Während sich der Erreger Sars-CoV-2 in Europa und den USA weiterhin gnadenlos ausbreitet, scheint in China das Schlimmste dank eines bereits zwei Monate dauernden Lockdowns der 11-Millionen-Stadt Wuhan und ähnlichen landesweiten Einschränkungen überstanden.

Im Ursprungsland des Virus sind die gemeldeten Neuinfektionen seit Anfang März auf unter hundert pro Tag gefallen. Der U-Bahn- und Fernverkehr rollt wieder, Einkaufszentren sind seit dieser Woche geöffnet. Ebenfalls wurde die Einreisesperre in die Hauptstadt der Provinz Hubei wieder aufgehoben. Verlassen dürfen wird Wuhans Bevölkerung die Stadt voraussichtlich ab dem 8. April wieder. Die Wiederaufnahme des öffentlichen Lebens im bevölkerungsreichsten Land der Erde, nur eineinhalb Monate nach dem Höhepunkt der Epidemie, zeigt, dass die Zentralregierung Pekings die massiv ins Stocken geratene Wirtschaft so schnell wie möglich wieder auf Hochtouren bringen will – ohne Rücksicht auf Verluste.

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Entwicklung der Covid-19-Fallzahlen in China. Quelle: Johns Hopkins University

Denn so tragisch die Covid-19-Pandemie mit Tausenden von Toten auch sein mag, gerade im schwerindustriellen China, das für mehr als 28% des weltweiten CO2-Ausstosses verantwortlich ist, hat sich in den letzten Wochen gezeigt, wer vom totalen Stillstand der Gesellschaft am meisten profitiert: die Umwelt. Plötzlich schien über den sonst so smogverseuchten Megastädten Chinas die Sonne, während Wissenschaftler eine signifikante Abnahme der Luftverschmutzung feststellten. Bilder der US-Weltraumbehörde Nasa zeigten einen deutlichen Rückgang der Stickstoffdioxid-Werte über dem Reich der Mitte – für viele Experten historisch einzigartig. So zitiert die Welt Nasa-Forscher Fei Liu: «Es ist das erste Mal, dass ich für ein bestimmtes Ereignis einen so dramatischen Rückgang von Schadstoffwerten über ein so weites Gebiet sehe.»

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Vergleich der Luftverschmutzung mit und ohne Quarantänemassnahmen der chinesischen Regierung. Quelle: Nasa/Esa

Ähnlich, wenn auch nicht im gleichen Ausmass, sinken CO2- und andere Emissionen über Europa, wo vor allem der Flugverkehr seit Wochen beinahe zum Erliegen gekommen ist. Laut dem Echtzeit-Flugdaten-Portal Flightradar24 ist der weltweite kommerzielle Flugverkehr in der letzten Märzwoche im Vergleich zum Vorjahr um über die Hälfte zusammengebrochen. Airlines stehen, wie etwa Italiens nationale Fluggesellschaft Alitalia, kurz vor dem Bankrott und fordern die Unterstützung des Staates.

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Vergleich der Anzahl kommerzieller Flüge in den gleichen Zeiträumen, grün im Jahr 2019, blau im Jahr 2020. Quelle: Flightradar24

Sorgen um die Erwerbstätigkeit überwiegen

Zumindest kurzfristig scheint Covid-19 der Umwelt also einen Gefallen zu erweisen, wenn auch auf Kosten der Gesundheit der Menschen und Wirtschaft. Und genau da sehen viele Experten das Problem. Aufgrund der drohenden Rezession könnte sich das in den letzten Jahren mühselig aufgebaute Umweltbewusstsein der Gesellschaft wieder abnehmen. Diese Befürchtung vertritt Rob Jackson, Professor für Erdsystemwissenschaften an der Universität Stanford, im Interview mit CNBC: «Wenn die Weltwirtschaft abstürzt, werden die Emissionen kurzfristig sinken, da wir weniger Güter produzieren, aber die Klimamassnahmen werden sich verlangsamen. In der Politik überwiegen Sorgen um die Erwerbstätigkeit solche über die Umwelt.»

In der Politik überwiege Sorgen um die Erwerbstätigkeit solche über die Umwelt.

Rob Jackson, Professor für Erdsystemwissenschaften an der Universität Stanford

Dass dies der Fall ist, zeigen Beispiele in China und Europa. Cao Liping, Direktor des chinesischen Büros für Ökologie und Umweltdurchsetzung im Ministerium für Ökologie und Umwelt, liess vor wenigen Wochen an einer Pressekonferenz verlauten: «Die Umweltaufsicht sollte den praktischen Bedürfnissen der sozialwirtschaftlichen Situation angepasst werden.» In anderen Worten plant China seine Umweltstandards zumindest temporär zu lockern, um den Produktionsverlust während der Corona-Krise wieder auszugleichen. Ähnlich sieht es in der europäischen Flugindustrie aus, wo in den letzten Wochen Stimmen laut wurden, erst kürzlich beschlossene Regelungen zur Emissionsreduzierung wieder rückgängig zu machen – ebenfalls mit Verweis auf wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Airline-Dachverband IATA geht davon aus, dass die Corona-Pandemie die Branche unter Umständen mehr als 100 Milliarden Euro kosten wird. Nicht nur will man die seit langem geforderte Einführung einer Kerosinsteuer auf unbestimmte Zeit verschieben, auch wollen Politiker die ab heute in Deutschland in Kraft tretende Erhöhung der Luftverkehrssteuer um mindestens ein Jahr verschieben.

Ob die Auswirkungen von Covid-19 die Bemühungen der Klimabewegung tatsächlich vereiteln, wird am Ende vor allem an der Standfestigkeit und Prioritätensetzung der Politik liegen. Sollte sie zum Schluss kommen, dass die Wirtschaft nur durch eine Deregulierung auf Kosten der Umwelt wieder auf Vordermann gebracht werden kann, würde dies dem Erreichen der Ziele des Pariser Klimaabkommen einen herben Dämpfer versetzen. Erste Ergebnisse werden wohl erst im November am Klimagipfel in Glasgow sichtbar werden – sollte dieser wie geplant stattfinden können.

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