem Panino Caprese in der Altstadt, holte ich meine Badesachen und ging hinunter zum Herkuleshafen. Dort fand ich eine kleine Gruppe, die ebenfalls bereit war für die Tour zum Capo Vaticano. Bald darauf tuckerte das kleine Boot mit dem Sommerhit «30°» von der Sängerin ANNA aus der Bucht. Das Wasser hatte eine Farbe, die ich noch nie gesehen hatte. Die beiden Kapitäne Domenico und Federico setzten den Anker und alle, die wollten, konnten ins Wasser springen.

Ich kam aus dem Wasser und sah eine junge Frau, die sich zu meinen Sachen gesetzt hatte. Auch sie war eine Solotravellerin und scherzte, dass sie mit all diesen Pärchen an Bord in mir eine Artgenossin gesehen hatte. Wir begannen zu plaudern, und es stellte sich heraus, dass sie aus Argentinien war und Filmproduzentin ist. Ich schmunzelte über den Zufall, dass hier alles irgendwie mit Filmen zu tun hat. Den Rest der Bootsfahrt verbrachten wir damit, uns über unsere bisherigen Erfahrungen auszutauschen und wir verabredeten uns für später, um gemeinsam Abend zu essen.

Tartufo, Tropea = Traum

Einige Stunden später fanden wir uns in einem winzigen Restaurant mit nur sechs Tischen, ich mit «Paccheri al ragù» und sie mit «Braciola di maiale» auf dem Teller. Es lief ein Fussballmatch im Fernsehen, Lecce versus AC Milan. Zwei Typen in unserem Alter fieberten eifrig mit und fragten uns, für welche Mannschaft wir seien. Um sie zu provozieren, sagten wir für Lecce und so kamen wir ins Gespräch. Die beiden sind aus Milano und gönnen sich ebenfalls noch einige Tage Sonne hier im Süden, bevor es wieder zurück an die Universität und zur Arbeit geht. Als wir alle merkten, dass der Besitzer langsam etwas zu auffällig viel gähnte, bezahlten wir und gingen zur Hauptgasse «Corso Vittorio Emanuele». Dort überzeugte ich meine argentinische Bekanntschaft, ebenfalls das Eisküchlein, das «Tartufo», zu probieren. Ich schlenderte den Rest des Abends mit meinen drei neuen Freunden durch Tropea und dachte, wie schön es ist, einfach mit wildfremden Menschen eine so tolle Zeit geniessen zu können.

Den verbleibenden Tag verbrachte ich lesend am feinkörnigen Strand und genoss die Sonne auf meiner Haut. Ich war schon fast etwas trübselig, als ich dann am darauffolgenden Tag, zum kleinen Bahnhof Tropeas stiefelte und in den Zug stieg. Ich hatte diesen kleinen Ort durch Instagram-Reels gefunden und kann zusammenfassend sagen, dass diese nicht zu viel versprechen. Ende September war es nicht zu heiss, aber trotzdem sommerlich warm. Es war nicht überlaufen, wie so manch anderer Ort in Italien. Und trotzdem nicht ausgestorben. Die Menschen, die Altstadt, die Strände, das Meer, das Essen, die Sehenswürdigkeiten, aber vor allem einfach die ruhige, magische Stimmung – Tropea hat mein Herz. Wer für nächsten Frühling eine Reisedestination sucht, macht mit Tropea auf jeden Fall nichts falsch.

Als ich auf dem Weg nach Hause im Zug war, sass eine Mutter neben mir und schrie ihr verunsichertes, ängstliches Kind an. Die Menschen im Abteil warfen ihr und dem Kind kritische Blicke zu – die Situation war allen unangenehm. Gedanken wie «Sie muss ihre Wut unter Kontrolle bekommen», «das arme Kind» oder «kann dieses Geschrei endlich aufhören» schwirrten ganz automatisch in meinem und den Köpfen der Mitreisenden herum. Doch obwohl Wut oft sehr negativ behaftet ist, muss sie nicht immer nur destruktiv sein.

Wut, als menschliche Emotion, wird in der Gesellschaft als etwas Schlechtes, Unangemessenes und Schwaches angesehen – dies manchmal auch zu Recht. Denn die Wut kann durchaus zu impulsiven, unkontrollierten Handlungen und Verhaltensweisen führen, die für das Umfeld oder einen selbst schnell zum Verhängnis werden können.

Man vergisst jedoch oft, dass uns ein konstruktiver Umgang mit Wut, sei es auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene, im Verlaufe der menschlichen Geschichte gelegentlich grosse Schritte weitergebracht hat.

Prävention eines Vulkanausbruchs

Für uns Menschen ist es wichtig, manchmal sogar nötig, seiner Wut freien Lauf zu lassen und auch mal lauter zu werden, denn Emotionen – egal ob von der Gesellschaft als positiv oder negativ abgestempelt – müssen gefühlt und verarbeitet werden. Werden sie dies nicht, so fressen sich Menschen die Emotionen in das Innere hinein und lassen diese im Kern des Gemüts blubbern. Über eine längere Zeitspanne kann sich die Emotion der Wut als Beispiel zu Frust umwandeln, welche das Gemüt wie eine dreckige, klebrige Magmaschicht umhüllt, bis sie zu Lava wird. Zu einem bestimmten Trigger-Zeitpunkt kann dieses Lava dann eruptionsartig herausströmen, im schlimmsten Fall sogar in der Präsenz von Menschen, die mit dem eigentlichen Entstehen der anfänglichen Magmaschicht gar nichts zu tun hatten und demnach zu Unrecht mit der Situation konfrontiert werden. 

Besonders in Sozialisationsinstanzen kann dies zu grossen Problemen führen. Wenn eine Lehrperson, zum Beispiel, im privaten Leben von ihrem Partner verlassen wurde und die daraus entstehende Wut nicht verarbeitet hat, kann die Lehrperson im Berufsleben möglicherweise durch einen kleineren Zwischenfall getriggert werden. Wenn sie dann einer Schülerin oder einem Schüler ungerechtfertigterweise mit Wut begegnet, kann sich dies nicht nur auf die zwischenmenschliche Beziehung negativ auswirken. Es kann vor allem auch das Selbstvertrauen des Kindes schwächen, weil es das Gefühl hat, einen grösseren Fehler gemacht zu haben. Wäre die Lehrperson konstruktiver mit der Situation umgegangen, hätte sich die Wut nicht in ihr aufgestaut.

Indem, dass man also manchmal einen, im Vergleich gesehenen, kleineren Wutausbruch hat, können grössere Vulkanausbrüche der Wut im falschen Umfeld verhindert werden.

Wut als Katalysator

Die Lehrperson könnte allerdings ihre im privaten Umfeld entstandene Wut als Katalysator für Selbstentwicklung und -erfüllung verwenden. Die durch Wut entspringende, meist negative, emotionale Energie kann nämlich in positive Energie umgewandelt werden. Diese kann genutzt werden, um an sich selbst zu arbeiten und eine bessere Version von sich selbst zu werden. Wut bedeutet nämlich, dass einem etwas an anderen Menschen, einer Situation oder an einem selbst nicht passt. Durch das Bewusstwerden seiner Wut und dem, was die Wut ausgelöst hat, kann man, wenn man dies auch möchte, etwas aus den vergangenen Konfrontationen mit Wut lernen und etwas an sich, seinem Verhalten oder seiner Reaktion auf eine wutauslösende Situation ändern.

Dieser Effekt der Wut kann besonders gut bei der Verbesserung der physischen und psychischen Gesundheit eines Menschen genutzt werden. Als Beispiel, wenn ein Mensch von seinem Partner verlassen wird und nach der Trennung wütend auf den Partner und/oder auf sich selbst ist, kann er seine Wut dafür nutzen, um zu analysieren, wie es zu dieser Situation gekommen ist und was in einer nächsten Beziehung zu optimieren wäre. Somit kann ein positives Ergebnis durch Reflexion und Veränderungswunsch das Resultat der Emotion Wut sein.

Streiterei als Verhandlungsmöglichkeit in Beziehungen

Diese Möglichkeit ergibt sich jedoch auch schon vor einer Trennung, in Beispiel eines Paares. In Beziehungen, egal in welcher Form, muss nämlich auch ab und an mal gestritten werden. Wer nicht streitet, baut mit der Zeit einen Groll gegen seinen Partner auf und dies führt, fast unvermeidlich, zu einem viel grösseren Konflikt, als dass es hätte sein müssen. Keine Beziehung ist perfekt und alle haben mal etwas, das sie stört. Das Wichtige ist, dass man dies frühzeitig kommuniziert und dafür muss man seine Gefühle auch mal laut werden lassen. Durch Streitereien kann nämlich Raum für Diskussionen und Verhandlungen geschaffen werden, welche zu einer gemeinsamen Lösung führen können. Kommt es jedoch zu keiner gemeinsamen Diskussion, sondern nur zu einem Schreikampf, wurde die Wut nicht konstruktiv als Katalysator genutzt.

Es kann das Gleiche passieren, wie bei unzähligen Paaren, die sich nie oder selten gestritten haben und leise alle ihre Beschwerden in sich hineingefressen haben. Bis zu dem Punkt, als einem der beiden der Kragen geplatzt ist und es zur Trennung, wenn nicht sogar zur Scheidung, kommt. Im Nachhinein bereuen Paare ihre Handlungen und reflektieren, dass vielleicht alles nicht so geendet hätte, wie es ist, wenn man seine negativen Emotionen, darunter Wut, kommuniziert hätte.

Wut als Weg zur politischen Veränderung

Nicht nur auf privater Ebene kann Wut konstruktiv als Raum für Diskussion und Verhandlung genutzt werden, sondern auch auf einer höheren Ebene, der Gesellschaftlichen. Politisch motivierte Proteste und Demonstrationen sind nämlich ebenfalls eine positive Weise der Wutauslebung. Sie sind das Resultat der jahrelangen Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Unterdrückung, was die Betroffenen wütend macht. Die Probleme werden so lange ignoriert, bis sie durch die Auslebung der Wut ihre Wichtigkeit erhalten. Jahrelanger Frust aufgrund von Benachteiligung und Ignoranz der Wichtigkeit der verschiedensten Themen wie die Diskriminierung von POC, Queer People oder Diskriminierung aufgrund von finanziellen Unterschieden. Die sind der Leitfaden unserer progressiven Politik.

Die Wut wird in Aktion umgewandelt, man geht auf die Strassen, um gehört zu werden, um eine Veränderung zu machen. Politiker und Aktivisten halten Reden, welche der Öffentlichkeit die Probleme erklären, in der Hoffnung, dass diese ihre Aufmerksamkeit wecken. Je lauter, desto besser, je mehr Menschen präsent sind, desto einschlagskräftiger. Eigentlich sind alle sozialpolitischen Fortschritte durch Aufstand hervorgerufen worden. Sei es durch Proteste oder politische Reden. Es passiert (fast) keine Veränderung ohne das Ausleben von Wut und Empörung – zumindest in der Politik nicht.

Das Frauenstimmrecht ist ein gutes Beispiel für Wutauslebung und ihre positiven Folgen in der Politik. Die Frauen gingen auf die Strassen und protestierten für ihre Rechte. Eine Wut hat sie dazu gebracht, eine Wut auf die Ungleichheit unter den Geschlechtern. Frauen haben das physikalische Energiegesetz genutzt und die Wut in Veränderung umgewandelt. Die vorher genannten Themen sind alle Bewegungen, welche in den letzten Jahren massiv an Medienpräsenz gewonnen haben. Als Fallbeispiel die «Ehe für Alle» Bewegung. Queere Menschen werden seit Jahren unterdrückt und in der Gesellschaft nicht gleichbehandelt wie Cis Menschen. Durch Proteste und das Heben der Stimmen wurde in der Schweiz vor zwei Jahren die Ehe für alle angenommen und ist somit ein weiteres Beispiel für den positiven Einfluss von korrekt-ausgelebter Wut. Wäre die Wut nicht so verwendet worden, wären wir wahrscheinlich gar nicht weitergekommen. Die Wut ist die treibende Kraft in sozialpolitischen Progressen.

In der Geschichte gibt es weitere zahlreiche Beispiele für Vorschritte in unserer Gesellschaft, welche durch Wut ins Rollen gebracht wurden. Ein Beispiel dafür ist der Sturm auf die Bastille, welcher die Französische Revolution ausgelöst hat. Eine Revolution kommt zustande, wenn in einer Gesellschaft sehr viel Unzufriedenheit herrscht und keine Verbesserung des Lebensstandards in Sicht ist. Die Arbeitenden und dem Adel unterworfene Menschen in Frankreich beherbergten genau diese Gefühle zur Zeit vor der Revolution. Sie mussten nämlich jahrelang alle ihre Einnahmen als Steuern dem König abgeben. Die Situation verschärfte sich zunehmend, als die Bewohner von Frankreich am verhungern waren, währenddessen der König den Bau seines eigenen Palastes von Versailles mit ihren Steuereinzahlungen finanzierte. Die jahrelang aufgestaute Wut gegen den Adel resultierte im Sturm auf die Bastille. Die Ausbeutung des gewöhnlichen Menschen vom Adel und Klerus kam mit dem Sturm auf die Bastille und der darauffolgenden Revolution endlich zu einer Veränderung.

Es ist aber auch möglich, Wut in einer friedlichen Weise auszudrücken. Laute Proteste gibt es zu Häufen, doch sie sind nicht die einzigen Proteste, die nennenswert sind. Ihr stilleres Gegenstück, die stillen Proteste, wie Gandhi sie initiiert hat, werden oft überschaut. Doch in ihrer Wirkung sind sie mindestens genauso effektiv. Die Wut Gandhis und seiner Anhänger, ausgelöst durch das britische Regime, brachten sie auf friedliche Weise zum Ausdruck. Durch gezielte stille Proteste verschafften sie sich die Aufmerksamkeit vieler und durch ihre passive Vorgehensweise gewannen sie ihren Respekt. 

An diesem und den anderen aufgeführten Beispielen, ist deutlich zu sehen, dass es durchaus möglich ist, ohne Gewalt und ohne Vulkanausbruch seine Wut seinem Partner, seinem Umfeld oder sogar der Welt zu zeigen. Dadurch kann man sowohl auf das Individuum als auch auf eine Gesellschaft bezogene, lebenswichtige Veränderungen ermöglichen.

Dieses Essay wurde in Zusammenarbeit mit Anju Beerli, Jasmin Imfeld und Sona Garg geschrieben.

Schweizerischer Besuch für die Cinque Terre

Im ersten Teil meiner Serie «Interrail in Italien» habe ich über meine Erfahrungen und Eindrücke der beiden Städte Florenz und Napoli geschrieben. Nach einer Woche Arbeit in der Schweiz ging meine Interrail-Reise in Italien weiter. Diesmal keine Grossstädte, sondern Fischerdörfchen. Und zwar wollte ich endlich die wohl berühmtesten Fischerdörfchen ganz Italiens sehen, nämlich die «Cinque Terre» an der schroffen ligurischen Küste mit den fünf Ortschaften Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore. Die farbigen Häuser, die pittoresken Schiffe, die rauen Steinwände – sind die «fünf Erden» den Hype wert? Ein Einblick in den zweiten Teil meiner Zugreise durch Italien.

Als ich am Montagmorgen früh in den Zug stieg, hielt ich meinen Regenschirm etwas bibbernd in der Hand. Ich war froh, die regnerische Schweiz für den Moment hinter mir zu lassen und hoffentlich Energie tanken zu können. Meine Batterien hatten nämlich schon seit einigen Tagen einen roten Balken (eine Woche als Lagerbegleitung ist eine unglaublich wertvolle Erfahrung, bei der jedoch der Panda-Style mit blauen Ringen unter den Augen als unerwünschte Begleiterscheinung kommt). Die Zugfahrt von Zürich nach Genua verbachte ich demnach schlafend. Beim Umsteigen in Genua hörte ich neben mir Menschen, die ebenfalls froh schienen in die Wärme und Sonne fahren zu können. Es waren Schweizer, ein älterer Herr mit seinem Sohn für die alljährlichen gemeinsamen Italienferien.

Zusammen warteten wir auf unseren Zug. Der Herr tat sich äusserst schwer mit dem Warten: Er lief alle fünf Minuten zum Bildschirm, der die Gleisnummer bekannt gibt. Der Sohn und ich lächelten still, als der Herr erklärte, er habe kein Vertrauen in das italienische Zugsystem. Nach dem vierten Mal zum Bildschirmlaufen, rief er ganz aufgeregt und ja, sogar stolz: «Gleisänderig, mir stönd komplett uf em falsche Gleis!». Einige Touristen sahen ihn etwas verdutzt an, doch wir nahmen unsere Koffer und konnten gerade noch in den richtigen Zug springen. Zum Glück hatte ich diese beiden getroffen, sonst hätte ich vielleicht sogar in Genua übernachten müssen, weil ich am falschen Gleis gestanden bin.

Französische Riviera à la italiana

Als ich mich von meinen schweizerischen Bekanntschaften verabschiedet hatte und meinen Fuss auf den Bahnsteig von Santa Margherita/Portofino setzte, zog ich erst mal meine Jacke aus und genoss den lauwarmen Wind, der mir um die Nase strich. Da war es wieder: La dolce vita italiana. Da die Unterkünfte in den Cinque Terre, wie die Italiener sagen, «un occhio della testa» kosten (also für eine Studentin wie mich nicht gerade erschwinglich sind), hatte ich mich entschieden, hier in Santa Margherita zu logieren. Meinen Koffer polternd und ruckelnd, machte mich auf den Weg zum Zimmer, das ich auf Airbnb gefunden hatte.

Nachdem ich mich in meinem einfachen, aber sehr sauberen Zimmer eingerichtet hatte, zog ich los, um nach dem vielen Sitzen mir die Beine zu vertreten und vor allem, um Santa Margherita, die «Perle der Tigullien», zu erkunden. Mein erster Eindruck war, dass mich dieses Städtchen sehr an Hafenstädte der französischen Côte d’Azur erinnerte. Das italienische Saint Tropez. Die elegant gebauten Gebäude, die hohen Palmen und die pompösen Jachten gehörten zum Setting. Doch davon sollte ich später noch mehr sehen.

Ich lief weiter entlang der Küste, etwa eine Stunde. Mein Ziel: Portofino. Der «feine Hafen» also. Und ob es das war: Luxusmarken wie Louis Vuitton, Alexander McQueen und Dior setzen hier die Klasse. Ein bisschen weiter unten am Hafen sah ich auch, wieso: Jachten an Jachten reihten sich nebeneinander. Die eine schicker und monströser als die andere. Ich kletterte einige Treppen hoch und fand eine ruhige kleine Piazza, von der aus ich den Sonnenuntergang bestaunen konnte. Als ich wieder nach unten kam, hatte sich eine Band auf dem Hafenplatz installiert und Klarinettenlaute machten die romantische Stimmung einer Hafenidylle komplett. Als Soloreisende fühlte ich mich ehrlich gesagt schon etwas fehl am Platz, doch auch ohne romantische Begleitung konnte mich diese kleine Bucht verzaubern. Ich nahm den (EU-gesponserten) Bus zu meinem Zimmer und ging früh schlafen.

Ein Tag – fünf Fischerdörfchen (plus ein Marathon)

Am nächsten Morgen standen die fünf Städtchen auf dem Plan. Ich war früh auf den Beinen, um die Touristenmassen zu vermeiden. Ob mein Plan aufgegangen ist? Leider nein. Schon in der ersten Stadt, Monterosso, hörte ich mehr Englisch und Deutsch als Italienisch. Monterosso ist vor allem für seinen prachtvollen Sandstrand bekannt, das wusste ich schon bevor ich dort war. Wie sich herausstellte: viel mehr hat Monterosso (mir) nicht zu bieten. Es gibt eine Strandpromenade mit den üblichen Souvenirshops, ein paar halbherzliche Cafés und einige farbige Häuser natürlich. Von Monterosso etwas enttäuscht, stieg ich wieder in den Zug und fuhr weiter nach Vernazza. Doch auch hier: die Hauptgasse, Ähnlichkeiten mit einem Pilgerweg. Bedauerlicherweise. Ich ging zum kleinen Hafen und betrachtete die hin und her wippende Fischerboote. Dort fand ich einen kleinen Turm, auf den man steigen konnte gegen zwei Euro Eintritt. Die Aussicht von diesem Turm aus: rosa und gelbe Häuschen, die ligurische Küste und eine grosse EU-Flagge. EU hat ordentlich Geld in die Infrastruktur gepumpt, um diesen Orten die Infrastruktur zu ermöglichen, die für den Tourismus unerlässlich ist. Chapeau vor der EU. Mein Fazit jedoch: Vernazza wäre wohl sehr charming und idyllisch, aber für mich zu viele Menschen.

Nächster Halt: Corniglia. Ich kam an und sah erstmal wieder eine riesige Menschenmenge auf der Strasse stehen. Wie sich jedoch herausstellte, warteten die alle auf einen Bus, der sie auf den Hügel hochfahren würde. Zum Glück mache ich gerne Sport und so lief ich eine lange Treppe hoch in das Dörfchen. Es war zu meiner Freude viel weniger überfüllt als Monterosso und Vernazza. Ich stiefelte die kleinen Gässchen entlang, sah mir die Aussicht der Küste von einer Terrasse her aus, bis mein Magen sich knurrend zu Wort meldete. Ich entschied mich für eine kleine Osteria in der Hauptgasse. Kaum war ich drinnen, sah ich eine etwa 50-jährige Frau allein an einem Tisch sitzen. Sie winkte mich zu sich rüber, als sie hörte, dass ich ebenfalls nach einem Tisch für eine Person gefragt hatte. Ihr Name war Jeanette, eine Amerikanerin mit italienischen Wurzeln, die für die wohlverdienten Ferien zusammen mit ihrem Mann in ihr Heimatland gereist war. Ihr Mann chillte zu dieser Zeit im Hotel; ihm wären die Treppen zu anstrengend gewesen, wie sie lachend erklärte. Jeanette und ich verstanden uns gleich auf Anhieb prächtig. Wir schwatzten über alles Mögliche: die Italienreise, die Familie, die Schulsysteme, die Migration (ihre Vorfahren von Italien in die USA und meine Mutter von Schweden in die Schweiz), aber auch Politik, viel Politik. Jeanette sorgt sich nicht nur um die Zukunft ihres eigenen Landes, sondern um die der ganzen Welt. Es war hochspannend, die ganze politische Lage mal von jemandem erklärt zu bekommen, der kein Beobachter von aussen ist, der die ganzen Ereignisse hautnah miterlebt hat und der erzählen kann, wie es ist, wenn sein Land von einer immer tiefer werdenden Kluft gespalten wird.

Nach einem langen Mittag verabschiedete ich mich mit einer festen Umarmung von Jeanette. Ich lief die kleinen Gässchen entlang, um nach einem Ort zu suchen, wo ich meine Postkarten schreiben kann. Einige Treppen weiter sah ich ein offenes Türchen und schlüpfte hinein. Glückstreffer: ich hatte die wohl schönste Terrasse von Corniglia gefunden. Obwohl ich mir recht schnell sicher wurde, dass dieser unglaubliche Ort wohl privat sein musste, konnte ich mich einfach nicht losreissen von diesem Anblick. Es ging nicht. Und solange sich niemand beklagte, beschloss ich zu bleiben. Ich setzte mich auf das Bänkchen und genoss einfach den Moment. Es war die bezaubernde Idylle, für die ich gekommen war. Ich atmete den Duft der Oleanderblüten ein, spürte die Sonne auf meiner Haut, hörte die Wellen. Nach einer langen Zeit setzte ich mich an den Tisch und schrieb die Postkarten für meine Familie und Freunde. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn es das Paradies gibt, sieht es wohl so aus wie hier. Auf jeden Fall hoffe ich das.

Nach einigen Stunden lief ich die vielen Treppen wieder herunter und fuhr mit dem Zug nach Manarola. Hier fand ich eine Piazza mit einer wunderschönen Kirche, die man kostenlos besuchen konnte. Ich ging hinein und betrachtete die vielen Wandbilder, Verschnörkelungen und Statuen. Kurz darauf beschloss ich, trotz meiner Fussausrüstung, die Wanderung in das fünfte und für mich letzte Städtchen, Riomaggiore, zu wagen. Google Maps gab an, dass es nur eine knappe halbe Stunde gehen würde. Ich machte mich auf den Weg. Wobei «Weg» nicht das richtige Wort ist; ich machte mich auf die Treppen, denn der ganze Weg bestand nur daraus. Ich traf einige schwitzende und keuchende Menschen und merkte bald, dass diese Wanderung nun wortwörtlich echt kein Spaziergang war. Nach 30 Minuten hatte ich nicht mal die Hälfte der Treppen. Ich war immer noch auf der Seite von Manarola. Nach anderthalb Stunden erreichte ich endlich Riomaggiore. Tipps einer aus Erfahrung sprechenden Person: nicht in Sandalen in den Cinque Terre wandern. Nicht Google Maps vertrauen. Viele Snacks einpacken. Als Belohnung für meine grossartige sportliche Aktivität begann es zu regnen. Yey. Ausgehungert, verregnet und erschöpft blieb ich nicht lange in Riomaggiore, obwohl dieses Dörfchen auf Instagram wohl das Gehypteste von allen war. Ich kaufte das wohlverdiente Sandwich und wartete auf meinen Zug, der mich nach Santa Margherita brachte.

Pittoresk aber mit Klaustrophobie-Warnung

Am nächsten Morgen wollte ich eigentlich eine weitere Stadt namens Canoli besuchen, doch es regnete und ich war von den gestrigen 28’000 Schritten ausgelaugt. Ich blieb den Tag über in Santa Marghetita, stiefelte in den Gässchen herum, ging in ein paar kleine Lädelchen und kaufte für meine Familie Mitbringsel.

Nach drei Tagen an der ligurischen Küste war es Zeit für mich, nach Hause zu fahren. Ich reflektierte im Zug über die Orte, die ich in diesen Tagen besucht hatte. Als ich nämlich meine Interrail-Reise plante, war von Anfang an klar gewesen: Cinque Terre – hier muss ich hin. Dass ich nicht die Einzige mit diesem Gedanken sein kann, war mir klar, aber dass die Touristenmassen auch im September noch eine solche Dimension annehmen würden, das hätte ich nicht gedacht. Meine ehrliche Meinung: Ich bin froh, die Cinque Terre nicht nur durch Instareels zu kennen, sondern mit eigenen Augen gesehen zu haben. Die Dörfchen sind die Definition von pittoresk. Die farbigen, etwas heruntergekommenen Häuser, in Steinwände gebaut, die sich trotz der Schroffheit der Küste behaupten können, sind etwas Einmaliges. Das Grün der Hügel, das Türkis des Meers, das Pink der Oleanderblüten: Die Farben sind wirklich so gesättigt wie auf Bildern.

Und doch glaube ich nicht, dass ich so schnell nochmals kommen werde. Obwohl ich selbst Teil dieser Masse bin: Die Touristen nehmen der Region den Charme. Schön und gut, dass die EU so viel Geld in die Infrastruktur investiert hat, um den Tourismus anzukurbeln. Die Kurbel wurde aber zu gut geölt. Ich habe Angst, dass den Cinque Terre dasselbe Schicksal wie Mallorca oder Benidorm droht: nämlich, dass die Kurbel so schnell dreht, dass sie abspringt und kaputtgeht. «Overtourism» ist in meinen Augen auf für die Cinque Terre ein reales Problem, aber es ist ein zweischneidiges Schwert: Die lokale Bevölkerung lebt von den Touristen. Sie sind ihre Einnahmequelle. Doch ich glaube, wenn es so weitergeht, werden immer mehr und mehr meine Meinung teilen: Einmal gesehen, das reicht völlig, lieber verschanze ich mich an einen anderen, stilleren Ort im Land der Pizza. Vielleicht habe ich an meinen nächsten Reisezielen, Tropea in Kalabrien und Palermo auf Sizilien, mehr Glück.

Part 1 meiner Interrail-Reise durch Italien

Im Juli schlug ich zu. Und es floss. Zwar kein Blut aber Geld. Zum Glück nicht so viel wie es sonst gekostet hätte. Im Juli hatte Interrail eine Kampagne mit -20% auf alle Tickets. Ob sie erfolgreich war, weiss ich nicht, doch mich konnten sie jedenfalls um den Finger locken. Eine meiner besten Freundinnen und ich hatten sowieso schon eine Unterkunft in Napoli gebucht, wo wir uns treffen würden. Ich dachte also, wieso fliegen, wenn sich die klimafreundlichere Möglichkeit des Zuges anbietet? Nach Neapel sind es von Zürich aus etwas mehr als neun Stunden Fahrt, daher beschloss ich, einen Stopp einzulegen. Meine Wahl fiel auf Firenze, eine Stadt, die ich schon mehrmals besucht habe, deren Charme immer noch gleich verlockend bleibt. 

Ich packte meinen neuen Koffer und am 1. September zog ich ihn sprintend hinter mir her in den Zug, der mich nach Milano bringen würde. Von dort aus fuhr ich nach Bologna, wechselte Zug und dann war ich auch schon da, in der Wiege der Renaissance, wie die Heimatstadt von Leonardo Da Vinci auch genannt wird. Die Zugfahrt erwies sich zu meinem Erstaunen als sehr angenehm: keine Verspätungen, Klimaanlage und saubere Toiletten. Daumen hoch für die SBB und die Frecciarossa.

Ein Abend, viele Herzensmomente 

YellowSquare, hiess das Hostel, das ich mir ausgesucht hatte. Wieso es so heisst, weiss ich bis heute nicht, doch es hatte top Bewertungen und war nur 15 Minuten von der Bahnstation entfernt. Leider waren diese 15 Minuten genug, um meinem schönen, neuen Koffer einer der vier Rollbeinchen zu rauben. (Es lag nicht an den Strassen von Firenze, sondern an der äusserst fragwürdigen Qualität des Koffers.) Verschwitzt und durstig checkte ich in mein Zimmer ein, welches ich mit drei anderen Frauen teilen würde. Eine meiner Mitbewohnerinnen befand sich im Zimmer und begrüsste mich ganz herzlich. Sie war eine Musical-Performerin aus Melbourne, die ihre dreiwöchige Spielpause in Italien verbrachte, um Sonne und Energie zu tanken. Wir verstanden uns auf Anhieb prächtig und verabredeten uns für den Abend. 

Nach dem ganzen Tag in Zug, beschloss ich trotz der Hitze einen einstündigen Spaziergang zur Piazza in Angriff zu nehmen. Ich lief durch das Zentrum zum Duomo, dann über die denkmalgeschützte Brücke Ponte Vecchio auf den Hügel zur Piazza Michelangelo, um den Sonnenuntergang zu sehen. Ich hatte zwar nicht erwartet, dass ich die Einzige bin: Aber wenn ich sage, dass jeder Quadratmeter auf der Treppe der Piazza besetzt war, dann meine ich dies wortwörtlich. Im Abendlicht glitzerte eine Kirche etwas oberhalb der Piazza und nach einigen weiteren Treppen fand ich die Chiesa San Miniato al Monte. Auch dort gibt es eine Piazza mit wunderschönem Ausblick auf die Stadt, jedoch ohne die Touristenhorden, die sich weiter unten bei der Piazza Michelangelo angesiedelt haben. Meine neugewonnene, australische Freundin gesellte sich wenig später zu mir dazu und wir bestaunten zusammen, wie eine grosse Orange namens Sonne hinter den Hügeln verschwand. Es war traumhaft. 

Wir liefen den Hügel hinunter und fanden uns wenig später in einer kleinen Osteria mit einem isländischen Pärchen in ein Gespräch verwickelt. Sie hatten uns ihre noch fast volle Weinflasche angeboten und begannen, von ihrem Roadtrip zu erzählen. Mit drei wildfremden Personen lachte ich an diesem Abend über die Welt und das Leben. Zum Beispiel über wie unglaublich es ist, dass man in Italien Autos im neutralen Gang lässt, damit andere parkierende Gefährte diese herumstossen können, um sich so in den Parkplatz zu zwängen. Der isländische Mann erzählte uns mit lauter und vielleicht etwas lallender Stimme, letzte Woche hätten sie ihr parkiertes Auto nicht auf Anhieb finden können, weil es 15 Meter weiter nach vorne gestossen worden war. Fazit des Abends: In Italien erfüllen Stossstangen ihren Zweck.  

Neapel – das reinste Chaos? 

Am nächsten Morgen ging es für mich weiter nach Neapel. Nach einigen Stunden im Zug, fand ich meine Kollegin winkend am Gleis und wir stiegen in die Metro. Obwohl Napoli wohl als Synonym für „Chaos“ berühmt ist, fanden wir eine gepflegte, organisierte und saubere Stadt vor. Ich war positiv überrascht. 

Unser Appartment lag im lebendigen, stimmungsvollen und sehr zentralen Viertel Quartieri Spagnoli. Dieses Viertel hat seinen Ursprung in der Zeit, als Spanien im 16. Jahrhundert unter die Herrschaft des spanischen Vizekönig Pedro Alvarez de Toledo kam, der eine Stadterweiterung vornahm, um die spanischen Soldaten einquartieren zu können[1]. Obwohl das Quartier lange als Rotlichtviertel mit viel Kriminalität und Korruption bekannt war, ist das Gebiet heute absolut sicher und erstaunlicherweise auch in der Nacht ziemlich ruhig. 

Die nächsten paar Tage verbrachten wir natürlich damit, Neapel zu erkunden. Wir besuchten das eindrückliche Palazzo Reale, die Galleria Umberto, das Kloster Santa Chiara und fanden in fast jeder Ecke unglaublich schöne Kirchen und Kapellen. Ein besonderes Highlight war das sogenannte „Napoli Sotterranea“: eine Führung durch die Hohlräume, die bei den Griechen als Aquädukte gedient haben und später im Zweiten Weltkrieg als Schutzräume genutzt worden sind. 

Foodbaby In Coming

Wir assen napoletanische Spezialitäten für ein Geld, das in der Schweiz nicht mal für eine Flasche Wasser reicht. Vor allem Frittiertes kommt nicht zu kurz: Pizza fritta (frittierte Pizza), Frittatine (frittierte Pastakugel gefüllt mit Hackfleisch und Käse), Zeppole (frittierte Teigbällchen), Babà (frittierter Teig in Rum getränkt) und Cozzetiello (Brot gefüllt mit Tomatensauce und Fleischbällchen). In Napoli ist man kurzum im „Food Heaven“.  Wer einen Verdauungsspaziergang braucht, der schlendert der Via Toledo oder der Meerespromenade „Lungomare“ entlang und betrachtet die verschwommenen Umrisse des Vulkangiganten, des Vesuvs. Wer auf der Suche ist nach einem kulinarisch und kulturell interessanten Abend, geht in die Trattoria da Nennella. In diesem Lokal speist man für 16 Euro einen ersten und zweiten Hauptgang mit Beilage. Das Besondere sind jedoch nicht nur der Preis und das Essen sondern, dass sich das Lokal ganz plötzlich während dem Essen in eine Party verwandelt: „Sarà perché ti amo“ ertönt aus den Boxen, die Kellner tanzen auf dem Tisch, die Gäste werden aufgefordert mitzutanzen, mitzusingen und es spielt keine Rolle, dass man nur die vier Wörter des Refrains kann. Der Vibe ist unglaublich. (Während ich das hier schreibe, verzieht sich mein Mund automatisch zu einem Lächeln.) 

Tagesausflug: Posillipo

Am letzten Tag beschlossen wir uns dafür, aus dem Stadtinnern rauszukommen und fuhren mit dem Bus 30 Minuten lang zum Stadtteil „Posillipo“. Nach weiteren 30 Gehminuten erreichten wir den Eingang zu einem der wenigen öffentlichen Strände, der „Spiaggia della Gaiola“. Da dieser Strand in einer geschützten Zone liegt, braucht man eine Reservierung, die jedoch gratis ist. Wir hatten Glück und konnten uns die letzten Tickets sichern. Der Strand ist atemberaubend und durch die Limitierung der Gäste überhaupt nicht überfüllt. Die farbigen Häuser der Küste, das klare Meer, Blick auf den Vesuv – was will man noch mehr? 

Napoli nel cuore 

Neapel war der zweite Stopp meiner Interrail-Reise. Ob diese Stadt tatsächlich „die schönste Stadt der Welt“ ist, wie der Dichter Stendhal einst meinte[2], ist schwer zu bewerten. Fest steht für mich jedoch, dass hier fast alles stimmt: Das Essen, die Preise, der Humor der Leute, das Meer, die Stimmung, ja, sogar die Metro und die Abfallentsorgung klappen bestens. September war eine gute Zeit, um hierher zu kommen, man könnte jedoch auch noch später, Ende September oder im Oktober, nach Napoli reisen, falls man wie ich wärmeempfindlich ist. Neapel wird seinem Namen als Nabel der Welt mehr als gerecht, sei es dem Nabel der Welt der Kulinarik, der Kultur oder der Kirchen. 

Quellen: 

Quartieri Spagnoli, in: Wikipedia, https://it.wikipedia.org/wiki/Quartieri_Spagnoli, heruntergeladen am: 07.09.24. 

Stendhal e i due volti di Napoli, in: è Campania, https://ecampania.it/event/stendhal-e-due-volti-napoli/, heruntergeladen am: 07.09.2024. 


[1] Quartieri Spagnoli, in: Wikipedia, 07.09.24. 

[2] Stendhal e il due volti di Napoli, in: è Campania, 07.09.2024.