Lange habe ich mich mit der kontrollierten Subvention von Betäubungsmitteln auseinandergesetzt und werde nun in den nächsten meiner Beiträgen jeweils eine Ebene des Themas beleuchten. Beginnen werde ich mit Iris, einer Heroinabhängigen, die heute den Stoff verschrieben bekommt, der sie beinahe getötet hätte.

Der Weg ins Verderben

Iris, so sagt mir meine Interviewpartnerin, würde sie gerne genannt werden, ist 52 Jahre alt und seit 30 Jahren heroinabhängig. Sie ist dünn und ihre abgetragenen, aber sauberen Klamotten flattern um ihren Körper. Den Kopf hält sie meistens gesenkt, auch wenn sie spricht, und beim Gehen schlurfen ihre Schuhe auf dem Asphalt. Ihre Augen sind leer und ich habe das Gefühl, dass sie durch mich durchblickt. Doch manchmal, wenn sie von bestimmten Ereignissen erzählt, wird ihre Stimme lebendig und lässt erkennen, dass Heroin ihr noch nicht alles genommen hat. Iris kam 1967 als Jüngstes von vier Kindern in einem Dorf nahe von Zürich auf die Welt. Der Vater war Leiter einer grossen Firma und die Mutter war die meiste Zeit zu Hause. Ihre Kindheit beschreibt Iris als behütet, aber trotzdem mit vielen Freiheiten, die sie jedoch lange nicht ausnutzte. Ab und zu konsumierte sie in den frühen Jugendjahren Alkohol und Cannabis, jedoch nie in einem bedenklichen Ausmass. Mit 15 Jahren begann sie eine Lehre als Detailhändlerin in einem Musikgeschäft in Zürich. Ihr grösstes Hobby war die Musik, sie spielte Gitarre, Klavier und liebte es zu singen. Kurze Zeit später lernte sie ihren Freund kennen, der fünf Jahre älter war, und regelmässig Drogen konsumierte. Nach wenigen Monaten Beziehung zog sie zu ihm. Zuerst konsumierte er nur in der Abwesenheit von Iris, irgendwann auch wenn sie im Raum war. Als Grund für ihren Erstkonsum von harten Drogen gibt Iris Neugier an:

„Ich wollte wissen, wie sie sich fühlten, wenn sie high waren. […] Auf Kokain und Speed folgte dann irgendwann Heroin.“

Eine mögliche Abhängigkeit war der jungen Frau bewusst, doch daran dass es auch sie treffen würde, dachte sie nicht. Warum sie vermehrt Heroin konsumiert hat, erklärt sie sich heute damit, dass sie immer wieder versuchte, das High des ersten Schuss wieder zu erlangen. Das war nicht möglich; keine Dosis – egal wie hoch oder rein – gab ihr das Gefühl nach dem Erstkonsum zurück. Etwas wehmütig erzählt sie, dass sie niemals wieder etwas vergleichbar Schönes fühlte. Es [Heroin] gibt dir das Gefühl, als wärst du frei und unschuldig und beschützt von allem, das dir wehtun will.

Süchtig

Ihr Konsum verwandelte sich schnell vom Wochenend-Konsum in ein tägliches Verlangen, das gestillt werden musste und dem sich auch nachging. Den Kontakt zu ihrer Familie und zu Leuten, die nichts mit Drogen am Hut hatten, brach sie ab. Nur der jüngste Bruder, nach Iris das zweitjüngste Kind der Familie, schaffte es manchmal zu ihr durchzudringen.  Ab dem 22. Lebensjahr bestimmte Heroin Iris´ Leben und ebenfalls zu dieser Zeit verlor sie ihren Job wegen zu vielen Absenzen.

„Nichts ist dir wichtiger als der Stoff, du würdest alles dafür tun. Du würdest dafür sterben – und das tust du auch. […] Ich brauchte diese Gefühl, die Wärme und die Geborgenheit. Und ich brauchte den Abstand zur wirklichen Welt.“

Iris erklärt, dass Heroin einem die Möglichkeit gibt, alles zu sehen, aber es trotzdem fern zu lassen. Sie beschreibt das Gefühl damit, dass man in weiche Watte gepackt ist, die alles Böse von dir fernhält. Wenn sie high war, waren ihre Probleme irrelevant und die Welt schien wärmer und freundlicher. Um sich ihre Sucht finanzieren zu können, begannen Iris und ihr Freund zu dealen. Doch bald schon wurde ihr Freund dabei erwischt und landete im Gefängnis. Iris bezeichnet diesen Punkt als einen Tiefschlag ihres Lebens, da ihr Konsum in dieser Zeit ins Unermessliche stieg und sie in dieser Zeit zu einer anderen Person wurde:

Das war der Moment, in dem ich emotional komplett abschaltete. Nichts interessierte mich mehr ausser diesem bescheuerten Stoff. Freunde hatte ich gar keine mehr und eine lebenswerte Zukunft auch nicht. Heroin war mein Lebenssinn und damals wäre ich sogar gerne dafür gestorben.“

Nach der Entlassung ihres Freundes änderten sich Iris` Konsummuster kaum und auch ihr Freund verschrieb das Leben wieder den Drogen. Ihre Beziehung ging in die Brüche, als Iris 32 Jahre alt war. 16 Jahre verbrachte sie mit diesem Mann, den sie trotz allem nicht verurteilt, denn für ihre Sucht sei nur sie selbst verantwortlich; niemals hätte er sie zum Konsum gezwungen. Statt dass die Trennung sie aus der Bahn warf, begann Iris einen kalten Entzug[2] auf einem abgelegenen Bauernhof, wo sie wieder zu musizieren begann und die Natur zu entdecken lernte. Wieso sie plötzlich die Willenskraft hatte, einen Entzug zu versuchen, weiss sie bis heute nicht.

„Das Gefühl, oder besser gesagt das Wissen, dass niemand dort war, der mir Stoff besorgen könnte und dass ich ihn auch nirgendwo finden würde, war beängstigend. Doch irgendwann wurde diese Angst kleiner und ich fühlte mich stattdessen… frei.“

Nach dem Entzug lebte sie bei ihrem Bruder, wodurch sich auch der Kontakt zu ihrer restlichen Familie wiederherstellt. In dieser Zeit beschäftigte sie sich viel mit Musik und zeichnete die Natur. 2003 begann sie sogar wieder zu arbeiten, erneut in einem Musikgeschäft, worauf sie ein halbes Jahr später auszog und in einer kleinen Wohnung alleine lebte. Iris sagt, sie hätte wirklich gedacht, dass sie ihre Sucht hinter sich lassen könnte, doch es folgte ein weiterer Schicksalsschlag: 2005 starb ihre Mutter, zu der sie inzwischen wieder eine enge Beziehung aufgebaut hatte, bei einem Autounfall. Das erneute Abrutschen in die Abhängigkeit blieb der Familie jedoch nicht lange verborgen und ihr Bruder schaffte es, sie für eine substitutionsgestützte Behandlung zu motivieren. Diese startete sie im Jahr 2008, jedoch konsumierte sie weiterhin Heroin von der Gasse.

„Es gibt Menschen, die springen auf Methadon gleich wie Heroin an. Doch nicht bei mir. Darum brachte mir die Therapie mit Methadon nichts.“

Ein Hoffnungsschimmer

Drei Jahre nach dem Fehlversuch meldete sie sich für eine heroingestützte Behandlung an und bekam 2012 einen Therapieplatz. Seit Beginn der Therapie, also seit sieben Jahren, betreibt Iris keinen Nebenkonsum mehr. Ob sie die ihre Dosis jemals absetzten will, weiss sie nicht:

„Ich habe Angst, dass ich wieder so wie früher werde. Ich bin zu alt für den Stress. So wie es jetzt ist, ist es gut.“

Heute lebt sie vom Sozialdienst und untermietet ein Zimmer im Haus ihres Bruders. Iris bezeichnet sich selbst als Musikerin und Malerin, ihre Kunst sei aber nur für sie selbst, ihre Familie und engsten Freunde. 

Bildquellen

  • addict-2713526_1280: pixabay.com
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