Heimatliebe. Ein Gefühl, dass viele Personen auf dieser Welt besitzen. Hingezogen zu einem Ort, zu einer Region, oder gar einem Land. Doch was ist, wenn du zwar eine Heimat hast, dich aber irgendwie doch nicht hingezogen fühlst?

Ich bin aufgewachsen in einem 2’200 Einwohner-Dorf. In Mitten von Kühen, ein paar bewaldete Hügel und vielen Burgen und Schlössern, die inzwischen mehrheitlich Ruinen sind. Ich weiss übrigens, dass die Kühe nicht violett sind oder dass ein Bauer vor dem Regen seine Felder düngt, selbstverständlich mit gut riechendem Kuhmist (das war ein Witz, gut riecht er wirklich nicht). Ich weiss, welche Kräuter man gegen Mückenstiche verwenden kann, weiss wo Norden ist, finde mich in „meinem“ Dorf besser zurecht als der örtliche Pöstler.

Doch das ist mein Problem, denn ich kenne das hier alles in und auswendig. Nichts ist neu, alles ist für mich gewohnt oder aufregend. Dass im Nachbarsdorf Ricola hergestellt werden und das die Redensart „s’Bescht wos je hets gits“ aus meinem Geburtsort kommt (ein Dorf weiter, haha), das ist normal für mich. Kurz gesagt: Irgendwie habe ich es, trotz Heimatgefühle für mein Schwarzbubenland, satt. Bis oben hin, kurz vor dem Platzen! Das ewige „Dorfgeschwätz“, ständige Lästereien, die Jahre danach noch erzählt werden, aber auch die Leute, die man nicht mag, sieht man immer wieder.

Darum will ich raus. Raus in die weite Schweiz. Ich will den Stadtlärm kennenlernen, erst nach drei Uhr nachts nach Hause gehen und immer noch nach Hause kommen, weil ich eine ÖV-Verbindung habe. Ich will schnell an einem Bahnhof sein, schnell weg sein, aber auch schnell wieder da sein, ich will neue Leute treffen, neue Sachen ausprobieren, neue Wege finden, neues Umfeld aufbauen.

Umso frustierender, wenn ich noch ein Jahr warten muss, bis ich das vielleicht endlich schaffen werde.

Viele Stadtmenschen denken sich, dass in einem Dorf zu wohnen entweder total schrecklich ist, oder sie finden es mega toll und ziehen für die Familienplanung aufs Land. Sie schätzen die Vorteile vom Landleben und uns Junge aus dem Dorf, zieht es in die Stadt, weil dort die Vorteile besser sind. Es wundert mich nicht, wenn immer weniger Junge in einem Dorf leben, nachdem sie die Ausbildung fertig haben, ich kann es durchaus verstehen.

Und irgendwie bin und bleibe ich ein „Schwarzbuebemeitli“. Auch wenn ich hoffentlich weg von hier kann.

Geschrieben von:

Die Erde ist noch rund, aber die Geschichten sind viereckig geworden.

1 Comment

  1. Cyrill Pürro Reply

    Ein Hoch auf das Schwarzbubenland! 😉

    Ich kenne das Gefühl nur zu gut. Das Dorfleben oder generell das Leben in der Schweiz, kann zum einen langweilig werden oder einem mit der Zeit total auf den Keks gehen. Im Zug wird man von jedermann schräg angeschaut, sollte man etwas machen, was man im Zug eher nicht macht (zum Beispiel miteinander über unkonventionelle Themen reden) oder einfach anders denken als andere, an einem Montag vielleicht mal fröhlich sein. Ach ja, das gute alte schweizerische Temperament. Ich würde viel lieber das Leben in einer grossen Stadt kennenlernen, in einem offenen Land, in dem man einfach „miteinander“ ist.

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