Im Alltag müssen wir uns Menschen oftmals mit Entscheidungen auseinandersetzen. Dies passiert zu Hause, in einem Restaurant sowohl auf der Arbeit oder in der Schule. Oftmals hört man von Leuten, sie haben „aus dem Bauch heraus“ entschieden, also eine Entscheidung nach Bauchgefühl getroffen. Was bedeutet das eigentlich und warum weiss unser Bauch mehr als wir wissen? In diesem Artikel befassen wir uns mit mit diesem oft unterschätzten und oftmals belächelten Instinkt.

Warum wir uns mit Entscheidungen schwer tun

Wenn wir Entscheidungen treffen müssen, vereinigen wir zwei Teile von unserem „Ich“. Das bewusste sowie das unbewusste Ich. Die beiden Ich-Teile haben beide in unterschiedlichen Weisen dasselbe Ziel, nämlich glücklich zu sein. Diese funktionieren ungefähr so:

  • Das bewusste Ich will in der Zukunft glücklich sein
  • Das unbewusste Ich will jetzt glücklich sein

Der bewusste Verstand will Entscheidungen treffen, welche uns längerfristig in der Zukunft glücklich machen. Dabei berücksichtigt er die äusseren Umstände, welche uns vor unseren Zielen abhalten könnten. Der morgendliche Anschiss, in die Schule zu gehen, weil man schlichtweg keinen Bock hat oder es einem keinen Spass macht, ist eine solche Entscheidung. Denn schliesslich wollen wir unsere Ausbildung oder unser Studium schaffen, später Geld verdienen und somit unser Leben finanzieren. Der Verstand arbeitet somit sozusagen auf eine glückliche Zukunft hin und organisiert unser Leben.

Gutes Entscheiden wird dabei durch ein effizientes Zusammenspiel intuitiver und bewusster Prozesse ermöglicht.

Professor Andreas Glöckner

Das unterbewusste Ich hinterfragt, ob unsere Entscheidung jetzt gut oder schlecht für uns war. Wenn unsere Erfahrungen sagt, dass ein Schultag in der Regel eher langweilig ist, bekommen wir das mit fehlender Motivation, Unlust und ähnlichen Gefühlen klar zu spüren. Dieses Bauchgefühl, welches durch das Unterbewusstsein entsteht, ist das, was wir wirklich wollen in diesem Moment, um glücklich zu sein und die beklemmenden Gefühle loszuwerden.

Wenn die beiden Teile unseres Ichs etwas anderes wollen, dann fühlen wir diese Zerrissenheit. Diese führt zu dazu, dass uns die Entscheidungen schwer fallen, die wir treffen sollen, um glücklich zu sein.

Was ist dieses „Bauchgefühl“ genau?

Eine Weile lang hiess es, auf das Bauchgefühl sei kein Verlass. In den letzten Jahren bewies sich diese Aussage jedoch immer mehr zum Gegenteil. Das Interesse an der Intuition ist in den letzten Jahren wieder stark angestiegen. Man vermutet, dies geschah aufgrund einer gewissen Unzufriedenheit mit der Rationalität und ihren Grenzen. Psychologen argumentieren zudem, dass ein Grossteil der Entscheidungsfindung automatisch ausserhalb des Bewusstseins und im Bereich der Intuition stattfindet.

Intuition ist ein Prozess im Gehirn, der Menschen die Fähigkeit verleiht, Entscheidungen zu treffen, ohne analytische Überlegungen anzustellen.

Bauchgefühl bedeutet zwei Dinge: Die Intuition, welche uns Entscheidungen aus dem Bauch heraus entscheiden lässt und ein wirkliches Spüren in der Bauchgegend. Es gibt verschiedene Bedeutungen, welche mit dem Bauchgefühl in Verbindung gebracht werden. Hier einige Beispiele:

  • die Fähigkeit, innert kürzester Zeit eine Entscheidung treffen zu können, ohne Argumente bewusst dahinter zu benennen
  • im Unterbewusstsein liegende Gründe für eine Entscheidung
  • das Wahrnehmen von bestimmten Konstellationen oder Sachverhalte, die auf dem Einfühlungsvermögen beruhen
  • Intuition als Eingebung, wenn man plötzlich eine Idee hat

Der US-amerikanische Psychiater Eric Berne, welche in den Jahren von 1949 bis 1962 eine Studie namens „Eric Berne’s studies of intuition“ durchführte, beschrieb Intuition und das Bauchgefühl mit folgender Definition:

Intuition ist Wissen, dass auf Erfahrung beruht und durch sinnlichen Kontakt mit dem Subjekt erworben wird, ohne dass er sich oder anderen gegenüber genau formulieren kann, wie er zu diesem Ergebnis gekommen ist.

Die Psychologie macht das Bauchgefühl sichtbar

Seit den vielen zahlreichen Forschungen und neu Entdeckungen wurden neue Erklärungsmodelle aufgestellt, wie beispielsweise die Hypothese der somatischen Marker (SMH). Diese geht davon aus, dass die Intuition aus emotionalen Erfahrungen im Körperlichen entstehe.

Dieses Modell würde somit erklären, wieso wir bei gewissen Emotionen ein ungutes Gefühl im Bauch spüren. Ein finnisches Team forschte, welche Emotionen in welchen Körperregionen eine Auswirkung haben. Hier ihre Ergebnisse:

Quelle: Aalto University and Turku PET Centre

Lauri Nummenmaaa, Enrico Glereana, Riitta Harib und Jari K. Hietanend führten eine Onlinestudie mit 700 Teilnehmenden aus Schweden, Finnland und Taiwan durch. Der Grund hierfür war, dass die Forscher die Studie an Teilnehmenden einer anderen Sprache und/oder Kultur durchführen wollten.

Nachdem den Probanden Texte zum lesen und Filme gezeigt wurden, mussten sie am Computer schliesslich farblich markieren, welche Körperregionen bei welchen Gefühlen bei ihnen betroffen waren. Somit stellte es sich heraus, dass bei allen Kulturen bestimmte Regionen klar bestimmten Bereichen im Körper zugeordnet werden konnten.

Besonders deutlich zu erkennen war, dass bei Emotionen wie Wut (Anger) oder Stolz (Pride) auf den Oberkörper besonders starke Auswirkungen hatte. Der Spruch „mit geschwellter Brust“ ist somit nicht nur eine Formulierung, sondern eine körperliche Wahrnehmung. Bei Traurigkeit (Sadness) oder Neid (Envy) verspürten die Teilnehmenden abschnürendes Gefühl im Halsbereich, bei Glück (Happiness) und Liebe (Love) wird der Körper, ebenso wie bei dem Gefühl einer Depression (Depression), komplett erfasst.

Sollte ich auf mein Bauchgefühl hören?

In einer Studie von diversen US-amerikanischen Forschern im Jahre 2011 untersuchten sie genau diese Frage mit dem Fokus auf die Vorteile emotionsorientierter Entscheidungsfindung. Die Forscher haben anhand von vier Experimenten untersucht, unter welchen Bedingungen affektive gegenüber stehenden Entscheidungsstrategien zu einer höheren Entscheidungsqualität führen können.

Die Teilnehmer konzentrierten sich bewusst auf die Gefühle und weniger auf die Details. Während sie dies taten, trafen sie Entscheidungen, welche sich von der Komplexität, dem Ausmass der folgenden erlaubten bewussten Überlegungen und dem Bereich unterschieden.

Die Resultate deuten somit darauf hin, dass die Fokussierung auf Gefühle gegenüber Details zu einer besseren objektiven und subjektiven Entscheidungsqualität bei schwierigeren Entscheidungen führte. Die Schlussergebnisse zeigten deutlich, dass das Entscheiden nach Gefühlen (Intuition als Gefühl) für bestimmte komplexe Entscheidungen effektiver sein können als das Entscheiden nach Wissen und Denken (Intuition als Fachwissen.

Die Grenzen des Bauchgefühls

Der Bauch weiss ziemlich genau, was er will, jedoch muss er nicht immer Recht haben. Unser Unterbewusstsein trickst uns manchmal aus, indem es uns Gefühle schickt, welche nicht für die Situation relevant sind. Dies geschieht beispielsweise, wenn eine Charaktereigenschaft uns an jemanden erinnern, mit dem wir schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Natürlich ist es nicht immer sinnvoll, jedem Gefühl zu folgen. Ansonsten würde ich persönlich heute 30 Absenzen durch Fehlen in der Schule haben, seit ich ein Kind bin keinen Spinat mehr essen, weil ich mich ekelte oder mich immer noch vor Hunden fürchten. Wer nur spontanen Gefühlen und Entscheidungen folgen würde, bräuchte keine Pläne mehr zu machen und könnte wahrscheinlich auch so nicht wirklich viel im Leben auf die Reihe kriegen. Vor allem bei emotionalen Schwankungen (menstruierende Menschen kennen das gut) kommt uns das Einbeziehen des Verstandes und das Vermeiden von gefühlstechnischen, spontanen Entscheidungen zu gute.

Ich halte nichts von Esoteriksprüchen wie „Folge deinem Herzen“ oder „Folge deinem Bauch, denn er hat immer recht.“ Das ist Blödsinn.

Maja Storch, Autorin und Tiefenpsychologin

Unsere besten Entscheidungen entstehen, wenn wir beide Systeme für die Entscheidungsfindung miteinander nutzen. Eine Faustregel wäre zum Beispiel zwei Drittel dem Bauch folgen und einem Drittel auf den Kopf zu hören und deren jeweiligen Grenzen zu kennen.

Wenn wir alle dieses System gleich nutzen würden und diesen Rat mehr zu Herzen nehmen, wären wir vielleicht alle ein klein wenig glücklicher und zufriedener.

Geschrieben von:

monday ce n'est pas mon day.

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