Während weltweit immer neue Fortschritte in der Robotik Schlagzeilen machen – von humanoiden Systemen bei Tesla bis zu bewegungsstarken Maschinen von Unitree Robotics – ist es in Europa vergleichsweise ruhig geworden.
Dies ist auch Declan Shine aufgefallen, dem Gründer des ETH Robotic Clubs. Die Schweiz, an der Weltspitze in so vielen Bereichen und ausgestattet mit so vielen Technologie-Talenten, darf nicht so weit hinten sein, wie sie es aktuell ist. Deswegen hat er vergangenen Sommer den ETH Robotics Club – kurz ETHRC – ins Leben gerufen, um den ersten Roboter der ETH zu bauen. Inzwischen hat der Club vor einigen Wochen sogar den ersten Hackathon organisiert, wo 60 Talente aus ganz Europa zusammengekommen sind. Das Event wurde gekrönt von einem Boxkampf mit zwei Robotern. Ein paar Wochen nach diesem Spektakel möchte ich von Declan erfahren, wie es zur Gründung dieses Vereins kam.
Ein Club, der eine Lücke schliesst
Die Idee hinter dem ETHRC ist klar: Studierende sollen nicht nur über Robotik lernen, sondern sie tatsächlich bauen.
Was klein begann – ursprünglich sogar als Gedanke, einen ersten Prototypen in der eigenen Küche zu entwickeln – hat sich schnell zu einem organisierten Projekt entwickelt. Heute ist der ETH Robotics Club mit über 350 Mitgliedern der grösste studentische Robotikclub Europas.
„Ich hatte Lust, einen Humanoiden zu bauen. Zuerst war ich kurz davor, diesen in meiner Küche zu bauen. Doch schon bald fiel mir auf, dass hinter so einem Humanoiden viel mehr steckt. Mehr Platz als nur diese paar Quadratmeter, mehr Geld und vor allem auch mehr Leute.»
– Declan Shine, Gründer des ETHRC
Der Club schafft etwas, das im universitären Umfeld oft fehlt: einen Raum, in dem Eigeninitiative, praktische Umsetzung und Zusammenarbeit im Mittelpunkt stehen. Hier arbeiten Studierende aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen – von Maschinenbau über Elektrotechnik bis hin zu Computer Science.
Humanoide Roboter
Humanoide Roboter stehen im Zentrum des ETH Robotics Club – nicht, weil sie heute schon die praktischste Lösung sind, sondern weil sie zu den anspruchsvollsten technischen Herausforderungen überhaupt gehören.
Solche Systeme müssen laufen, ihre Umgebung verstehen, mit Objekten interagieren und Entscheidungen treffen – und das alles in einer Welt, die für Menschen gemacht ist. Genau das macht sie so komplex: Mechanik, Software, künstliche Intelligenz und Systemintegration greifen hier ineinander.
In vielen Bereichen sind spezialisierte Roboter heute deutlich effizienter. Ein Industrieroboterarm ist schneller, präziser und einfacher einzusetzen als ein humanoides System. Doch die reale Welt ist unstrukturiert: Wohnungen, Restaurants oder öffentliche Räume sind nicht für Maschinen optimiert.
Ein humanoider Roboter hingegen hätte das Potenzial, sich genau in dieser Umgebung zurechtzufinden. Er könnte Treppen steigen, Gegenstände greifen, sich anpassen – und langfristig lernen, unterschiedlichste Aufgaben zu übernehmen.

Warum genau jetzt?
Der ETH Robotics Club ist nicht aus einem Hype heraus entstanden, sondern aus einem Gefühl für Timing.
Während in den USA und China enorme Fortschritte in der Robotik gemacht werden und ganze Industrien entstehen, droht Europa – und auch die Schweiz – an Bedeutung zu verlieren. Dabei könnte Robotik in den nächsten Jahrzehnten Teil kritischer Infrastruktur werden.
Genau weil der Bau von humanoiden Robotern noch so am Anfang ist und viele Roboter noch nicht die erwünschte Autonomie und Stabilität erreicht haben, ist aktuell der beste Moment, einzusteigen.
„Wenn man wartet, bis alles funktioniert, kauft man am Ende nur noch bei anderen – und macht sich von ihnen abhängig.“
Für die Schweiz und Europa bedeutet das: Jetzt ist der Moment, um Kompetenzen aufzubauen, eigene Systeme zu entwickeln und technologische Eigenständigkeit zu sichern.
Vision: Über die ETH hinaus gedacht
Der ETH Robotics Club versteht sich nicht nur als studentisches Projekt, sondern als langfristige Plattform.
Kurzfristig arbeitet das Team auf einen konkreten Meilenstein hin: einen humanoiden Roboter in voller Grösse, der bereits diesen Sommer eigenständig stehen und gehen kann. Langfristig geht die Vision jedoch weit darüber hinaus. Der Club soll ein Ort bleiben, an dem auch in vielen Jahren noch Studierende zusammenkommen, um ambitionierte Projekte umzusetzen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam zu lernen.
Dabei steht nicht nur die Technik im Mittelpunkt, sondern auch die Menschen. Der ETHRC versteht sich als Gemeinschaft – ein Netzwerk von Talenten, die sich gegenseitig antreiben und unterstützen.
Diese Idee wird bereits über die Schweiz hinaus erweitert: Mit der Gründung der European Students‘ Robotic Association (ESRA) entsteht ein europaweites Netzwerk, das Studierende in der Robotik verbindet.
Das Ziel ist klar: Eine Zusammenarbeit über Grenzen hinweg und der Austausch von Ideen und Kompetenzen über ganz Europa hinweg.
Der ETH Robotics Club baut nicht nur einen Roboter. Er baut an einem Ökosystem – einer Plattform, die Talente fördert, Wissen aufbaut und langfristig dazu beiträgt, dass Europa in der Robotik wieder stärker mitgestaltet.

Bilder: Bianca Milczarek