Ich sitze am Gate 2 des Flughafens Lomé. Vor einigen Monaten wusste ich nicht einmal, dass es eine Stadt gibt die Lomé heisst, und schon gar nicht wo diese Stadt liegt. Jetzt, die Uhr viel Zeit nach vorne gedreht, nach einem Monat in der Hauptstadt Togos, Lomé, blicke ich auf einige der lehrreichsten, schönsten und interessantesten Wochen meines Lebens zurück. Es fällt mir schwer, Lomé hinter mich zu lassen. Es fühlt sich an, als hätte ich schon immer hier gelebt, als wäre dies mein ganz normales Leben. Doch ich weiss, dass es sich wie ein Traum anfühlen wird, wenn ich wieder am Flughafen Zürich sein werde, wo alles so sauber, ordentlich und perfekt ist. Wie weit weg sich die Schweiz doch angefühlt hat. Wie viele Erinnerungen ich in diesen Wochen geschaffen habe. Wie sehr ich mich entwickelt habe. Wie viel ich gesehen, gespürt und erlebt habe. Wo soll ich nur beginnen?
Der erste Eindruck
Ich denke an meine Abreise zurück, und erst nach einigem Studieren fallen mir die Abschiedsgrüsse meiner Familie am Flughafen Zürich wieder ein. Darauf bin ich in den Flieger nach Paris gestiegen, habe dort vergeblich versucht ein Kabel für meine Garmin Uhr zu finden. Meine Uhr, die meine Schritte, meinen Schlaf, mein Energie-Niveau, meinen Kalorienverbrauch und meine sportlichen Aktivitäten trackt. Da ich keines gefunden habe, beschloss ich, die Uhr abzulegen – so wie ich beschlossen habe alle Ordnung, Kontrolle und Struktur meines Lebens in der Schweiz abzulegen. Ich war bereit für das Abenteuer Lomé. Ich war bereit, in ein unbekanntes Land zu reisen, in dem ich nur zwei Personen kannte. Ich war bereit das Chaos, die Ungewissheit und das Unbekannte zu erkunden.
Im Flugzeug nach Lomé schaute ich den Film «Wicked», in dem Elphaba, die Hauptfigur, in die unbekannte Stadt «Emerald City» reist. Im Wicked-Film wird die Emerald City als monumentale, vertikale Fantasiemetropole dargestellt. Die Stadt wirkt grandios und traumhaft. Es wimmelt nur so von freudigen Menschen, grünen Pflanzen und schimmernden Lichtern. Noch wusste ich nicht, dass die fiktive Stadt Emerald City und Lomé absolute Gegensätze sein würden.
Ich wurde am Lomé Flughafen abgeholt, vom Vater der Familie, mit der ich die nächsten Wochen leben würde. Ich habe ihn und seine Tochter diesen Winter in den Bergen kennengelernt – ich war ihre Skilehrerin. Nun treffen wir uns nach einigen Monaten auf der anderen Halbkugel der Welt wieder. Wir fahren durch die Stadt, es ist schon dunkel. Die Strassen sind knapp beleuchtet. Während die «Emerald City» aus dem Film in die Höhe strebt mit ihren monumentalen Türmen und vertikalen Prachtbauten, breitet sich Lomé horizontal entlang der Atlantikküste aus, verwurzelt in der Realität des westafrikanischen Alltags. Mit der Realität wurde ich gleich konfrontiert, als wir an einem Unfall vorbeifuhren. Es lagen Menschen auf der Strasse; Autos und Motorräder waren komplett kaputt. Menschen standen herum, aber niemand half den Verletzten. «Mais personne ne les aide», sagte ich verzweifelt. «Non, c’est normal ici. C’est un grand problème», bekam ich zur Antwort. Was ich da zum ersten Mal sah, würde ich noch viele weitere Male sehen und zu hören bekommen: In Togo gibt es niemanden, nichts, der einem in Krisensituationen hilft. Du bist vollkommen auf dich allein gestellt. Dein Überleben liegt in deinen – oder, wenn du daran glaubst, in Gottes – Händen. Nach dieser Szene fühlte ich mich tatsächlich wie im Film.

Das Praktikum in der Juice-Fabrik
Ich war unendlich froh, dass ich als eine der wenigen Touristen im Land nicht ganz auf mich allein gestellt war. Ich lebte mich nämlich sehr schnell in das Familienleben meiner Gastfamilie ein. In der ersten Woche begleitete ich vor allem den Vater der Familie. Er ist der Gründer und Direktor seiner eigenen Juice-Firma. Er macht aus lokalen Früchten und Rohstoffen hochwertigen Juice, den er vor allem in Togo selbst verkauft. Ich ging an seine Meetings mit, war Teil der wöchentlichen Degustationen und bekam einen Einblick in den bürokratielastigen Alltag eines kleinen Unternehmens. Ich lernte das Leben eines Entrepreneurs kennen, der es in einem fremden Land geschafft hat, ohne Wissen, Wurzeln und Vitamin B ein erfolgreiches Unternehmen zu führen. Er ist einer der wenigen, der in Togo selbst produziert und die lokalen Rohstoffe nicht exportiert, sondern vor Ort in ein Produkt umwandelt.
In der ersten Woche ging ich ausserdem an einem Tag mit der «Commerciale» mit. Sie ist verantwortlich für die Beziehung zwischen dem Unternehmen und den Kunden. Jeden Tag besucht sie mit ihrem Motorrad verschiedene Kunden, fragt, ob es Probleme gab, welche Juices sich besonders gut verkaufen, ob der Kunde eine neue Bestellung aufgeben möchte. Zudem soll sie sicherstellen, dass die Juices den bestmöglichen Platz im Laden bekommen; sie achtet auf die Platzierung im Regal, auf die Präsentation der Flaschen und vergleicht mit der Konkurrenz. An einem Tag sah ich alle verschiedenen Arten von Kunden: Tankstellen, Restaurants, Hotels, Cafés, Minimarkts und grössere Lebensmittelverteiler – alle mit unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen. Doch das Ziel des Unternehmens ist immer das Gleiche: auf diese eingehen und eine möglichst lukrative Beziehung zum Kunden aufbauen.
Ich hatte mich ebenfalls dazu entschlossen, für einen Tag in der Produktion mitzuarbeiten. Am Morgen um 8 Uhr war ich da, in meiner weissen Arbeiteruniform. Auf dem Arbeitsplan standen 620 Liter Mangosaft. Der Tag begann damit, reife Mangos auszusortieren und diese zu waschen. Danach wurde jede einzelne Mango aufgeschnitten und auf ihre Qualität überprüft. Ungewohnt für mich, mit einem riesigen Messer um den Kern der Mango zu schneiden, betete ich still vor mich hin, dass ich ohne einen Schnitt davonkommen würde. Ich war umso erleichterter, als dann die Zentrifuge hervorgeholt wurde und ich helfen durfte, die Mangostücke oben in die Maschine zu leeren und dann mit Zufriedenheit zuzusehen, wie langsam Mangopüree auf der anderen Seite unten rauskommt. Dieser Vorgang wurde noch einige Male wiederholt, bis nur noch Mangosaft ohne Fasern übrigblieb. Der Saft wurde in riesige Kessel geleitet, wo er dann nach Geheimrezept zubereitet wurde. Über andere Leitungen gelangte der vervollständigte Saft dann zur Pasteurisierungsmaschine, worin er auf eine genaue Temperatur erhitzt wurde, bevor er dann in die Glasflaschen abgefüllt wurde. Als wir um die Mittagszeit schon beim Abfüllen waren, dachte ich, der grösste Teil sei geschafft. Irren ist menschlich: Das Abfüllen dauerte mehrere Stunden, und die Etikettierung hatte ich wohl ganz vergessen gehabt. Also verbrachte ich den Nachmittag damit, die Etiketten von Hand auf die Flaschen zu kleben.
Das Team war eingespielt: Jeder wusste, wann welcher Schritt zu erledigen war. Sie arbeiteten fleissig und geschmeidig. Für die erste Stunde empfand ich die Arbeit als eine Art Meditation. Ticktack, ticktack. Ticktack. Nach einiger Zeit wurde die dauerhafte Repetition mühselig. Mein Gehirn wollte eine andere Art von Stimulation. Doch das erlaubte ich ihm nicht. Ich arbeitete einfach wie die anderen Arbeiter schön weiter: Etikette nehmen, bepinseln, ankleben. Etikette nehmen, bepinseln, ankleben. Ticktack, ticktack, ticktack. Und so tickten die Stunden dann vorbei.
So hautnah mitzuerleben, wie eine Mango vom Baum zum Mangosaft in der Flasche wird, hat mir die Augen geöffnet. Mir wurde bewusst, wie unglaublich dankbar ich bin, nicht jeden Tag diese Art von Arbeit erledigen zu müssen; die Wärme und Schwüle macht die schon intensive körperliche Arbeit zu einer Herausforderung. Mental braucht es Stärke, mehrere Stunden lang auf einem Schemel zu sitzen und die gleiche Etikette auf hunderten von Flaschen anzubringen. Nie zuvor hatte ich mir genauere Gedanken darüber gemacht, wie viele Zwischenschritte und Überlegungen es braucht, um die Verwandlung einer Mango zu ermöglichen. Wenn ich jetzt im Laden oder zuhause ein Produkt in den Händen halte, kann ich mir mit Bildern, Emotionen und Erfahrungen vorstellen, wie viel es dafür gebraucht hat, dass ich es jetzt, so wie es vor mir steht, konsumieren kann.
Projekt mit Effekt
Nach einer Woche hatte ich also schon ein Bild, wie die Kundenbeziehungen, die Produktion und das Unternehmen aufgebaut waren und wie, was vonstatten ging. Ich wurde gefragt, was ich denn die restliche Zeit gerne machen wollen würde. Ich erklärte, dass die Säfte zweifelsohne unglaublich lecker schmecken und ich von diesen mehrere am Tag trinken wollen würde. Nun, in der Realität würde ich das als gesundheitsbewusster Mensch nie machen, da die Säfte von Natur aus viel Zucker enthalten. Ich würde meinem Körper keinen Gefallen tun.
Nun war mir auf diese Weise eine Idee gekommen. Mein Projekt: «Detox-Juices». Und genau das war es, was ich die restliche Zeit noch in Togo machte. Ich recherchierte diverse lokale und exotische Früchte, Gemüse, Kräuter, Gewürze und Pulver, die ich für die Detox-Säfte benutzen könnte. Es war unglaublich zu lernen, was es alles für Zutaten gibt, die ich von zu Hause gar nicht kannte: Kolanüsse, Zitronengras, Baobab, Hibiskus, Moringa, Tamarind – die Liste geht weiter.
Danach erstellte ich erste Rezepte nach unterschiedlichen Funktionen und Farben: rot, gelb und grün, mit je unterschiedlichen Wirkungen – der eine stimulierend, der andere reinigend, der andere verdauungsunterstützend. Ich ging an den lokalen Markt, um die Zutaten zu besorgen, und begann, erste Testversionen mit der Produktion herzustellen. Mit den Testversionen machten wir intern Degustationen, experimentierten mit den daraus gewonnenen Verbesserungsvorschlägen und Änderungen. Dieser Prozess wiederholte sich zig Male. Bevor ich dann abreiste, entwarf ich passende Etiketten, durfte die aktuellste der Testversionen meines Lieblingssaftes mit nach Hause nehmen und Freunden und Familie zum Probieren geben.

Das einheimische Togo
Während sich meine Engsten mit den Säften in etwa vorstellen konnten, was ich in Togo so gemacht hatte, gab es vieles, das ich ihnen nicht zeigen, sondern nur erzählen konnte: wie die Menschen so waren, welchen Eindruck Togo bei mir hinterlassen hat, was ich fürs Leben gelernt hatte.
Während meinem kleinen Praktikum in der Juice-Fabrik versuchte ich manchmal, mit den anderen Arbeitern zu sprechen, um etwas über sie und ihr Leben zu erfahren. Es war schwierig, sie zu erreichen. Die meisten trauten sich kaum, etwas über sich selbst preiszugeben, und erst nachdem sie ein wenig Vertrauen in mich geschöpft hatten, bekam ich eine zaghafte Antwort. Viele der Arbeiter waren nur einige Jahre älter als ich. Sie alle hatten begonnen zu studieren, aber nur wenige hatten tatsächlich einen Abschluss bekommen können. Stipendien gibt es nur wenige. Die Glücklichen, die sie erhalten, gehen ins Ausland studieren und kommen nur selten zurück in das Land. Für die Restlichen war in fast allen Fällen gegen Ende einfach kein Geld mehr da, um die Universitätsabgaben zu bezahlen.
So auch bei der Commerciale, mit der ich etwas mehr Zeit hatte zu sprechen, da ich mit ihr einen ganzen Tag unterwegs war. Sie sagte, im Vergleich zu ihren Freundinnen könne sie sich nicht beklagen. Viele in ihrem Umkreis haben schon Kinder, die Zeit, Energie und Geld in Anspruch nehmen. Sie dagegen wohnt allein, hat ein eigenes Motorrad (was als Luxus zählt) und hat ein stabiles Einkommen. Dieses Einkommen reicht meistens, um über die Runden zu kommen, doch manchmal muss auch sie von der Bank leihen, wenn zusätzliche Kosten entstehen. In ihrer Freizeit kocht sie gerne und schaut Netflix-Serien. Für Sport habe sie keine Energie, wenn sie nach Hause kommt. Ihr grösster Traum ist es, ins Ausland zu gehen – Togo zu verlassen. So wie alle in ihrem Land es sich wünschen.
An diesem Tag sah ich viele verschiedene Zonen von Lomé – von reich bis arm. Was mir schon die ganze Zeit sehr ins Auge gestochen war, war, wie gut alle togolesischen Frauen gekleidet und gestylt waren. Ich fühlte mich in meinen Jeans und einem unifarbenen T-Shirt wirklich sehr underdressed. Ich fragte mich oft: Wieso legen die Menschen hier so viel Wert auf ihr Äusseres, wenn sie kaum das nötige Geld aufbringen können, um die Grundbedürfnisse zu decken?
Als ich später dann auch noch erfahren habe, dass die togolesischen Frauen manchmal bis zu einem Drittel ihres Einkommens für ihre Haare aufwenden, wurde ich wirklich nachdenklich. Nach einem Monat in Togo kam ich zu einer möglichen Schlussfolgerung: genau deswegen – weil Menschen in Togo sonst nicht vieles haben, ist es ihnen wichtig, wenigstens das, was ihnen niemand wegnehmen kann, nämlich sich selbst, zu pflegen und zur Schau zu stellen. Es ist eine Art, die menschliche Würde aufrechtzuerhalten und eine Art, Respekt gegenüber sich selbst zu zeigen. Es ist eine Art zu sagen: Egal wie wenig ich habe – mit dem, was ich habe, mache ich das Beste daraus.
Ob das stimmt oder nicht, weiss ich nicht. Es ist eine meiner eigenen Thesen, um eine Antwort auf eine tief verwurzelte Tradition Togos zu finden.
Die Kleidung war zum Beispiel ganz anders gewesen in Kenia, wo sich die Menschen ähnlich wie in Europa anzogen. Schon bei meiner Ankunft war ich erstaunt, wie vieles sich in Togo von den Menschen, der Kultur und der Gesellschaft unterschied, die ich in Kenia kennengelernt hatte. Dort waren alle so offen, voller Energie und immer in Partystimmung. Das Leben war ein Tanz, Musik hörte man überall – egal ob auf den Strassen oder im Wohnzimmer der Oma. Sogar auf dem Weg zur Arbeit war Party angesagt gewesen: in den sogenannten Matatu-Bussen. Auch dort konnte das Leben hart sein, die Regierung korrupt und die Entwicklung nur langsam am Voranschreiten. Aber die Menschen hatten Lebensfreude – sie lächelten und feierten das Leben.
Es ist tadelswert, aber: In Togo hatte ich irgendwie dasselbe erwartet. Doch hier sah man den Menschen ihr hartes Leben an. Das Lächeln war in zusammengezogene Augenbrauen ausgetauscht worden. Das Lachen in Pusten und Seufzer. Die Lockerheit in Verspannung. Die Menschen, die ich auf den Strassen sah, wirkten meist energie- und freudelos. Einmal sah ich einen Vater, der seinen lachenden Sohn in die Arme schloss und lachte. Ich dachte mir, dass dies wohl eines der ersten Male war, dass ich in Lomé auf der Strasse jemanden von Herzen lachen gesehen hatte. Ich lernte, dass Ostafrika nicht Westafrika ist. Selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass Osteuropa nicht Westeuropa ist. Ost und West – in beiden Fällen unvergleichbar.
Das expatriierte Togo
Während die einen davon träumen, wegzugehen, erfüllen sich die anderen den Traum, hinzuziehen: Ein ganz anderes Leben als die Einheimischen lebten nämlich die Expats in Lomé. Ich lernte vor allem die französische Community von Expats in Lomé an einigen Partys und Anlässen kennen. In diesen Momenten fragte ich mich, wie ich einige Stunden davor noch mit Menschen gesprochen hatte, die kaum Geld für ihr Essen hatten. Ich sah den gegensätzlichen Lifestyle der Menschen, die ihr Land hinter sich gelassen hatten, um nach Togo zu kommen. Die Diskrepanz und Kluft der beiden Lifestyles: immens.
Mein Gastvater hatte mir schon von Anfang an gesagt: «Menschen, die hierherkommen, sind crazy. Sie müssen unabdingbar crazy sein, sonst wären sie nicht hier.» Das bedeutete indirekt, dass seine Familie – und auch ich – crazy waren, was man vielleicht so sagen kann. An vielen Anlässen wurde meine «Craziness» getestet. «Niemand kommt einfach so hierhin», wurde oft der Frage, wieso ich denn in Togo sei, nachgestellt. Ich sagte ihnen, dass ich mich so gut mit der Familie verstanden hatte, als ich sie in den Bergen als Skilehrerin angetroffen hatte, und neugierig geworden war, als die Tochter mir erzählte, sie lebe in einer Stadt namens Lomé.
Oft konterte ich daraufhin mit derselben Frage und bekam fast immer dieselbe Antwort: Europa sei ihnen zu langweilig geworden, sie hätten Lust auf ein Abenteuer gehabt. Denn das Leben in Togo ist für Europäer zweifelsohne ein Abenteuer. Vieles ist so anders.
Was ich mit «Vieles» meine: das Klima – die konstante Hitze mit der drückenden Schwüle. Die Politik – Togo ist auf dem Papier eine Demokratie, aber komischerweise wird der Präsidententitel familiär vererbt. Das Arbeitsethos – man macht so viel, dass man selbst über die Runden kommt. Nicht mehr, aber vielleicht weniger. Dazu gehört selbstverständlich der Mittagschlaf am Strassenrand – auch im Anzug erlaubt. Denn das Motto der Kleidung lautet: Egal wie heiss es ist, man zieht sich gut an. Ausser die Kinder – die rennen in nur Unterhose auf der Strasse herum.
Der Verkehr – der Stärkere überlebt. Die Strassen – sie sind lehmrot, nicht asphaltschwarz. Die Ampel – an manchen Kreuzungen machtlos, denn obwohl sie rot schreit, wird aufs Gas gedrückt. Man muss nur wissen, an welche Kreuzungen. Das Trinkwasser – in Plastiksäcken («Doch wie öffnet man es?», fragte ich mich. «Mit den Zähnen», bekam ich als Antwort). Die Mentalität – ein Tag nach dem anderen, denn es interessiert sowieso niemanden, was am Tag zuvor oder danach gemacht wird. Die Zeit – es gibt nur das Hier und Jetzt, alles andere ist irrelevant. Zuletzt ist auch die Freiheit eine andere.
In Europa verkörpert sich Freiheit oft in konkreten Rechten: der Macht des Wortes gegen die Obrigkeit, der Stimme bei Wahlen, dem Geld als Türöffner zu materiellen Wünschen, der Bewegung ohne Grenzen. Diese Freiheit sammelt Möglichkeiten wie Werkzeuge in einer Kiste – je mehr, desto freier der Mensch. In Togo hingegen entdecken viele der Expats eine Freiheit der Abwesenheit. Hier ist frei, wer sich von den unsichtbaren Fäden, die Familie und Gesellschaft um das Leben spinnen, lösen konnte. Frei von den Blicken der Nachbarn, frei von den Erwartungen der Eltern, frei von Verpflichtungen, die nie gewählt wurden. Es ist die Freiheit des Loslassens. Das gibt ihnen die Freiheit, ganz zu tun und zu sein, wie sie es sich wünschen – ungefiltert, unmoralisch und ungezügelt.
Und das schockierte mich von Anfang bis Ende immer wieder. Doch die Europäer in Togo sind an sich nicht einmal so viel anders als die Europäer in ihren Ländern. Sie haben einfach aufgehört, sich der Gesellschaft, in der sie gross geworden sind und aus der sie kommen, zu biegen. Sie sind aus dem beengenden Korsett gestiegen und haben es in ein luftiges afrikanisches Gewand eingetauscht. Sie haben ihre Uhren eingetauscht. Die Zeit hat sich für sie verändert. Für manche haben sich die Abstände zwischen dem Tick und dem Tack vergrössert. Für andere ist sie ganz stehen geblieben. Und für diese Menschen fühlt sich das nach Freiheit an. Und vielleicht ist es das in ihrer Welt auch.
Und somit stehen sich zwei Philosophien gegenüber: Die eine fragt, was sie nicht hat, aber haben will – die andere, was sie hat, aber nicht haben will. Die eine baut auf, die andere lässt los. Beide suchen wahrscheinlich, wie alle Menschen, dasselbe: Ort, Raum und Umgebung, in denen der Mensch er selbst sein kann, sich verwirklichen, sich frei fühlt. Doch ihre Vorstellungen und Wege dahin könnten unterschiedlicher nicht sein.
Als ich jedoch sah, in wie viel Geld und Luxus das Leben der Expats oft getränkt war, fragte ich mich, ob diese Menschen denn wirklich freier und glücklicher sind als die Einheimischen in Togo oder als die Europäer in Europa. Meine Gastfamilie – auf jeden Fall. Auch andere. Die, die ihren Weg gefunden haben. Die, die in ihrem Leben einen Sinn gefunden haben. Die, die sich im Spannungsfeld zwischen Sein, Besitzen und Tun orientieren gelernt haben.
Doch die meisten Expats waren in meinen Augen vor allem eines: lost. Und so fragte ich mich: Sind diese Partys, diese (ausserehelichen) Abenteuer und diese Extravaganz nicht einfach eine Fassade? Ein Aushängeschild, auf dem geschrieben steht: «Zero fucks given, life is good, I am free» – um genau das, ein freies, tolles Leben, vorzuspielen? Eine scheinbare Fülle? Ist es nicht, als wollten genau diese Menschen etwas beweisen? Wieso haben sie ein so grosses Bedürfnis nach Ansehen, Aufmerksamkeit und Bestätigung? Liegt darin nicht vielleicht die grösste Unzufriedenheit von allen? Wenn die Zeit – trotz glitzernder Rolex am Handgelenk – stehen bleibt, du stehen bleibst auf deinem Weg oder ihn gar nie gefunden hast? Wenn du dich von Ketten gelöst zu sein glaubst, aber diese dir unbewusst immer noch ins Handgelenk schneiden?
Das meine Togo
Sie sagten mir, sie wollten Abenteuer. Doch ihre Wahrheit ist – so glaube ich doch –, dass viele der Expats in Togo wohl eher vor etwas in ihrem Heimatland geflüchtet sind: verhedderte Beziehungen, belastete Familiengeschichten, gesellschaftlicher Druck, finanzielle Handschellen – oder vor sich selbst.
Ich sagte ihnen, ich war neugierig. Doch meine Wahrheit ist, dass auch mir mein Land zu viel wurde. Im Land der Uhren, das selbst aufgebaut ist wie eine – in dem alles wie die tausenden von Zahnrädern einer Uhr reibungslos und geschmeidig läuft. Wo die grösste Angst ist, dass diese Zahnräder mal langsamer laufen, dass ein Zahnrad nicht mithalten kann und das System versagt. Auch ich wollte kurzzeitig fliehen. Vor vielem. Meine Reise nach Togo war ebenfalls eine Flucht. Aber eine Flucht, vor der ich keine Furcht gehabt hatte. Ich hatte mich dort mit Menschen ausgetauscht, Menschen beobachtet, Menschen zugehört – und mich an Menschen gebunden. Dies hatte mich über Menschen gelehrt. Vor allem über mich als Mensch. Ich brauchte dies, um einzusehen, dass meine Flucht nur temporär war – und dass ich die Zahnräder eigentlich mag, wenn ich sie aus etwas mehr Distanz beim Ticken zuschauen kann. Nach Togo sah ich klarer. Ich sah die Uhr als Gesamtheit, mich als kleines Zahnrädchen in einem System. Ich sah, dass jeder Mensch wiederum seine eigene Uhr besitzt. Dass Zeit universell existiert und doch persönlich empfunden werden kann. Dass sie manchmal fliegt und manchmal stehen bleibt. Und dass dies in Ordnung ist, solange man sich dessen bewusst bleibt – und sie nicht für immer stehen bleibt.
Als ich wieder zuhause war, überrumpelte mich keine der Uhren mehr. Im Gegenteil: Ich hatte das Bedürfnis, meine Uhr wieder anzulegen, die Zahnräder wieder drehen zu sehen, den Fortschritt wieder messen zu können. Die Zeit, in der ich meine persönliche Uhr abgelegt hatte, war eine Zeit, in der ich meine Uhr und die Uhr, von der ich Teil bin, studieren konnte. Eine Zeit, in der ich Teile meiner Uhr neu zusammengebaut hatte. Eine Uhr, die jetzt anders tickt als bevor ich nach Togo ging. Eine Uhr, in der die grossen, komplizierten und schwer zugänglichen Zahnräder – wie Freiheit, Lebenssinn und Glück – ausgebaut worden waren. Eine Uhr, die viel verzahnter geworden ist, aber mir gleichzeitig etwas Orientierung, Klarheit und Weitsicht gegeben hat.
Denn ich habe eingesehen, dass ein Weglegen meiner Uhr nötig gewesen war, um einzusehen, dass ich das Ticken meiner Schweizer Uhr mag. Dass ich auf dem richtigen Weg bin – und manchmal nur etwas weniger auf meine Uhr schauen soll, um mich stattdessen umzuschauen, wo ich mich auf meinem Weg befinde. Denn dieser Weg ist vielleicht nicht immer perfekt wie eine tickende Uhr, aber es ist mein Weg. Und das macht ihn für mich wunderschön.
