«Wir möchten sehen, wie viel Leidenschaft dahintersteckt»
Riccardo Bernasconi und Damien Hauser im Gespräch über Filmfestivals, den langen Weg vom Hobby zum Beruf und die Frage, was Filme als Kunst eigentlich asudrücken können.
Olivia Glatz traf Riccardo Bernasconi und Damien Hauser anlässlich der Jugendfilmtage Zürich 2026.
ZU DEN PERSONEN

Riccardo Bernasconi wuchs in Mendrisio im Tessin auf. Er studierte Mediendesign an der NABA (Nuova Accademia di Belle Arti) in Mailand und absolvierte 2010 einen Master in Regie und Drehbuch an der ZHdK. Er war Schüler von Paolo Sorrentino und arbeitete als Regieassistent mit Luca Guadagnino und Tilda Swinton zusammen. 2013 wurde sein Kurzfilm «Death for a Unicorn», gesprochen von Tilda Swinton, am Filmfestival Venedig in der Sektion Orizzonti gezeigt. An den Jugendfilmtagen 2026 ist er Mitglied der Jury.

Damien Hauser ist schweizerisch-kenianischer Herkunft und hat bereits vier Spielfilme sowie zahlreiche Kurzfilme realisiert. Nach der Sekundarschule besuchte er die Zürcher Filmschule SAE. Sein jüngster Film «Memory of Princess Mumbi» – ein Afrofuturismus-Sci-Fi-Mockumentary – hatte seine Weltpremiere in der Venice Days-Sektion der Filmfestspiele Venedig. An den Jugendfilmtagen 2026 ist er ebenfalls Jurymitglied.
DAS INTERVIEW
Damien, wie bist du zum ersten Mal zu den Jugendfilmtagen gekommen?
Damien: Ich erinnere mich ehrlich gesagt nicht mehr genau, wie ich das Festival entdeckt habe. Ich habe schon mit sieben Jahren angefangen, Filme zu machen – immer nur mit meinen Nachbarn und Freunden. Mir war gar nicht bewusst, dass es da draussen einen Raum für junge Leute gibt, wo man sich wirklich treffen kann. Als ich meinen Film dann einreichen und ihn auf der Leinwand sehen konnte, war das ein total verrücktes Erlebnis. All diese Kurzfilme von anderen Regisseurinnen und Regisseuren in meinem Alter zu sehen – das war unglaublich inspirierend.
Was macht Filmfestivals für dich so besonders – gerade als Regisseur?
Damien: Schauspielerinnen und Schauspieler am Set sehen sich ständig, sie sind immer in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen. Als Regisseur ist man dagegen meistens sehr allein. Auf Festivals trifft man andere Filmemachende, tauscht Erfahrungen aus – und vielleicht dreht man plötzlich gemeinsam einen Film. Das war für mich immer das Schönste daran.
Riccardo, teilst du das?
Riccardo: Absolut – und darüber habe ich tatsächlich noch nie in dieser Form nachgedacht. Man sieht verschiedene Herangehensweisen und Stile, man sieht, was andere Menschen an einem anderen Ort machen. Hier in der Schweiz, aber aus völlig verschiedenen Regionen – welche Themen beschäftigen die Leute? Worüber wollen sie erzählen? Das macht mich jedes Mal wahnsinnig neugierig.
Ist der Wettbewerbsgedanke an solchen Festivals stark spürbar?
Damien: Das hängt vom Filmemacher ab. Aber Filmemachen ist nicht wie ein Marathon, wo es eindeutig eine Beste gibt. Es ist so subjektiv. Mit einer anderen Jury gäbe es höchstwahrscheinlich andere Gewinnerinnen und Gewinner. Ich denke, das Beste an einem Festival ist schlicht, dass man mit anderen Menschen zusammen ist, die dasselbe tun.
Riccardo: Genau. Es ist keine Mathematik. Und ich finde das eigentlich befreiend.
Wie fühlt es sich jetzt an, Jurymitglied zu sein – nachdem du selbst als junger Filmemacher hier warst, Riccardo?
Riccardo: Ich habe in den letzten Jahren viele Festivals besucht, aber eher solche für Erwachsene. Die Stimmung dort ist manchmal einfach anders. Hier sind die Leute wie auf einem anderen Planeten – denn für viele ist es die erste Erfahrung auf einem grossen Festival. Man spürt die Leidenschaft, vielleicht auch die Angst, den eigenen Film auf der Leinwand zu sehen, vor all diesen Menschen, die ihn – stillschweigend – bewerten. Diese Energie ist spürbar und echt. Es geht wirklich nur ums Filmemachen, nicht um Beziehungen oder Marketing.
Wie bewertet man als Jury Filme, die so unterschiedlich sind – ein einminütiger Animationsfilm gegen einen zwanzigminütigen Kurzspielfilm?
Damien: Das ist wirklich schwierig, das lässt sich kaum direkt vergleichen. Aber wir versuchen immer, Leidenschaft zu erkennen. Wenn man sieht, dass jemand wirklich mit Herzblut bei der Sache ist, spielen technische Fehler keine Rolle. Man spürt diesen Antrieb – und das ist der entscheidende Punkt.
Riccardo: Ich hätte es nicht besser sagen können. Und weil wir zu fünft in der Jury sind, bringt jede Person ihre eigene Sichtweise ein. Oft verändert das auch die eigene Meinung. Jemand sagt etwas zu einem Film, und plötzlich siehst du ihn mit anderen Augen. Das ist gut so – Kunst ist eben subjektiv.
Für euch beide hat das Filmemachen als Hobby begonnen und ist dann zum Beruf geworden. Wann hat sich das so herauskristallisiert, Damien?
Damien: Ich kann mich an keinen genauen Moment erinnern, weil ich das schon so lange wusste (lacht). Aber es gibt eine lustige Geschichte: Ich dachte jahrelang, ich könnte kein Filmemacher werden, weil ein Film ja Millionen kostet. Irgendwann erfuhr ich dann, dass es Produzentinnen und Produzenten gibt, die das Geld besorgen. Da dachte ich: «Ah, ich könnte also doch Filmemacher werden. Cool.» Aber in Wirklichkeit habe ich einfach weitergemacht, weil es mir Spass gemacht hat. Der Rest hat sich ergeben.
Und du, Riccardo?
Riccardo: Ich wollte eigentlich Grafikdesigner werden. Dann habe ich Naturwissenschaften studiert und das Filmemachen nebenbei weitergeführt. Die Festivals wählten meine Filme immer wieder aus – da begann ich zu merken, dass das, was ich mache, nicht nur für mich ist. Ich habe realisiert, es gibt Menschen, die das, was ich mache, wirklich gut finden. Ich wurde in meiner Tätigkeit bestätigt. Mit 19 habe ich dann ein Filmstudium versucht. Ich dachte: Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch als Cutter oder Kameramann arbeiten. Denn wer alleine Kurzfilme macht, lernt jeden Aspekt des Filmemachens kennen. Und so hat sich das stetig entwickelt – Stück für Stück.
Damien, du hast für deinen Film «Memory of Princess Mumbi» KI eingesetzt. War das eine künstlerische Entscheidung oder auch eine finanzielle?
Damien: Rein finanziell hätte ich das sowieso nie stemmen können. Es war eine inhaltliche Entscheidung. Ich habe die Möglichkeiten von Science-Fiction im afrikanischen Kino erkundet – dort gibt es so viele Geschichten zu erzählen. Gleichzeitig wollte ich das Werkzeug KI aus moralischen Gründen eigentlich nicht verwenden. Also habe ich es benutzt, aber gleichzeitig innerhalb der Geschichte kritisiert. Ein Widerspruch – aber ein bewusster.
Was motiviert euch grundsätzlich am Filmemachen?
Riccardo: Wenn man Zeit und Mühe investiert, um etwas zu erschaffen, das Bestand hat und einem für immer gehört – das ist unschätzbar. Mein Vater hat vierzig Jahre für ein Unternehmen gearbeitet und war am Ende nur ein kleiner Teil von etwas Grösserem. Kunst zu schaffen, bedeutet, etwas Eigenes in die Welt zu setzen. Und Film bleibt für immer. Ausserdem ist Filmemachen eine unglaublich umfassende Kunstform: Bild, Licht, Literatur, die Beziehung zu den Schauspielerinnen und Schauspielern. Man ist Regisseur, Psychologe und Philosoph zugleich.
Damien: Für mich ist das Wichtigste, Spass zu haben. Das klingt simpel, aber: Man verdient mit diesem Job finanziell nicht wirklich gut. Man investiert die gesamte Freizeit. Wenn man dann auch noch unglücklich mit dem ist, was man tut – das ist der eigentliche Schmerz. Das Ziel im Leben ist doch sowieso, glücklich zu sein. Und Filmemachen macht mich sehr glücklich. Auch wenn es viele stressige Zeiten gibt.
Was sollen die Menschen von euren Filmen mitnehmen?
Riccardo: Film ist ein so wirkungsvolles Medium, dass es auch nützlich sein sollte. Es sollte Geschichten erzählen, die helfen, etwas zu verstehen. Vielleicht ist das Fühlen von Emotionen der erste Schritt, um sich wirklich mit Dingen auseinanderzusetzen – mit Situationen, die direkt vor unserer Nase liegen, an die wir uns aber nie herantrauen.
Damien: Oder man erzählt einfach eine Geschichte, bei der jemand denkt: «Das passiert. Ich bin nicht allein.» Das wäre schon sehr viel. Meine Filme spiegeln immer wider, in welcher Zeit ich lebe, was mich umgibt, was mich bewegt. Es ist immer ganz nah bei mir
Vielleicht eine Art Spiegelbild des eigenen Inneren?
Damien: Ja, vielleicht.
Das Interview wurde am 13. März 2026 anlässlich der Jugendfilmtage Zürich geführt.