Was passiert wirklich, wenn Jugendliche mit mobilem Internet aufwachsen? Eine Ökonomin mit Weltdaten, ein Suchtpsychologe mit dreissig Jahren Praxis und eine Kinderpsychiaterin gesammelt in einer Podiumsdiskussion  – Spoiler: Sie sind sich erschreckend einig.

Die Ironie ist der Moderatorin Damita Pressl bewusst, als sie das Publikum bittet, den QR-Code auf der Leinwand mit dem Smartphone zu scannen. «Ich sehe die Blicke», sagt sie trocken, «und ich teile die Skepsis.» Aber: Der Abend dreht sich genau darum – um das Gerät, das im Saal jeden zwingt, eine Meinung zu haben.

Rund 40 Besucherinnen und Besucher sind an diesem Dienstagabend ins NZZ Foyer in Zürich gekommen, um mit Expertinnen und Experten über eine der dringlichsten Fragen des Jahrzehnts zu sprechen: Was macht das mobile Internet mit den Kindern und Jugendlichen dieser Welt? Die Antwort, die sich im Verlauf der gut zwei Stunden herauskristallisiert, ist erwartbar wenig debattierbar – und gleichzeitig weit komplexer als ein einfaches Verbot nahelegen würde.

Die ReferentInnen:

  1. Dr. Ronak Jain: Assistenzprofessorin, Universität Zürich; PhD Harvard; Forschung zu mobilem Internet & Schulleistungen
  2. Franz Eidenbenz: Psychologe & Psychotherapeut; Gründer RADIX Zürich (Anlaufstelle für Verhaltenssüchte); Online-Sucht-Spezialist seit 1999
  3. Eva Unternährer: Senior Researcher, Kinderpsychiatrie, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel

2,5 Millionen Teenager und ein trauriger Befund

Ronak Jain, Assistenzprofessorin an der Universität Zürich und Absolventin der Harvard-Universität, eröffnet den Abend mit einer Präsentation, die vieles bestätigte, was man als Laie seit Jahren vielleicht vermutet hatte. Sie und ihr Co-Autor Samuel Stemberg von der University of Auckland haben den weltweiten Rollout des 3G-Mobilfunks zwischen 2006 und 2018 mit den PISA-Testergebnissen von 2,5 Millionen 15-jährigen Schülerinnen und Schülern aus 82 Ländern verknüpft. Das Ergebnis ist eindeutig: Überall, wo 3G eingeführt wurde, sanken die Schulleistungen in Mathematik, Lesen und den Naturwissenschaften.

Der Rückgang entspricht etwa einem Viertel eines Schuljahres an Lernzuwachs. «Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter verliert ein Viertel eines Schuljahres, weil sie mehr Zeit online verbringt», sagt Jain. «Das ist die Grössenordnung, die wir sehen.» Gleichzeitig stieg die Social-Media-Nutzung unter den Befragten um 17 Prozent – die dramatischste Verhaltensänderung im gesamten Datensatz. Und obwohl die Jugendlichen mehr Zeit auf vernetzten Plattformen verbringen, sinkt ihr Zugehörigkeitsgefühl in der Schule. Sie fühlen sich häufiger als Aussenseiter, haben mehr Mühe, Freundschaften zu schliessen.

Ein Detail der Studie überrascht besonders: Vier von fünf zusätzlichen Online-Stunden pro Woche werden ausserhalb der Schule verbracht, nur eine innerhalb. «Die gesamte politische Debatte fokussiert auf die Schule», sagt Jain. «Aber die eigentliche Handlung findet zu Hause statt.»

Die Sicht eines Suchtpsychologen mit 30 Jahren Erfahrung

Franz Eidenbenz, Gründer von RADIX – dem Zürcher Zentrum für Glücksspiel- und Verhaltenssucht – beschäftigt sich mit Online-Sucht, seit das World Wide Web für die meisten Menschen noch ein Fremdwort war. Seine Schilderungen aus der täglichen Praxis sind das lebendige Komplement zu Jains Zahlen. «Meist sind es Mütter, die anrufen», erzählt er. «Es gibt Konflikte, man kommt nicht mehr weiter. Das sind keine Familien in sozialer Not – auch Lehrerinnen und Sozialarbeiter sind darunter.»

Was die Betroffenen eint, ist nach Eidenbenz‘ Beobachtung weniger eine gemeinsame Biografie als ein gemeinsames Muster: Dem Kind fehlt Erfolg in der realen Welt. «Wenn jemand die Wahl hat zwischen echtem Erfolg und Erfolg online, wählt er immer das Echte. Aber wer in der Schule scheitert, keine Freunde hat, vielleicht eine soziale Phobie entwickelt – dem fällt die Wahl schwer.» Der digitale Raum wird zur Flucht, die Flucht zum Teufelskreis. «Wer sich schlecht fühlt, geht online, um sich besser zu fühlen mit dem Resultat, sich später dann noch schlechter zu fühlen.»

Die drei C’s der Kinderpsychiatrie

Eva Unternährer, Senior Researcher an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, mahnt zur Differenzierung. Sie arbeitet mit dem Konzept der «drei C’s»: Child, Content, Context. Welches Kind schauen wir an – Temperament, familiärer Hintergrund, sozialer Status? Was konsumiert es – schädliche Inhalte oder vielleicht eine supportive Online-Community? Und wie nutzt es die Geräte – aktiv gestaltend oder passiv durch den Feed scrollend?

«Videospiele können die Feinmotorik verbessern», sagt Unternährer. «Aber Bildschirmnutzung am Abend schadet dem Schlaf – das ist klar belegt.»

Kommentar der Autorin: Meiner Meinung nach überwiegen die negativen Outcomes der Online-Nutzung klar die Positiven. Feinmotorik zum Beispiel verbessert man auch durch Handarbeit, durch Schnitzen im Wald und durch koordinative Sportarten – alles Aktivitäten, die nicht mit schlechteren schulischen Leistungen oder vermindertem Selbstwertgefühl korrelieren.

Kausalität nachzuweisen sei auch in diesem Bereich «der Heilige Gral der Wissenschaft». Wahrscheinlicher als eine einfache Ursache-Wirkung-Kette sei ein Teufelskreis: Kinder mit ohnehin schlechtem Selbstwertgefühl und mangelhafter Emotionsregulation flüchten in soziale Medien, die sie letztlich noch schlechter fühlen lassen. Ganz im Einklang zu Franz Eidenbenz’ Beobachtung.

Australien, Dänemark, Österreich – Rolemodels?

Das Publikum befragt die Referierenden per Live-Abstimmung: Wer würde ein vollständiges Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige, wie es Australien eingeführt hat, befürworten? Eine deutliche Mehrheit sagt Ja. Doch alle drei Gäste auf dem Podium sind skeptisch. «Ich bin überzeugt von freier Wahl», sagt Jain. «Der Weg ist, Menschen über die Folgen aufzuklären und sie eine informierte Entscheidung treffen zu lassen.» Und Unternährer ergänzt: «Ein 16-Jähriger wacht nicht am Morgen nach seinem Geburtstag auf und weiss plötzlich, wie er den digitalen Raum navigiert.»

Ronak Jain ergänzt: «Verbote können das Gegenteil bewirken. Je mehr man einem Kind sagt, es darf das Eis nicht essen, desto mehr will es es.»

Kommentar der Autorin: Ein 16-Jähriger wacht ebenfalls nicht am Morgen nach seinem Geburtstag auf und weiss plötzlich, wie er mit Nikotin oder Alkohol umgehen soll. Social Media und Gaming sind mit diesen Suchtmitteln vergleichbar.

Eidenbenz sieht die Lösung eher in Transparenz: Algorithmen müssten offengelegt werden. Der Richterspruch aus New Mexico, der Plattformen verpflichtet, Minderjährigen nachts den Zugang zu sperren, geht für ihn in die richtige Richtung. Dänemark hat derweil ein Handyverbot in Primar- und Sekundarschulen beschlossen. Auch das ist sinnvoll gegen Ablenkung, löst aber das Kernproblem nicht: Die meisten Stunden werden zu Hause verbracht.

Damita Pressl erzählt vom österreichischen Modell des freiwilligen Smartphone-Verzichts – 17’000 Teenager haben sich für den ORF-Fastenversuch angemeldet. Dies zeigt, dass das Interesse an einer Regulierung der Bildschirmzeiten auch von den Betroffenen selbst da ist. Vielleicht spüren die Jugendlichen, dass die digitale Welt, in die sie hineingeboren wurden, sie nicht erfüllt.

Das Koordinationsproblem und die Verantwortung der Plattformen

Einer der aufschlussreichsten Momente des Abends entsteht bei der Frage, wie man Jugendlichen beibringt, Nein zu sagen. Jain führt das Konzept des Koordinationsproblems ein: Es nützt wenig, wenn nur ein Kind sein Handy weglegt, weil es dann die Angst vor dem «Fear of Missing Out», kurz FOMO, plagt. Nachhaltiger Wandel müsse auf Gruppen- oder Klassenebene stattfinden, nicht bei Einzelnen.

Auf die Frage, ob Plattformen für ihre suchtfördernden Mechanismen zur Rechenschaft gezogen werden sollten, sind sich alle einig: Ja. «Es gibt eine moralische Verantwortung, wenn man so viel Macht hat, Menschenleben zu beeinflussen», sagt Jain. Unternährer geht noch weiter: Eine Steuer auf Algorithmen könnte Geld für Präventionsprogramme generieren – nach dem Vorbild der Tabak- und Alkoholindustrie.

Eltern als unterschätzte Variable

Ein Zuhörer aus dem Publikum bringt einen Gedanken ein, der den ganzen Abend implizit mitschwingt: Kinder schauen Eltern beim Starren auf das Handy zu und schliessen daraus, das müsse wohl das Aufregendste auf der Welt sein. Unternährer bestätigt: Ihre Forschung zeigt, dass elterliche Bildschirmzeit direkt mit der Bildschirmzeit der Kinder korreliert. Der Fachbegriff für die elterliche Ablenkung durchs Handy lautet «Tech Interference» – oder, in Asien, «Parental Phubbing», eine Mischung aus «Phone» und «Snubbing».

Eidenbenz illustriert das mit einer Anekdote aus der Therapie: Ein Vater, der verlangt, sein Sohn solle pünktlich um sieben zum Abendessen erscheinen, bekommt zur Antwort: «Aber du kommst immer erst um acht.» Kinder forderten von Eltern dasselbe ein, was Eltern von ihnen verlangten – und das sei eigentlich eine gute Nachricht. Eltern fungieren ständig als Vorbilder, dies auch im Umgang mit digitalen Medien. Eltern haben gegenüber ihren Kindern, die Verantwortung ihre eigene Bildschirmnutzung sinnvoll und überlegt zu gestalten.

Und dann kommt noch KI

Gegen Ende des Abends öffnet Pressl kurz das Fenster zur nächsten technologischen Umwälzung. Jain forscht bereits an den Auswirkungen von KI-Tools auf Schulleistungen, Arbeitsmoral, Neugier und Kreativität. Erste Beobachtung aus dem Hörsaal: Alle Studierenden liefern fehlerlose Texte ab – sie sind nur noch im mündlichen Gespräch unterscheidbar und evaluierbar. Viele Universitäten wägen darum die Rückkehr zur mündlichen Prüfung ab.

Eidenbenz schildert einen anderen Aspekt: Eine Patientin in suizidaler Krise habe KI siebenmal nach Methoden gefragt. Beim siebten Versuch habe das System geantwortet. «KI kommt auf ganz verschiedene Arten in unsere Profession.» Sein Fazit bleibt trotzdem positiv: «KI macht uns nicht dümmer. Aber wir müssen klüger werden, um sie gut zu nutzen.»

Kommentar der Autorin: KI macht uns wahrscheinlich dümmer. Und deshalb müssen wir aktiv anstreben, klüger zu werden, um sie gut zu nutzen.

Was bleibt

Als Damita Pressl den Abend schliesst, hat das Publikum keine einfache Antwort erhalten. Dafür etwas anderes: Impulse zum Nachdenken. Verbote mögen das Bewusstsein schärfen, taugen aber ihrer Meinung nach als Dauerlösung wenig. Was langfristig hilft, ist Begleitung: Eltern, die vorleben; Schulen, die Schülerinnen und Schüler als Expertinnen und Experten einbeziehen; Plattformen, die Verantwortung übernehmen; und eine Gesellschaft, die das Gespräch jetzt führt – nicht erst, wenn eine Generation verloren gegangen ist.

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