Der Weg in die Selbstständigkeit ist oftmals kein einfacher. Raphael Dähler hat den Schritt gewagt, um seiner Leidenschaft nachgehen zu können. Was er dafür aufgeben musste, warum er den Schritt nicht bereut und was ihn von anderen unterscheidet, erzählt er jetzt.

Mehrmals um die eigene Achse drehen oder auf schmalen Brückengeländern das Gleichgewicht beibehalten: Auf seinem Instagram Account ist klar: Biken ist sein Ding. Mehr noch, es ist aktuell eines der wichtigste Bestandteil seines Lebens. So wundert es mich nicht, als ich am Hauptbahnhof Winterthur auf ihn warte und er mir auf zwei Rädern entgegenkommt.

Bild: Raphael Dähler
Raphael Dähler braucht keine Bahnen, um sein Können zu zeigen.

Raphi, für alle, die dich noch nicht kennen: Wer bist du?

Mein Name ist Raphael, ich bin 20 Jahre alt und seit über drei Jahren Street Trial Athlete.

Street Trial, was kann ich mir darunter vorstellen?

Es gibt zwei Arten von Trial. Einmal competetive Trial, dort trittst du gegen andere Fahrer an und fährst in Bahnen über verschiedene Hindernisse wie Steine, hohe Baumstämme etc. … das mache ich nicht (lacht) und dann gibt es Street Trial. Es ähnelt BMX mit dem Unterschied, dass BMX mehr auf Rampen und Schanzen ausgeübt wird und oftmals keine Bremsen vorhanden sind, während bei Street Trial die stärksten Bremsen überhaupt essenziell sind und Hindernisse genutzt werden, die in der Stadt zu finden sind wie Mauern, Bänke, Treppen etc.  Zusammen mit Freunden, die ebenfalls Street Trial fahren, suchen wir uns Orte mit anspruchsvollen Hindernissen raus und üben oft zusammen unsere Tricks.

Hast du einen „Lieblingstrick“?

Es gibt einen Trick, von dem ich behaupte, dass ich den am liebsten mache. Bei einer kleinen Neigung oder einem Hügel liebe ich es, rückwärts anzufahren, mein Hinterrad hochzunehmen und anschliessend auf dem Vorderrad rückwärts hinunterzurollen. Für Passanten, die sowas noch nie gesehen haben, ist es imm wieder ein Hingucker!“.

Wie lange bist du schon Street Trial Athlete?

Seit April 2018. Damals war ich aus Langeweile auf YouTube und wurde so auf die Sportart aufmerksam. Eigentlich noch gar nicht so lange, wenn ich mich mit anderen vergleiche. Es hat als Hobby gestartet und ist nun so viel mehr.

Es wurde mehr, was meinst du damit?

Ich habe immer mehr Zeit und Schweiss investiert und wollte auch professioneller werden.

Dein Instagram Account wirkt sehr professionell geführt. Auch die Videos, die du drehst. Hast du dir das Drehen und Schneiden selbst beigebracht?

Ja. Früher habe ich Gaming Videos auf YouTube hochgeladen. Sehr peinlich, wenn ich mir das heute anschaue. Aber es war der Grundstein für alles, was darauffolgte. Und darüber bin ich froh. Das Wissen von damals habe ich unterdessen erweitert und mit dem Biken kombiniert.

Biken, Video schneiden und deine Lehre. Wie hast du das alles unter einen Hut gekriegt?

In der Gastronomie wird oftmals bis um Mitternacht gearbeitet. Es kam oft vor, dass ich um halb eins zuhause ankam und mich mitten in der Nacht noch für zwei Stunden auf mein Bike geschmissen habe. In der Nacht auf den Strassen zu fahren ist ein großartiges Gefühl. Ich musste mir die Zeit gut einteilen, damit ich eine Balance zwischen Hobby, Lehre und Schule fand. Das hat sich während der gesamten Lehre so durchgezogen. Gleichzeitig begann ich Geld zu sparen, da ich wusste, dass ich den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollte.

Bild: Raphael Dähler
Es erforderte eine gute Balance zwischen Ausbildung und Hobby

Im Sommer 2020, nach deiner Ausbildung hast du es dann gewagt…

Ja, ich hatte plötzlich extrem viel Freizeit und konnte mich dank erspartem Geld, zu 100% meinem Hobby widmen! Ich habe leider keine Lehre gemacht, die mir besonders viel Spass bereitet hat und ich habe einen Ausgleich gebraucht. Während meiner Ausbildung habe ich dann glücklicherweise ein neues Hobby entdeckt, welches nun meine grosse Leidenschaft geworden ist, das Fahrradfahren.

Viele im kreativen Bereich werden erst selbstständig, wenn sie eine Basis haben, auf der sie aufbauen können. Nicht bei dir. Du wurdest selbstständig, um dir eine Basis zu schaffen. Hattest du nicht Angst, dass es scheitert?

Am Anfang war es sehr riskant. Ich wusste, dass das nicht funktionieren kann. Ich hatte 1500 Abonnenten. Das reicht bei Längstem nicht für irgendwas. Dann ist ein Video von mir viral gegangen und hat unterdessen über 2,7 Millionen Aufrufe. In diesem Video passiert nichts anderes, als dass ich einen riesen Fail habe und umfalle. Solche Fails gehen oftmals viral. Innerhalb von einer Woche kamen 4000 neue Abonnenten dazu. Dann war ich bei 5500 Abonnenten. Das war der Moment, als ich dachte: Das ist die Chance, um die Selbstständigkeit zu riskieren. Natürlich habe ich mir überlegt, ob ich das einfach nur weiterhin hobbymässig machen soll. Wenn ich den Schritt nicht gewagt hätte, dann würde ich das jetzt bestimmt bereuen.

Also hast du dich wegen des Videos für die Selbstständigkeit entschieden?

Die Idee war schon da, deshalb habe ich bereits während der Lehre mit dem Sparen angefangen. Vor dem viral gegangen Reel, habe ich einfache Clips oder Bilder mit dem Handy aufgenommen. Mittlerweile möchte und muss ich mehr bieten als der Durchschnitt. Ich achte darauf, dass alles mit einer guten Kamera aufgenommen wird und dass ich mich von den Anderen unterscheide.

Wie unterscheidest du dich denn abgesehen von der Kameraqualität von Anderen?

Ich sehe mich absolut nicht als «besser» oder «besonders». Trotzdem wage ich aber zu behaupten, dass in dieser Branche nur wenige Leute so hochwertige Videos machen wie Ich. Mich macht besonders, dass ich in dieser kleinen Community die Vision habe, irgendwann davon leben zu können. Für viele ist Street Trial einfach nur ein Hobby in der Freizeit. Für mich ist es mein Hobby, kombiniert mit ganz vielen Sachen, die ich ebenfalls machen muss wie zum Beispiel Buchhaltung und Management. Es sind um einiges mehr Sachen als das, aber ich habe mir alles selbst erarbeitet. Darauf bin ich sehr stolz. Für mich ist es nach wie vor mein Hobby, allerdings ist es mittlerweile um einiges mehr, worüber ich nicht dankbarer sein könnte. Zudem habe ich vom absoluten Nullpunkt meine eigene Kleidermarke aufgebaut

Deine eigene Kleidermarke…Erzähl mir mehr darüber.

Vor etwa einem Jahr habe ich mich entschieden, dass ich nicht nur auf Instagram, sondern auch auf YouTube Videos veröffentlichen möchte. Ich habe eine Videoreihe auf die Beine gestellt, die «RideSet» heisst. Nach einigen Videos kam mir die Idee, dass es cool wäre, wenn RideSet spezifische Kleidung für die Videos hätte und diese auch an aussenstehende Leute versenden könnte. In der Street Trial Community gab es bisher nur eine dominierende Kleidermarke, nämlich «SickSeries». Ich sah das Potential dahinter eine zweite aufzubauen, also legte ich kurz darauf mit dem Planen los. Mittlerweile habe ich zuhause ein Lager mit T-Shirts, Sweatshirts, Langarmshirts und Jacken und besitze auch alle Maschinen für den Druckprozess. Nebst der Produktion mache ich momentan noch alles selbst.

Bild: Raphael Dähler
Von Street Trial leben ist für Raphi mehr als nur ein Wunsch.

Kannst du aktuell davon leben?

Dank dem angesparten Geld und einer kleinen finanziellen Unterstützung meiner Eltern, konnte ich mich das letzte halbe Jahr auf meine Leidenschaft fokussieren.  Aktuell suche ich gerade nach einer Zivildienststelle. Mein Ziel ist, dass ich während dem Zivildienst weiterhin Content Creator bleibe und weiterhin Bike fahren kann. Und dass ich danach davon leben darf.

Ich denke nicht, dass ich mir gleich eine Villa kaufen kann, aber allein der Fakt, dass ich meine Rechnungen zahlen könne, wäre ein grosser Mindblow.


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Eat the Spaghetti to forgetti your regretti

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