Nach gefühlt ewigem Corona-Unterbruch war es letzten Freitag wieder soweit: Die Berner Rap-Crew Chaostruppe stand seit ihrem Nummer 1 Album «Umverteilig (zu üs)» das erste Mal wieder auf der Bühne. Weshalb die 15-Köpfige Truppe im Blago Bung, einem gefährdeten Kulturzentrum in Interlaken spielte, das auf deine Unterstützung angewiesen ist, erfährst du in diesem Beitrag.

Seit über 12 Jahren ist die Chaostruppe bereits aktiv, mal mit Solo-Alben, mal in verschiedenen Konstellationen wie beispielsweise der «Fischermätteli Hood Gäng». Bis anhin waren die meisten Songs und Alben als Freetracks zum Download verfügbar.

Wie erfolgreich sie bereits in diesem, schwer messbaren System waren, hat sich gezeigt, als sie an ihrem selbsternannten Muttertag – dem 1. Mai – ihr erstes, zum Verkauf stehendes Album veröffentlichten. Das bunt gefärbte Nummer 1 Album mit interpretativen Party-Tracks («Chaosmafia»), melancholischen Songs mit ernster Aussage («Ufenang Ufpasse») ist nicht nur eine gelungene und ernstzunehmende Kritik an bestehenden politischen Systemen, sondern auch exakt worauf sich Fans gefreut haben.

Das Gefühl eines Nummer 1 Albums

Dazu kommt noch, dass sie, wie Sam, eines der 15 Mitglieder, es gerne formuliert: «ihre eigene Kulturförderungsinstitution» sind. Das bedeutet konkret, dass sie nicht wie andere Schweizer Musiker auf das Geld von Musiklabels zurückgreifen (können), sondern ihre Projekte vollständig selbst finanzieren.

Diese zusätzliche Unabhängigkeit bringt jedoch auch eine zweite Medaillenseite hervor: Ihre Musik kann und wird von der sonstigen Musikindustrie weniger ernst genommen im Sinne von medialer Präsenz und Aufmerksamkeit gegenüber ihren Aussagen. Doch genau dies wurde jetzt mit der «Umverteilig» in Angriff genommen, so Sam: «Ich finde es schön zu sehen, dass viele, die sich bisher foutiert haben sich mit unserer Musik auseinanderzusetzen, das jetzt tun müssen.»

Bildquelle: chaostruppe.net

Auf die Frage, wie sich so eine 1. Platzierung «Usem Nüt» anfühlt, beschrieb mir Tiggr die Reaktion, als dieser Sam am Telefon davon erzählte. Genauer gesagt, spielte er den Telefonanruf nach und die Reaktion endete in einem Rumpelstilzchen-artigen hohen Lachen, dass, wie er es beschrieb «selbst von seinem Toaster mit Alarmfunktion für Erdbeben empfangen wurde». In einem ähnlich freudigen Ton verglich Dubios dieses Gefühl mit einer Jugenderinnerung: «Ich habe früher in einem Verein Fussball gespielt. Und da bin ich einmal nach einem Eckball gestolpert und dadurch ist der Ball dann ins Tor. Ungefähr so fühlte sich für mich die 1 Platzierung an.»

Wieso gerade im Blago Bung?

Der Grund, dass ihr erstes Albumkonzert gerade im Blago Bung in Interlaken stattfindet, sei nicht geplant gewesen. So Sam: «Wir mussten Corona-Bedingt unsere komplette „Umverteiligs-Tour“ verschieben. Das Team vom Blago Bung Kollektiv waren die ersten, die uns wieder eine legale Bühne geben konnten. Nun eigentlich hatten wir die Auswahl zwischen der SRF-Sendung Glanz und Gloria und dem Blago. Da haben wir uns natürlich für’s Blago entschieden.»

Im Hintergrund macht MQ aufmerksam: «Also eigentlich wollten wir ja das Blago Bung retten». Dass dieser Gedanke nicht von irgendwoher kommt, habe ich bereits während des Konzerts bemerkt. In den kurzen Minuten zwischen zwei ihrer Songs, appellierte er an das Publikum sich unbedingt mit der bevorstehenden Schliessung und der zusammenhängenden Petition auseinanderzusetzen.

Geschichte des Blago Bung

Um die von MQ erwähnte Gefährdung dieses Kulturzentrums zu verstehen, ist ein wenig Geschichte des Lokals nötig:

Der konsumzwangfreie Entfaltungsort wurde 2017 als Zwischennutzungsverein des leerstehenden Hotel Touriste gegründet. Seit August desselben Jahres wurde damit ein kulturfördernder Raum für Junge und Junggebliebene in Interlaken geschaffen. Während im Parterre und Keller die unterschiedlichsten Veranstaltungen durchgeführt werden, sind die ehemaligen Hotelzimmer als Ateliers an Künstler*innen vergeben. Zudem wird jährlich im September das sogenannte Artfestival durchgeführt: Ein mehrtägiges Fest, an welchem lokale Künstler ihre Kunst ausstellen, sowie Live-Veranstaltungen durchgeführt werden. Auch dieses Jahr kann vom 10. bis 13. September nochmals ein letztes solches Festival stattfinden.

Bildquelle: blago-bung.ch

Die Gefahr, unter welcher das Blago Bung leidet ist das Problem der Gentrifizierung. In deren Namen sollen ihre Räumlichkeiten einem Neubau weichen. Trotz zahlreicher leerstehender Gebäude in der Gegend fehlt die Unterstützung, um das Projekt «Blago Bung» an einem neuen Standort weiterführen zu können. Deshalb hat das Blago Bung Kollektiv nun eine Petition lanciert, welche sich an die umliegenden Gemeinden richtet. Darin fordern sie eine verbindliche Unterstützung der Gemeinden Interlaken, Matten und Unterseen, die Jugendkultur bei der Suche nach einem neuen Standort zur Weiterführung dieses regional einzigartigen Kulturraums zu unterstützen. Dies ist insbesondere wichtig, da gerade in der Region Interlaken in den letzten Jahren ein regelrechtes Kultursterben stattfand, beispielsweise durch Schliessung des Skateparks-Interlaken oder des Konzertlokals «Goldener Anker».

Trage auch du ein Teil dazu bei!

Um den Fortbestand dieses menschenverbindenden Ortes sichern zu können, möchte ich auch dich dazu auffordern, mit dem Unterzeichnen der verlinkten Petition dazu beizutragen die lokale Kultur und den Freiraum «Blago Bung» zu unterstützen.

Geschrieben von:

Was ist deine Meinung? Schreib einen Kommentar!