Disclaimer: Dieser Artikel stellt ausschliesslich meine eigenen Erfahrungen mit der Kombinations- und Mini-Pille dar. Jeder reagiert anders auf hormonelle Kontrazeptiva und es gibt viele, die sie auch nach jahrelanger Einnahme sehr gut vertragen. Dieser Artikel soll die Pille nicht verteufeln. Dennoch gibt es auch viele wie mich, die jahrelang mit Nebenwirkungen kämpfen und nicht wissen, was mit ihnen vor sich geht. Genau deshalb ist es mir so wichtig, darüber zu reden. Viele Betroffene merken – wie ich selber auch – erst anhand anderer Erfahrungsberichte, dass gewisse Nebenwirkungen von der Pille, die sie einnehmen, verursacht werden könnten. Dafür mache ich oftmals mangelnde Aufklärung zu der Wirkung und den Nebenwirkungen von Seiten der Gynäkologen und die Verschreibung des Präparats in sehr jungen Jahren sowie die Pharmaindustrie, die mit vielversprechenden und positiven Effekten der Pille explizit die Unsicherheiten der Jugendlichen anwirbt, verantwortlich. Nur allzu gern wird das Thema totgeschwiegen und die Pille als das Allheilmittel dargestellt. Oft wird man nicht ernst genommen oder gar selbst für die Nebenwirkungen verantwortlich gemacht. Diesen Dingen möchte ich entgegenwirken, indem ich selber darüber rede und andere dazu anrege, diese Diskussion ebenfalls zu führen und das Tabu zu brechen.

Falls du planst, die Pille abzusetzen, sie aber aufgrund hormoneller Vorerkrankungen wie beispielsweise PCOS oder Endometriose nimmst, bespreche dies bitte im Vorfeld mit deinem Arzt oder Gynäkologen.

Erfahrungsbericht

Wie so oft wurde auch mir die Pille bereits sehr früh verschrieben. Im zarten Alter von 14 Jahren eröffnete ich meiner Mutter, dass ich gerne diese Form der hormonellen Kontrazeption ausprobieren möchte. Es liess nicht lange auf sich warten, und schon sass ich im Wartezimmer des Frauenarztes. Dabei ging es mir damals aber gar nicht um die Verhütung – Nein, vielmehr litt ich unter meiner unreinen Haut und den echt schlimmen Schmerzen vor und während meiner Periode.

Viele meiner damaligen Freundinnen nahmen die Pille und sie alle waren begeistert. Reine Haut, vollere Haare, grössere Brüste, keine PMS, leichtere Blutung, regelmässiger Zyklus und die Macht, die Tage verschieben zu können – das alles versprach dieses wunderbare kleine Präparat, den man jeden Tag zur gleichen Zeit schluckt. Es war cool, die Pille zu nehmen. Man gehörte dazu. Ich wusste gleich, dass ich sie auch haben muss – also tat ich das auch.

Nach einem kurzen Gespräch mit meiner Frauenärztin, in der ich ihr kurz erklärte, wie sehr ich unter meinem monatlichen Zyklus leide und meiner offensichtlich unreinen Haut verschrieb sie mir die antiandrogene Pille «elleacnelle». Das ist ein Präparat, welches das Hormon Östrogen zur Stabilisation des Zyklus und Progesteron für die Verhinderung des Eisprunges und somit der Verhütung einer ungewollten Schwangerschaft enthält. Der Begriff antiandrogen hingegen beschreibt die testosteronhemmende Wirkung des Präparats und die damit einhergehende reine Haut. Anschliessend klärte sie mich über die Wichtigkeit der genauen Einnahmezeit, die siebentägige Pillenpause, die man alle 21 Tage machen sollte, damit die «Periode» einsetzt und über das Thromboserisiko auf, das mich aber nicht betreffen sollte, solange ich nicht rauche. Das Ganze dauerte keine zehn Minuten. Ich kam mit dem Dauerrezept aus der Praxis raus und war überglücklich.

Ich nahm die Pille also am ersten Tag meiner nächsten Regelblutung zu einer festgelegten Uhrzeit ein und war äusserst froh, als sich einige Wochen später alle meine Symptome in Luft aufzulösen schienen. Zu welchem Preis, wurde mir erst fast ein Jahrzehnt später bewusst.

Die ersten Jahre waren herrlich. Ich bekam wie von meinen Freundinnen und meiner Frauenärztin versprochen grössere Brüste und volleres Haar, meine Schmerzen, die mich monatlich in die Knie zwangen, hatten sich zu einem erträglichen Mass reduziert und ich konnte bei wichtigen Anlässen oder Ferien ausrechnen, ob ich genau dann die Tage bekommen werde oder die Pille dann einfach durchnehmen und sie so verschieben. Auch, als ich drei Jahre später meinen Freund kennenlernte und mit ihm Sex hatte, erwies sich die Pille als sehr angenehm und einfach. Man musste nicht an Kondome denken und auch keine Angst haben, falls es mal reisst oder platzt. Ich musste einzig dran denken, sie tagtäglich pünktlich zu nehmen.

Es blieb aber leider nicht alles so toll, wie es am Anfang war.

Langsam schlichen sich immer mehr Nebenwirkungen ein. Im Nachhinein weiss ich, was alles mit dem Präparat zusammenhängte. Zu dieser Zeit schob ich aber nichts meiner kleinen wunderbaren Lifestyledroge zu, ich wusste es aber auch nicht besser. Schmerzende Brüste und Vitaminmängel waren nur eines der ersten und kleineren Probleme, obwohl ich wegen eines schlimmen Eisenmangels ständig Kreislaufzusammenbrüche erlitt und wegen eines Magnesiumdefizites oft Krämpfe hatte. Das liess sich aber durch Eisenpräparate und Nahrungsergänzungsmitteln wieder leicht in den Griff kriegen.

Vielmehr machte mir nach und nach der schleichende Libidoverlust zu schaffen. Anfangs war es kaum präsent. Hier schob ich die Schuld aber auf meine damaligen Lebensumstände und den ganzen Stress. Das würde sich sicherlich wieder einpendeln, sagte ich mir.

Eine gewisse Abneigung gegen das Präparat «elleacnelle» entwickelte ich, als ich beschloss, den Wirkstoff «Ethinylestradiol» zu Googlen. Ich brach meine Lektüre nach kurzer Zeit ab. In diesem Moment wurde mir erst bewusst, was ich da für eine Menge an Hormonen zu mir nehme.

Also machte ich einen Termin beim Frauenarzt ab.

Etwa vier Jahre, nachdem mir die Pille zum ersten Mal verschrieben wurde, sass ich wieder beim selben Frauenarzt und suchte Rat. Ich berichtete ihr von echt übel spannenden und schmerzenden Brüsten, was sie jedoch als «normal» bei der Einnahme des Präparats abtat. Ich verschwieg ihr jedoch meine verminderte Libido und eröffnete ihr, dass ich erschrocken bin, was für ein starkes Präparat sie mir da verschrieben habe. Zudem hatte ich angefangen, zu rauchen und hatte Angst, dass die Thrombose nun doch ein Thema sein könnte. Sie nickte und verschrieb mir ein weniger hochdosiertes Präparat, die Kombi-Pille «estinette». Das Ganze dauerte auch hier keine zehn Minuten, bis ich mit meinem neuen Dauerrezept gehen konnte.

Anfangs schien es auch tatsächlich zu klappen. Meine Lust auf Sex kam wieder zurück und ich hatte keine Angst, an Thrombose zu erkranken. Selbst, wenn es auch bei dieser Pille hätte passieren können – selbst bei Nichtraucherinnen Dieses Risiko geht man aber ein, wenn man sich für die hormonelle Kontrazeption entscheidet.

Es ging aber keine zwei Jahre gut. Meine Brüste schmerzten immer noch bei der kleinsten Berührung und die Libido verschlechterte sich dermassen, dass ich zeitweilig sogar dachte, ich sei asexuell. Absoluter Nullpunkt. Selbstbefriedigung und Sex waren kein Thema mehr für mich. Ich litt sehr heftig darunter und meine Beziehung stellte es ebenfalls auf die Probe. Ich frage mich bis heute, wie ich das so lange durchziehen konnte. Ich wusste mittlerweile, dass die sexuelle Unlust eine Nebenwirkung der Pille sein kann. Ich fing endlich an, darüber zu reden und die Wirkung der Pille zu hinterfragen.

Also machte ich erneut einen Termin beim Frauenarzt ab.

Dieses Mal verschwieg ich ihr den Libidoverlust nicht. Sie fragte, ob es vielleicht an der langjährigen Beziehung und dem manchmal damit einhergehenden Interesseverlust am Partner liegen könnte. Wenn ich an diese Frage zurückdenke, werde ich wütend. Die Pille kann nicht schuld sein, es müsse an mir oder an meinem Freund liegen. Ich wurde nicht ernst genommen, und das, obwohl ich wirklich darunter litt. Ich verneinte und begründete meine Antwort damit, dass ich mittlerweile nicht mal mehr ansatzweise an Selbstbefriedigung denke. Also lag das Problem an mir oder der Pille und sicher nicht an meiner Beziehung.

Dazu hatte sie nichts mehr einzuwenden und erklärte mir, dass es Frauen gibt, die Östrogen nicht so gut vertragen und dass meine Probleme sicher daran liegen mussten. Darum verschrieb sie mir dieses Mal eine östrogenfreie Pille, die Minipille «desofemono». Diese enthält nur das Hormon Progesteron und wird ohne Pause durchgenommen. Dadurch würde ich keine Tage mehr kriegen. Diese Konsultation dauerte etwa eine Viertelstunde, ehe ich bereits mit einem weiteren Dauerrezept schnurstracks in die Apotheke lief.

Ich hatte langsam echt keine Lust mehr auf die Pille, aber die Alternativen waren auch nicht besser. Eine Kupferspirale kam für mich und meine schlimmen Periodenschmerzen nicht in Frage, sonst hätte ich sie mir noch am selben Tag einsetzen lassen, damit ich den Hormonen endlich entkommen konnte. Die Hormonspirale war nicht wirklich eine Alternative für mich, ebenso wenig wie die Dreimonatsspritze, das Stäbchen, der NuvaRing oder Ähnliches und das Kondom war mir einfach zu unsicher. Auch hatte ich grosse Angst davor, was passieren würde, wenn ich die Pille absetzen würde. Dazu hatte ich schon zu viele Horrorgeschichten im Internet gelesen. Um nur einige davon zu nennen: Haarausfall, Schilddrüsenprobleme, Akne, Leberschäden. Ich hatte genau genommen nicht wirklich eine andere Wahl und ich war feige. Also nahm ich besagte Minipille und hoffte, dass sich meine Probleme in Luft auflösen würden.

Das taten sie dann auch. Zumindest etwa ein Jahr lang. Wobei ich nicht behaupten würde, dass meine Libido zum Normalzustand zurückkehrte, niemals. Aber sie erholte sich ein wenig.

Dann ging es aber wieder heftig bergab. Dauernde Schmierblutungen, wochen- und monatelang. Die Libido wieder unter dem Gefrierpunkt. Scheidentrockenheit. Selbst dann, als ich es schaffte, einen Funken Lust zu verspüren. Folglich Schmerzen beim Sex und Schwierigkeiten, zum Orgasmus zu kommen. Meine Brüste schmerzten und wurden hart wie Stein, die kleinste Berührung war Folter für mich. Dazu kamen auch noch depressive Verstimmungen, dauernde Gereiztheit und Stimmungsschwankungen. Mir ging es wieder richtig schlecht. Stress mit der Familie, Streit in der Beziehung, enttäuschte Freunde und eine sehr starke Unlust auf alles – sei es auch nur kurz den Sender beim Fernsehen zu wechseln, es war anstrengend für mich. Alles, was ich tat, war für mich eine regelrechte Leistung, weil mir alles so viel Kraft und Energie abverlangte. Ich fühlte mich wie ein ferngesteuerter Roboter, der nur noch vor sich hin funktionierte.

Auch hier weiss ich beim besten Willen nicht, wie ich das so lange durchhalten konnte. Irgendetwas in mir sträubte sich stets, den Schritt zu wagen und die Pille abzusetzen. Vielleicht war ich zu feige oder ich hatte einfach zu grosse Angst vor dem, was ich praktisch nicht kannte. Dann begann ich mir aber die Frage zu stellen, was zur mir eigentlich ein Verhütungsmittel bringt, wenn ich damit keine Lust auf Sex habe. Und warum zum ich mir diese ganze Palette an Nebenwirkungen noch länger antun sollte. Wieso das Medikament, das den Frauen in den 60er-Jahren die sexuelle Befreiung ermöglicht hat, mich genau daran hindert, Frau zu sein und mich wie eine zu fühlen.

Und dann reichte es mir.

Ich entschloss mich endlich nach Jahren der Einnahme dazu, mutig zu sein und die Pille abzusetzen. Dafür, endlich den Menschen kennen zu lernen, der ich ohne die Pille bin. Dafür, meinen weiblichen Zyklus kennen zu lernen und all seine von der Natur so vorgesehenen Funktionen zu feiern.

Zum Absetzen der Pille werde ich euch gerne bald mit einem anderen Erfahrungsbericht auf Tize mitnehmen.

Hast du ebenfalls Erfahrungen mit der Pille, die du teilen möchtest? Schreibe es in die Kommentare!

Für Interessierte zum Thema oder solche, die die Pille absetzen möchten, sich aber im Vorfeld informieren möchten, empfehle ich die beiden Bücher «Kleine Pille, grosse Folgen» und «Bye Bye, Pille» von Isabel Morelli, den Podcast «GenerationPille» und den Blog generation-pille.com.


Du möchtest mehr über die Wirkungen der Pille lesen? Dann empfehle ich dir folgenden Artikel zu lesen: Die Pille- Wirkung

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