Mit Fifty Shades of Grey erlangte die BDSM-Szene grosse Aufmerksamkeit. Ein Film, der ein falsches Bild zeige, so Luisa. Die 31-jährige praktiziert schon seit Jahren BDSM und weiss: Es geht hier nicht nur um Gewalt, sondern auch um Gleichberechtigung.

Ist Gleichberechtigung und Zärtlichkeit wirklich in einer Praktizierung vorhanden, die ausgeschrieben für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“ (auf Deutsch: Bondage & Disziplinierung, Dominanz & Unterwerfung, Sadismus & Masochismus) steht?

Ich treffe Luisa in der Mittagspause. Beide mit unserem Essen ausgerüstet starten wir das Interview.

Wie bist du auf BDSM gestossen?

«Bereits mit 14 Jahren bemerkte ich, dass ich Neigungen hatte, die ich allerdings nicht wirklich einordnen konnte. Ein Jahr später stiess ich dank der Erfindung des Internets zufällig auf den Begriff BDSM. So merkte ich rasch, dass ich a) nicht alleine mit diesen Gedanken bin und b) es für meine Neigungen einen Begriff gibt, der definiert werden kann.»

Was ist wichtig beim Praktizieren von BDSM?

«Wichtig ist, dass alle beteiligten Personen mündig sind und nicht unter starken Rauschmittel stehen. Es sollten auch Grenzen gesetzt und Tabus respektiert werden. Gerade bei Praktiken, wie zum Beispiel würgen, ist es unglaublich wichtig, gut informiert zu sein.»

Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass jemand stirbt!

Sind Menschen, die BDSM praktizieren gewalttätig?

«Das höre ich sehr oft. Leute denken, dass wir Agressionen haben, die wir abbauen wollen. Genau das ist allerdings nicht der Fall, da mein Gegenüber dem Ganzen ja zustimmt. Ich gehe nicht auf die Strasse und haue Jemandem in die Fresse. Ich weiss, dass mein Gegenüber Lust empfindet. Es ist mir wichtig, niemandem permanenten körperlichen oder psychischen Schaden zu zutragen.
Das ist der grosse Unterschied zwischen jemandem Gewalt antun, der es nicht will, und gewisse Vorlieben in einem Rahmen ausleben, dem alle zugestimmt haben.»

Beim Stichwort „zustimmen“ kommt mir sofort der Film „Fifty Shades of Grey“ in den Sinn…

«Ach hör mir bloss auf damit.
Der Film, wie auch die Bücher sind in der BDSM Szene ziemlich verschrien. Und das meiner Meinung nach aus gutem Grund. Der positive Effekt des Films ist, dass interessierte Personen sich nun trauen, offen damit umzugehen und bereit sind, andere Leute zu treffen.
Es gibt Stammtische, wo Treffen für BDSM-Interessierte stattfinden. Der grosse Nachteil ist, dass das, was im Film/Büchern passiert, kein BDSM ist. Es gibt zwei grosse Konzepte im BDSM. Safe, sane, consensual (SSC) (Sicher, zurechnungsfähig, einvernehmlich) und Risk-aware consensual kink (RACK) (Risikobewusst, einvernehmlich, knicken).
In beiden Konzepten steht das Wort Consensual, sprich einvernehmlich, drin. In den Filmen wird darauf keine Rücksicht genommen. Christian Grey nutzt es aus, dass Anastasia betrunken ist, erpresst sie und stalkt sie. Zudem nutzt er auch seine finanzielle Lage aus.»

Kann man denn behaupten, dass Personen, die BDSM praktizieren, vorsichtiger sind als Pärchen, die normalerweise nur den „Standard-Sex“ ausleben?

«Vielleicht nicht vorsichtiger, aber bewusster. Wir reden viel über unsere Sexualität, weil es sein muss. Ich rede mit anderen Leuten wahrscheinlich viel mehr, als jemand, der einfach einen Standard One Night Stand hat. Viele Leute machen einfach mal, ohne sich bewusst zu sein, was gefährlich sein könnte.»

Beim Praktizieren von BDSM ist das Reden unglaublich wichtig!

Was ist deinem Partner und dir wichtig, wenn ihr euch mit anderen Menschen trefft?

«Das Vertrauen. Es soll keine tiefe Bindung sein, aber wir sollen den anderen vertrauen können, dass sie STOPP sagen, wenn es ihnen zu weit geht. Einmal kam es mit einem Paar zum Sex und plötzlich fing die Frau an zu weinen. Niemand wusste weshalb. Später hat sich herausgestellt, dass das andere Paar nicht über das Küssen gesprochen hat. Für ihn war küssen okay, für sie ein absolutes Tabu. Bei anderen Paaren bin ich deshalb immer etwas kritisch und schaue, dass sie es auch wirklich darüber gesprochen haben. Einmal hat mir wirklich gereicht»

Er hat mich geküsst und seine Freundin fing plötzlich zu weinen an.

Wie lernt ihr die anderen Menschen kennen?

«Wir lernen sie hauptsächlich online kennen. Es ist einfacher, da wir bestimmte Bedienungen haben.»

Die wären?

«Wir daten nur Paare, die bi- oder pansexuell sind, damit alle miteinander interagieren können»

Benutzt du auch Sextoys?

«Ich habe gerade meine Wohnung eingerichtet.»

Luisa greift nach ihrem Smartphone und zeigt mir ihre Schätze in ihrer Schmuckstückschublade. Sie lacht kurz auf, bevor sie das Handy wieder zur Seite legt und fortfährt, dass sie am liebsten ihre Hand benutze.

Ach, keine Peitschen?

«Die Hand hat den Vorteil, dass ich merke, wie fest ich schlage. Das ist noch relativ wichtig. Ich nutze schon auch Peitschen und andere Schlagwerkzeuge. Funfact, ich kann gut mit Peitschen umgehen, da ich im Schlagzeugunterricht am Anfang mit einer Peitsche üben musste, um das Handgelenk richtig zu heben»

Luisa, wie wäre es mit einigen Klischees?

«Ach, nur her damit. Mal schauen, was du so auf Lager hast.»

Okay, nun, was denkst du über die Aussage: Männer, die sich schlagen lassen, sind keine Männer

«Viele Leute behaupten, dass ich meinen Mann nicht mehr als vollwertigen Mann ansehen kann, weil ich ihn schlage und er Schmerzen hat. Meiner Meinung nach ist allerdings genau das der Liebesbeweis. Denn er lebt es mit mir aus. Für mich hat es nichts mit Männlichkeit oder Stärke zu tun, wenn sich jemand daran erfreut, Schmerzen zu empfinden. Ach ja, Frauen könnten nicht dominant sein, das höre ich auch dauernd.»

Männer, die geschlagen werden, sind nicht männlich und Frauen können nicht dominant sein. Bullshit!

In der BDSM Szene gibt es viele psychisch Erkrankten, stimmt das?

«Ich glaube, dass der Anteil an psychisch Erkrankten in der Szene höher ist, als in anderen Szenen. Beziehungsweise vielleicht gehen die Leute auch einfach nur offener damit um. Viele leiden an Borderline oder Depressionen, da hast du Recht. Allerdings denke ich nicht, dass die Krankheit der Grund für das Ausleben von BDSM ist.»

Hast du Ratschläge für junge Leute, die sich weder auskennen noch trauen, BDSM kennenzulernen?

«Wer die Szene kennenlernen will, findet auf der Webseite igbdsm.ch viele Informationen. Es gibt auch internationale Webseiten. Zudem gibt es auch Stammtische in der Schweiz, die jeder besuchen kann. Die Personen sind nicht speziell gekleidet und die Treffen finden ganz unverbindlich statt. Die Bar ist eine gewöhnliche Bar und die Besucher sind Personen wie du und ich. Dadurch ist die Hemmschwelle viel tiefer.»

BDSM ist kein grosses, mystisches Thema, sondern kann auch in den Alltag integriert werden.


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Geschrieben von:

Eat the Spaghetti to forgetti your regretti

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