«Wir möchten sehen, wie viel Leidenschaft dahintersteckt»
Riccardo Bernasconi und Damien Hauser im Gespräch über Filmfestivals, den langen Weg vom Hobby zum Beruf und die Frage, was Filme als Kunst eigentlich asudrücken können.
Olivia Glatz traf Riccardo Bernasconi und Damien Hauser anlässlich der Jugendfilmtage Zürich 2026.
ZU DEN PERSONEN
Riccardo Bernasconi
Riccardo Bernasconi wuchs in Mendrisio im Tessin auf. Er studierte Mediendesign an der NABA (Nuova Accademia di Belle Arti) in Mailand und absolvierte 2010 einen Master in Regie und Drehbuch an der ZHdK. Er war Schüler von Paolo Sorrentino und arbeitete als Regieassistent mit Luca Guadagnino und Tilda Swinton zusammen. 2013 wurde sein Kurzfilm «Death for a Unicorn», gesprochen von Tilda Swinton, am Filmfestival Venedig in der Sektion Orizzonti gezeigt. An den Jugendfilmtagen 2026 ist er Mitglied der Jury.
Damien Hauser
Damien Hauser ist schweizerisch-kenianischer Herkunft und hat bereits vier Spielfilme sowie zahlreiche Kurzfilme realisiert. Nach der Sekundarschule besuchte er die Zürcher Filmschule SAE. Sein jüngster Film «Memory of Princess Mumbi» – ein Afrofuturismus-Sci-Fi-Mockumentary – hatte seine Weltpremiere in der Venice Days-Sektion der Filmfestspiele Venedig. An den Jugendfilmtagen 2026 ist er ebenfalls Jurymitglied.
DAS INTERVIEW
Damien, wie bist du zum ersten Mal zu den Jugendfilmtagen gekommen?
Damien: Ich erinnere mich ehrlich gesagt nicht mehr genau, wie ich das Festival entdeckt habe. Ich habe schon mit sieben Jahren angefangen, Filme zu machen – immer nur mit meinen Nachbarn und Freunden. Mir war gar nicht bewusst, dass es da draussen einen Raum für junge Leute gibt, wo man sich wirklich treffen kann. Als ich meinen Film dann einreichen und ihn auf der Leinwand sehen konnte, war das ein total verrücktes Erlebnis. All diese Kurzfilme von anderen Regisseurinnen und Regisseuren in meinem Alter zu sehen – das war unglaublich inspirierend.
Was macht Filmfestivals für dich so besonders – gerade als Regisseur?
Damien: Schauspielerinnen und Schauspieler am Set sehen sich ständig, sie sind immer in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen. Als Regisseur ist man dagegen meistens sehr allein. Auf Festivals trifft man andere Filmemachende, tauscht Erfahrungen aus – und vielleicht dreht man plötzlich gemeinsam einen Film. Das war für mich immer das Schönste daran.
Riccardo, teilst du das?
Riccardo: Absolut – und darüber habe ich tatsächlich noch nie in dieser Form nachgedacht. Man sieht verschiedene Herangehensweisen und Stile, man sieht, was andere Menschen an einem anderen Ort machen. Hier in der Schweiz, aber aus völlig verschiedenen Regionen – welche Themen beschäftigen die Leute? Worüber wollen sie erzählen? Das macht mich jedes Mal wahnsinnig neugierig.
Ist der Wettbewerbsgedanke an solchen Festivals stark spürbar?
Damien: Das hängt vom Filmemacher ab. Aber Filmemachen ist nicht wie ein Marathon, wo es eindeutig eine Beste gibt. Es ist so subjektiv. Mit einer anderen Jury gäbe es höchstwahrscheinlich andere Gewinnerinnen und Gewinner. Ich denke, das Beste an einem Festival ist schlicht, dass man mit anderen Menschen zusammen ist, die dasselbe tun.
Riccardo: Genau. Es ist keine Mathematik. Und ich finde das eigentlich befreiend.
Wie fühlt es sich jetzt an, Jurymitglied zu sein – nachdem du selbst als junger Filmemacher hier warst, Riccardo?
Riccardo: Ich habe in den letzten Jahren viele Festivals besucht, aber eher solche für Erwachsene. Die Stimmung dort ist manchmal einfach anders. Hier sind die Leute wie auf einem anderen Planeten – denn für viele ist es die erste Erfahrung auf einem grossen Festival. Man spürt die Leidenschaft, vielleicht auch die Angst, den eigenen Film auf der Leinwand zu sehen, vor all diesen Menschen, die ihn – stillschweigend – bewerten. Diese Energie ist spürbar und echt. Es geht wirklich nur ums Filmemachen, nicht um Beziehungen oder Marketing.
Wie bewertet man als Jury Filme, die so unterschiedlich sind – ein einminütiger Animationsfilm gegen einen zwanzigminütigen Kurzspielfilm?
Damien: Das ist wirklich schwierig, das lässt sich kaum direkt vergleichen. Aber wir versuchen immer, Leidenschaft zu erkennen. Wenn man sieht, dass jemand wirklich mit Herzblut bei der Sache ist, spielen technische Fehler keine Rolle. Man spürt diesen Antrieb – und das ist der entscheidende Punkt.
Riccardo: Ich hätte es nicht besser sagen können. Und weil wir zu fünft in der Jury sind, bringt jede Person ihre eigene Sichtweise ein. Oft verändert das auch die eigene Meinung. Jemand sagt etwas zu einem Film, und plötzlich siehst du ihn mit anderen Augen. Das ist gut so – Kunst ist eben subjektiv.
Für euch beide hat das Filmemachen als Hobby begonnen und ist dann zum Beruf geworden. Wann hat sich das so herauskristallisiert, Damien?
Damien: Ich kann mich an keinen genauen Moment erinnern, weil ich das schon so lange wusste (lacht). Aber es gibt eine lustige Geschichte: Ich dachte jahrelang, ich könnte kein Filmemacher werden, weil ein Film ja Millionen kostet. Irgendwann erfuhr ich dann, dass es Produzentinnen und Produzenten gibt, die das Geld besorgen. Da dachte ich: «Ah, ich könnte also doch Filmemacher werden. Cool.» Aber in Wirklichkeit habe ich einfach weitergemacht, weil es mir Spass gemacht hat. Der Rest hat sich ergeben.
Und du, Riccardo?
Riccardo: Ich wollte eigentlich Grafikdesigner werden. Dann habe ich Naturwissenschaften studiert und das Filmemachen nebenbei weitergeführt. Die Festivals wählten meine Filme immer wieder aus – da begann ich zu merken, dass das, was ich mache, nicht nur für mich ist. Ich habe realisiert, es gibt Menschen, die das, was ich mache, wirklich gut finden. Ich wurde in meiner Tätigkeit bestätigt. Mit 19 habe ich dann ein Filmstudium versucht. Ich dachte: Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch als Cutter oder Kameramann arbeiten. Denn wer alleine Kurzfilme macht, lernt jeden Aspekt des Filmemachens kennen. Und so hat sich das stetig entwickelt – Stück für Stück.
Damien, du hast für deinen Film «Memory of Princess Mumbi» KI eingesetzt. War das eine künstlerische Entscheidung oder auch eine finanzielle?
Damien: Rein finanziell hätte ich das sowieso nie stemmen können. Es war eine inhaltliche Entscheidung. Ich habe die Möglichkeiten von Science-Fiction im afrikanischen Kino erkundet – dort gibt es so viele Geschichten zu erzählen. Gleichzeitig wollte ich das Werkzeug KI aus moralischen Gründen eigentlich nicht verwenden. Also habe ich es benutzt, aber gleichzeitig innerhalb der Geschichte kritisiert. Ein Widerspruch – aber ein bewusster.
Was motiviert euch grundsätzlich am Filmemachen?
Riccardo: Wenn man Zeit und Mühe investiert, um etwas zu erschaffen, das Bestand hat und einem für immer gehört – das ist unschätzbar. Mein Vater hat vierzig Jahre für ein Unternehmen gearbeitet und war am Ende nur ein kleiner Teil von etwas Grösserem. Kunst zu schaffen, bedeutet, etwas Eigenes in die Welt zu setzen. Und Film bleibt für immer. Ausserdem ist Filmemachen eine unglaublich umfassende Kunstform: Bild, Licht, Literatur, die Beziehung zu den Schauspielerinnen und Schauspielern. Man ist Regisseur, Psychologe und Philosoph zugleich.
Damien: Für mich ist das Wichtigste, Spass zu haben. Das klingt simpel, aber: Man verdient mit diesem Job finanziell nicht wirklich gut. Man investiert die gesamte Freizeit. Wenn man dann auch noch unglücklich mit dem ist, was man tut – das ist der eigentliche Schmerz. Das Ziel im Leben ist doch sowieso, glücklich zu sein. Und Filmemachen macht mich sehr glücklich. Auch wenn es viele stressige Zeiten gibt.
Was sollen die Menschen von euren Filmen mitnehmen?
Riccardo: Film ist ein so wirkungsvolles Medium, dass es auch nützlich sein sollte. Es sollte Geschichten erzählen, die helfen, etwas zu verstehen. Vielleicht ist das Fühlen von Emotionen der erste Schritt, um sich wirklich mit Dingen auseinanderzusetzen – mit Situationen, die direkt vor unserer Nase liegen, an die wir uns aber nie herantrauen.
Damien: Oder man erzählt einfach eine Geschichte, bei der jemand denkt: «Das passiert. Ich bin nicht allein.» Das wäre schon sehr viel. Meine Filme spiegeln immer wider, in welcher Zeit ich lebe, was mich umgibt, was mich bewegt. Es ist immer ganz nah bei mir
Vielleicht eine Art Spiegelbild des eigenen Inneren?
Damien: Ja, vielleicht.
Das Interview wurde am 13. März 2026 anlässlich der Jugendfilmtage Zürich geführt.
Ann Mayer – Schauspielerin, Moderatorin und Filmjournalistin – über ihre Verbindung zu den Jugendfilmtagen, die Faszination am Filmset und den Weg zur Schauspielkarriere.
Olivia Glatz traf Ann Mayer anlässlich der Jugendfilmtage Zürich 2026.
Ann Mayer ist Schauspielerin und Performerin aus Basel. Sie arbeitete u.a. am Schauspielhaus Zürich, am Theater Basel und am Vorarlberger Landestheater, wirkt regelmässig in Schweizer Kino- und Fernsehproduktionen mit und ist in vielen ihrer Theaterproduktionen auch als Co-Autorin tätig. Seit 2024 studiert sie an der ZHdK im Master Theater mit Fokus auf Kreatives Schreiben.
DAS INTERVIEW
Ann, wie bist du zu den Jugendfilmtagen gekommen?
Ann: Ich hatte schon durch meinen Bruder vom Festival gehört – er war 2013 mit seinem Film «Today» im Wettbewerb. Ich kannte die Jugendfilmtage also, war aber selbst noch nie dabei. Dann wurde ich 2021 in die Jury berufen. Das war leider eine Online-Veranstaltung, was sehr schade war – aber die Atmosphäre im Team hat mir trotzdem sofort gefallen. Ich dachte mir: Ich würde sehr gerne Teil dieses Festivals sein und am liebsten moderieren. Ein Jahr später wurde ich tatsächlich gefragt. Seit 2022 mache ich das nun – dieses Jahr zum fünften Mal.
Was schätzt du an den Jugendfilmtagen besonders?
Ann: Was mich jedes Mal aufs Neue begeistert, ist, wie inspirierend es für mich und alle jungen Menschen hier ist, Filmkunst in diesem Rahmen zu erleben. Es ist ausserdem ein sehr sicherer Raum – das habe ich schon beim ersten Mal gespürt. Die Atmosphäre ist super und auch das Team: Ich habe bereits drei oder vier verschiedene Festivalleitungen erlebt, und es war jedes Mal eine tolle Stimmung. Die Leitung prägt das Team enorm, und irgendwie ist es ihnen immer gelungen, einen wunderbaren Zusammenhalt zu schaffen.
Du bist Schauspielerin – schaust du die Filme mit einem anderen Blick?
Ann: Meine Funktion hier ist nicht die Bewertung der Filme, sondern die Q&As mit den Filmemacherinnen und Filmemachern. Dabei schaue ich auf verschiedene Aspekte. Wenn ich bemerke, dass eine Schauspielerin oder ein Schauspieler besonders wichtig in einem Film ist, frage ich tiefer nach – zum Beispiel, wie sie sich vorbereitet haben. Das habe ich dieses Jahr zum Beispiel oft in der jüngeren Kategorie B gefragt, weil es mich überrascht hat, wie komplexe und auch traurige Themen in den Filmen thematisiert wurden. Im Grunde versuche ich, alle Aspekte des Filmemachens zu beleuchten: Woher kam die Geschichte? Was war die grösste Herausforderung?
Wie bist du selbst zur Schauspielerei gekommen?
Ann: Ich habe schon als Kind früh Theater gespielt. Aber nach der Maturität wollte ich eigentlich Filmregisseurin werden – ich spielte mit 18 in meinem ersten Film mit und war einfach fasziniert von der Energie am Set. Ich studierte dann Filmwissenschaft, spielte aber immer auch Theater. Mitte zwanzig merkte ich: Ich will auf der Bühne oder vor der Kamera stehen. Deshalb absolviere ich jetzt meinen Master an der ZHdK und möchte mich in den nächsten Jahren auf die Schauspielerei fokussieren.
Was hat dich an deiner ersten Erfahrung am Filmset so beeindruckt?
Ann: Es war dieses Projekt, das wir in der Schweiz und in Thailand drehten – ich reiste mit der ganzen Crew dorthin. Unglaublich aufregend. Aber was mich am meisten fasziniert hat, war das Handwerk: Am Set dreht man nicht chronologisch. Ich verstand zunächst nicht, warum Kostümbildner und Maskenbildnerinnen ständig Fotos von uns machten – bis mir klar wurde, dass es um die Kontinuität geht. Eine Szene, die im Film direkt auf eine andere folgt, wird vielleicht an einem ganz anderen Drehtag gedreht und muss trotzdem identisch aussehen. Diese Kontinuitätssache hat mich total fasziniert. Es ist sehr mathematisch, obwohl hinter allem eine lebendige Geschichte steckt.
Wie schwierig ist es, in der Schweiz eine Schauspielagentur zu finden?
Ann: Das ist tatsächlich schwierig. In der Schweiz gibt es kaum Agenturen – die meisten sind in Deutschland. Und wenn man Schweizerdeutsch spricht, heisst es oft: «Wir brauchen Material, in dem Sie Hochdeutsch sprechen.» Da ich momentan noch meinen Master mache, kümmere ich mich jetzt intensiver darum. Ich habe bereits im deutschen und österreichischen Theater gearbeitet – das war sicher ein wichtiger Schritt.
Was würdest du jungen Menschen raten, die sich für Schauspielerei interessieren?
Ann: Einfach ausprobieren – es gibt an vielen Orten tolle Jugendtheater-Angebote. Wer dann weiter möchte, kann eine Schauspielschule besuchen. Was ich besonders empfehle: sich mit jungen Filmemacherinnen und Filmemachern vernetzen – zum Beispiel an der ZHdK oder anderen Filmschulen. Die suchen immer Schauspielerinnen und Schauspieler. So sammelt man Erfahrung, knüpft Kontakte und lernt das Handwerk kennen. Möglichst viel Praxis – das ist das Allerwichtigste. Und natürlich die Jugendfilmtage besuchen!
Hast du zum Schluss noch eine Botschaft an die jungen Filmemacherinnen und Filmemacher hier?
Ann: Ja: Erzählt weiterhin eure mutigen, lustigen und innovativen Geschichten – und schickt sie an die Jugendfilmtage. Ich schaue sie mir jedes Jahr wieder mit grosser Freude an.
Das Interview wurde am 13. März 2026 anlässlich der Jugendfilmtage Zürich geführt.
Das älteste und grösste Nachwuchs-Filmfestival der Schweiz bringt junge Filmschaffende aus dem ganzen Land nach Zürich — und blickt in diesem Jahr auf fünf Jahrzehnte filmisches Schaffen zurück.
Was 1976 als kleiner Videowettbewerb für Jugendliche begann, hat sich über fünf Jahrzehnte zum bedeutendsten Nachwuchs-Filmfestival der Schweiz entwickelt. Die Schweizer Jugendfilmtage, kurz SJFT, vergeben jedes Jahr die begehrten «Springenden Panther» an die besten Kurzfilme junger Filmschaffender — und bieten einer Generation von Filmtalenten sichtbare Plattformen, auf denen sie ihr Werk einem breiten Publikum präsentieren können.
In dieser Woche findet er nationale Filmwettbewerb der SJFT statt. Rund 60 Kurzfilme werden in fünf Alterskategorien gezeigt, die das gesamte Spektrum des Nachwuchsfilmschaffens abdecken: von Produktionen von Kindern bis 12 Jahren (Kategorie A) über Werke von Jugendlichen bis 16 (B) und 19 Jahren (C) bis hin zu jungen Erwachsenen zwischen 20 und 25 Jahren (D). Kategorie E schliesslich richtet sich an Studierende von Filmhochschulen — darunter ZHdK, HSLU, ÉCAL, HEAD und CISA — bis Filmschaffende bis 30 Jahre.
Das Festival eröffnet am Mittwoch, 11. März 2026, um 18:30 Uhr im blue Cinema Abaton mit einer Eröffnungsfeier inklusive Apéro. Ab dem 12. März laufen täglich die Wettbewerbsprogramme in den fünf Kategorien.
Die Preisverleihung findet am letzten Festivaltag, Sonntagabend dem 15. März, statt. Im Anschluss werden alle erstplatzierten Wettbewerbsfilme nochmals gezeigt, gefolgt von einem Apéro mit den Gewinner*innen.
Die Jury 2026
Die fünfköpfige Wettbewerbsjury vereint erfahrene Filmschaffende, die selbst eine Verbindung zur Festivalgeschichte haben. Damien Hauser (*2001), schweizerisch-kenianischer Autor und Regisseur, begann seine Festivalreise 2016 an den Jugendfilmtagen und realisierte seither vier Spielfilme, die u.a. am TIFF gezeigt wurden. Tabarak Allah Abbas (*1998) absolvierte den Bachelor in Cinema an der HEAD in Genf; ihre Filme liefen an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur. Riccardo Bernasconi (*1984) nahm mit 19 Jahren an den Jugendfilmtagen teil — zehn Jahre später wurde einer seiner Kurzfilme für die Filmfestspiele von Venedig ausgewählt. Isabelle Favez (*1974) studierte an der ZHdK und feierte Premieren ihrer Animationsfilme an der Berlinale und in Annecy. Stefan Jung (*1959) ist seit den 1980er Jahren als Kameramann und Regisseur tätig und gewann 1980 an den 4. Jugendfilmtagen mit seinem Super-8-Film «Metamorphose».
Die Moderation übernimmt Ann Mayer, Schauspielerin und Autorin für Radio SRF Kultur, die das Festival seit fünf Jahren begleitet.
Talent Camp: Internationaler Nachwuchs trifft auf Zürcher Filmszene
Parallel zum Festival findet das Talent Camp statt — ein viertägiges Intensivprogramm für bis zu 20 internationale Teilnehmende, das Masterclasses mit Schweizer Filmschaffenden, Kinobesuche und Netzwerkmöglichkeiten kombiniert. Die Teilnahme ist kostenlos. Das Format versteht sich als Brücke zwischen dem nationalen Festival und der internationalen Filmcommunity und hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der attraktivsten Nebenangebote des Festivals entwickelt.
Mehr als fünf Tage im Jahr
Die Schweizer Jugendfilmtage verstehen sich ausdrücklich als ganzjährige Förderstruktur. Übers Jahr bietet der Verein Filmworkshops für Schulklassen, Film-Coaching für individuelle Projekte sowie Meet-Ups für die ganze Schweizer Filmcommunity an. Mit dem Schulangebot «Klappe Auf!» können Klassen aller Stufen aktiv ins Filmemachen einsteigen. Das Angebot «Next Gen Ani» fokussiert speziell auf Animationsfilm.
Für ein Festival, das seit fünfzig Jahren ohne Unterbrechung stattfindet und dabei stets ehrenamtlich organisiert wurde, ist die Bandbreite des Programms bemerkenswert. Die diesjährige Jubiläumsausgabe läuft vom 11. bis zum 15. März 2026.
Meine Lehrerin meinte immer, sie gebe eine 1 für all diejenigen, die ihre Geschichte mit «Und da wachte ich auf und merkte, es war alles nur ein Traum» beenden. Sie sagte jedoch nie, dass dieser Satz nicht der Anfang sein kann. Denn manchmal, da hat man so Träume, die einen auch nach dem Aufwachen noch beschäftigen. Der Epilog der Nacht also. Fragmente der Träume: schwammig, verwaschen und unvollständig.
«Jetzt fängt das Leben richtig an» ein alter Hut, unumgänglich, am heutigen Tag, an dem die Verfasserin des Textes 18 Jahre zuvor, existentialistisch ausgedrückt, in den «Océan Néant» geworfen worden ist. Ich dachte mir: «man würde doch hoffen, diese 18 Jahre nicht «falsch» gelebt zu haben? Das wäre ja wohl eine Schande!». Der Spruch hat also einen Haken: Das «richtige Leben hat nun wirklich nicht erst jetzt, mit der Volljährigkeit, begonnen. Denn, ohne überheblich klingen zu wollen, viele würden wohl behaupten, dass sie es, gemessen an schulischen Leistungen und ausserschulischen Meisterungen, in diesen 18 Jahren schon recht weit gebracht haben. Dennoch spiegeln sich meine Gedanken zu dieser Aussage im Zitat von Simona Pfister, einer jungen Schweizer Journalistin, wider: «Ich habe es weit gebracht, auch wenn mir (jetzt) nicht klar ist, wo das liegt.»
Endlich war es wieder soweit! Letzten Samstag, am 9.8.25, fand das alljährliche Band-it Finale in Winterthur statt. Trotz der gleichzeitig stattfindenden Street Parade gab es schon am frühen Nachmittag eine Menschenmenge, die sich im Schatten des grossen Baumes auf dem Kirchplatz vor der Sonne schützte. Denn nach einem kalten und regnerischen Juli schien es, als wäre der Schweizer Sommer genau noch rechtzeitig für das Finale im Freien zurückgekehrt: Kein Wölkchen am Himmel, kurze Hosen und Glace schlecken war angesagt – die Kulisse also dieselbe wie letztes Jahr. Doch die Performer waren ganz andere, natürlich!
Wer noch nicht vom Band-it gehört hat: Es ist DER Musikcontest für junge MusikerInnen im Kanton Zürich, bei dem sie ihr Können zeigen und neue Kontakte knüpfen können. Seit 1989 haben über 2000 Bands am Zürcher Nachwuchsband-Festival teilgenommen. Für einige Artists war es das Sprungbrett in eine professionelle Musikkarriere, wie zum Beispiel für Faber, Evelinn Trouble, Sebass oder Pablo Infernal und in den letzten Jahren Cachita, Fräulein Luise und Lou Kaena. Vielleicht ist unter den diesjährigen Artists auch jemand dabei, von dem die Schweiz schon bald mehr hören wird!
DIZZY DISC
Den Auftakt machten Dizzy Disc, fünf Mädels aus Uster, die beweisen, dass Schulfreundschaften richtig coole Bands hervorbringen können. Gleich mit ihrem ersten Song entführten sie das Publikum in eine Indie-Pop-Folk-Welt voller authentischer Geschichten über das Erwachsenwerden: wie das Lieblings-T-Shirt nicht mehr passt oder wie man sich manchmal zurück in Zeiten wünscht, in denen vieles einfacher war. Seit über einem Jahr machen sie zusammen Musik, und man spürte bei jedem Ton: Diese Girls leben für die Bühne, sie interagieren mit dem Publikum, bringen es zum Singen und, trotz der Hitze, sogar zum Tanzen. Was ist aber genau Indie-Pop-Folk? Indie steht für Independent und bedeutet, dass man bewusst, aber sehr frei, verschiedene Stile und Elemente miteinander vermischt. Bei Dizzy Disc hört sich diese Mélange nach einer perfekten Mischung aus verträumten Melodien, ungewöhnlichen Instrumenten wie der Mundharmonika und ehrlichen Texten über die Höhen und Tiefen des (Jugend-)Lebens an. Dies kam im letzten Song «4 p.m.» am schönsten zur Geltung.
LEAHJOY
Man meinte, SZA wäre kurz auf den Winterthurer Kirchplatz gekommen: Mit ihren nur 20 Jahren bringt Leahjoy eine Stimme mit, die sofort unter die Haut geht. Ihre R&B-Interpretation war so gefühlvoll und persönlich, dass man jedes gesungene Wort richtig spüren konnte – Gänsehaut gleich beim ersten Song. Sie ist erst seit einem Jahr am Performen, aber schreibt schon seit längerem ihre eigenen Songs: kleine Geschichten aus ihrem Leben, die sie mit einer beeindruckenden Authentizität vorträgt. Auf die Bühne holte sie auch zwei Collab-Partner. Das Duett mit dem jungen Rapper BLUPRINZ aus Mellingen war unglaublich. Die beiden Stimmen ergänzten sich in ihrem starken Kontrast so gut, dass man meinen könnte, sie hätten schon seit Jahren zusammen musiziert. Mit viel Fuoco performten dann Leahjoy, ihre DJ La Candela und Aziza einen weiteren Song. Leahjoy zeigt ganz klar: Sie ist eine junge Künstlerin mit einer grossen Stimme und einem noch grösseren Herz für ihre Musik. Für Leahjoy geht es nach diesem Contest all-in in die Musikkarriere: Im September fängt sie in London ihr Musikstudium an.
601 Atemräuber: @Ethan Welty
Leahjoy: @Ethan Welty
Daetister: @Ethan Welty
Kerenitaa: @Ethan Welty
DAETISTER
Daetister kehrte als bereits bekanntes Gesicht zurück und zeigte erneut, warum er es verdient hat, ein zweites Mal im Band-it Finale zu stehen. Der Zürcher Singer und Songwriter Yves Daetwyler komponiert Alternative Rock mit einer ganz besonderen Note: Die eingängigen Melodien werden von einer Vielfalt an Instrumenten getragen, die zusammen ein einzigartiges Klangbild schaffen. Die kleine Panne, bei der eine Schraube aus der Gitarre fiel, brachte ihn und seine Band nicht aus dem Konzept, sondern zeigte noch besser, mit welcher Natürlichkeit und Echtheit sie auf der Bühne stehen. Ihre Musik lädt nicht nur zum Hören ein, sondern auch zum Nachdenken – genau so, wie gute Musik sein sollte.
ALTEA
Altea brachte nochmals R&B-Vibes nach Winterthur. Die aufstrebende Künstlerin, die bereits mit einem Pariser Label zusammenarbeitet, verschmilzt Afrobeat, R&B, Soul und Pop zu einem unwiderstehlichen Mix. Ihre Musik ist pure Lebenserfahrung – authentisch, berührend und voller persönlicher Geschichten. «Was für euch Dafalgan ist, ist für mich Musik.» Sie erzählt von ihrem Date, ihrem Schmerz und ihrem Herz. Sie tanzt, hat genau abgestimmte Choreografien und bewegt sich professionell im Bühnenlicht. Man sieht ihr an: Sie hat Spass und singt mit Leidenschaft und Können. Besonders ihre Ausschmückungen und Verzierungen bei vielen Schlusstönen lassen einen mit offenem Mund dastehen. Ihre Mischung aus Mundart-Soul mit internationalen Einflüssen zeigt, wie vielseitig Schweizer Musik sein kann. Sie ist ein Spiegelbild der multikulturellen Schweiz und wir staunen, was für schöne Kombinationen entstehen können, wenn man unterschiedliche Genres, Stile und kulturelle Elemente mischt.
CERAMIC DOVES
Holy Moly, dachte man sich nur, als die Performance zu Ende war: Power pur! Ceramic Doves brachten den Kirchplatz förmlich zum Beben. Die Ustermer Rockband lebt für elektrifizierende Live-Shows und kraftvolle Songs. Seit zwei Jahren rocken sie in ihren Vintage-Outfits die Bühnen und haben gerade ihr Debüt-EP «Ceramic Doves» aufgenommen. Für das Band-it Finale brachten sie drei neue Songs mit, bei denen die fünfköpfige Band ihr ganzes Temperament auslebte. Der letzte Song, «Painting Of My Love», handelt von einer zerbrochenen Liebe, die am Ende nur als Imagination im Kopf zurückbleibt, ein Bild der Liebe also. Alle Bandmitglieder waren voll in ihrem Element. Leadsängerin Dana brachte das Publikum zum Hüpfen, Tanzen und Mitsingen. Ihr Motto? Spass haben und loslassen – und genau das übertrug sich auf die mitvibende Menge!
KERENITAA
Mit Kerenitaa wurde es etwas ruhiger und emotionaler: Die Schweizer Künstlerin erzählt mit einfühlsamen Texten und sanften Melodien Geschichten über Verlust, Selbstfindung und das Loslassen. Sie bewegt sich somit in den Genres Indie-Pop und Dark-Pop. Trotz einer Angina brachte sie gemeinsam mit Tony Sonderegger an Schlagzeug und Bass ihre tiefe Musik live auf die Bühne. Inspiriert von Künstlerinnen wie Gracie Abrams und Billie Eilish steht ihre Musik ganz im Zeichen der Authentizität und der menschlichen Tiefen. Vor allem im Song «Minute Of Your Time» geht es um Liebe, die dann aber auf Freundschaft gekürzt wird: «In the end, I’m just a better friend.» Sie findet Worte für das, was viele von uns ebenfalls spüren, denken oder erlebt haben, sich jedoch nicht zu sagen getrauen. Ihre Musik widerspiegelt die Schönheit der Verletzlichkeit.
AMOS
«Wir sind nirgendwo glücklicher als gemeinsam auf der Bühne» – und das strahlte jedes einzelne der sechs AMOS-Mitglieder aus! Die Band lud das Publikum ein, in der Melancholie zu schwelgen und eingängige Melodien und Rhythmen zu geniessen. Die beiden Frontpersonen, Samuel und Iva, legten unglaublich schöne Duette hin: ihre Stimmen flossen ineinander und verwebten die Töne so miteinander, dass es richtig unter die Haut ging. Das Publikum lauschte in der Abendstimmung gebannt den vier Songs, welche die Band präsentierte. Der letzte Song «Castles Of Sand» trug einen an einen imaginären Sandstrand, der Sommervibe lag in der Luft und ging in die Ohren. Ihr Motto «Musik ist gut, wenn’s sich gut anfühlt» war Lebensgefühl pur und steckte definitiv an.
601 ATEMRÄUBER
Nach einer kurzen Pause mit viel Glockengebimmel der Winterthurer Stadtkirche ging es weiter mit der besten SchülerInnenband von 2025: 601atemräuber – frischer Sound direkt aus dem Bandworkshop der Kantonsschule Im Lee! Von rockigen Klassikern über groovige Pop-Covers bis zu tanzbarem Jazz brachten sie ein vielseitiges Repertoire mit. Das Besondere an 601atemräuber? Da sie eine Schulband sind, wechseln die Mitglieder jedes Jahr. Ein Teil der Band heimste den Titel der besten Schulband bereits letztes Jahr unter dem Namen «Sage Green» ein. Heute zeigten sie, dass sie trotz neuer Besetzung genau so gut eingespielt sind.
Amos: @Ethan Welty
Altea: @Ethan Welty
Ceramic Doves: @Ethan Welty
Dizzy Disc: @Ethan Welty
RANGVERKÜNDIGUNG
Sieben Acts, sieben Welten. Was am Samstagnachmittag auf dem Kirchplatz passierte, war mehr als nur ein Musikwettbewerb – es war ein stimmiger Sommertag in Tönen. Hier standen nicht nur MusikerInnen auf der Bühne, sondern junge Menschen mit ihren Träumen, Geschichten und dem Mut, diese vor Hunderten von Fremden zu teilen.
Die Jury hatte es nicht leicht. Wie vergleicht man die intime Verletzlichkeit von Kerenitaa mit der explosiven Energie von Ceramic Doves? Wie bewertet man die internationale Sophistikation von Altea gegen die authentische Direktheit von AMOS? Jeder Act war in seinem Genre zu Hause, aber alle vereint dasselbe: die Freude am Performen.
Doch wer gewann nun das Finale? Damit die Jury die Bands möglichst objektiv bewerten kann, arbeiteten sie mit drei Hauptkriterien: Musikalischer Gesamteindruck, Bühnenpräsenz, sowie Komposition und Arrangement. Nach ungeduldigem Warten erschien das Moderationteam Darian, Grâce und Leona auf der Bühne. Zusammen mit Salome und Elias von Fiddle Jammer gaben sie die GewinnerInnen bekannt: auf Platz vier Dizzy Disc, gefolgt von Ceramic Doves auf Platz drei und Altea auf dem zweiten Rang. Nach viel «Trommelwirbel» wurde es nochmals laut – AMOS wurde auf die Bühne geholt und gewinnt das Band-it 2025!
Am Ende zählte jedoch nicht nur die beste Performance, sondern auch dieser besondere Moment, in dem Publikum und KünstlerInnen miteinander verschmelzen, man den Menschen die Freude an der Musik ins Gesicht geschrieben sieht und alle eine geniale Zeit haben.
Hast du das Finale verpasst?
Keine Sorge, denn die 1. – 4. Platzierten kannst du am 31. August nochmals erleben. Sie treten dann im Moods in Zürich auf, wo es für sie einen Videodreh und eine Abschlussparty gibt.
Ich sitze am Gate 2 des Flughafens Lomé. Vor einigen Monaten wusste ich nicht einmal, dass es eine Stadt gibt die Lomé heisst, und schon gar nicht wo diese Stadt liegt. Jetzt, die Uhr viel Zeit nach vorne gedreht, nach einem Monat in der Hauptstadt Togos, Lomé, blicke ich auf einige der lehrreichsten, schönsten und interessantesten Wochen meines Lebens zurück. Es fällt mir schwer, Lomé hinter mich zu lassen. Es fühlt sich an, als hätte ich schon immer hier gelebt, als wäre dies mein ganz normales Leben. Doch ich weiss, dass es sich wie ein Traum anfühlen wird, wenn ich wieder am Flughafen Zürich sein werde, wo alles so sauber, ordentlich und perfekt ist. Wie weit weg sich die Schweiz doch angefühlt hat. Wie viele Erinnerungen ich in diesen Wochen geschaffen habe. Wie sehr ich mich entwickelt habe. Wie viel ich gesehen, gespürt und erlebt habe. Wo soll ich nur beginnen?
Der erste Eindruck
Ich denke an meine Abreise zurück, und erst nach einigem Studieren fallen mir die Abschiedsgrüsse meiner Familie am Flughafen Zürich wieder ein. Darauf bin ich in den Flieger nach Paris gestiegen, habe dort vergeblich versucht ein Kabel für meine Garmin Uhr zu finden. Meine Uhr, die meine Schritte, meinen Schlaf, mein Energie-Niveau, meinen Kalorienverbrauch und meine sportlichen Aktivitäten trackt. Da ich keines gefunden habe, beschloss ich, die Uhr abzulegen – so wie ich beschlossen habe alle Ordnung, Kontrolle und Struktur meines Lebens in der Schweiz abzulegen. Ich war bereit für das Abenteuer Lomé. Ich war bereit, in ein unbekanntes Land zu reisen, in dem ich nur zwei Personen kannte. Ich war bereit das Chaos, die Ungewissheit und das Unbekannte zu erkunden.
Im Flugzeug nach Lomé schaute ich den Film «Wicked», in dem Elphaba, die Hauptfigur, in die unbekannte Stadt «Emerald City» reist. Im Wicked-Film wird die Emerald City als monumentale, vertikale Fantasiemetropole dargestellt. Die Stadt wirkt grandios und traumhaft. Es wimmelt nur so von freudigen Menschen, grünen Pflanzen und schimmernden Lichtern. Noch wusste ich nicht, dass die fiktive Stadt Emerald City und Lomé absolute Gegensätze sein würden.
Ich wurde am Lomé Flughafen abgeholt, vom Vater der Familie, mit der ich die nächsten Wochen leben würde. Ich habe ihn und seine Tochter diesen Winter in den Bergen kennengelernt – ich war ihre Skilehrerin. Nun treffen wir uns nach einigen Monaten auf der anderen Halbkugel der Welt wieder. Wir fahren durch die Stadt, es ist schon dunkel. Die Strassen sind knapp beleuchtet. Während die «Emerald City» aus dem Film in die Höhe strebt mit ihren monumentalen Türmen und vertikalen Prachtbauten, breitet sich Lomé horizontal entlang der Atlantikküste aus, verwurzelt in der Realität des westafrikanischen Alltags. Mit der Realität wurde ich gleich konfrontiert, als wir an einem Unfall vorbeifuhren. Es lagen Menschen auf der Strasse; Autos und Motorräder waren komplett kaputt. Menschen standen herum, aber niemand half den Verletzten. «Mais personne ne les aide», sagte ich verzweifelt. «Non, c’est normal ici. C’est un grand problème», bekam ich zur Antwort. Was ich da zum ersten Mal sah, würde ich noch viele weitere Male sehen und zu hören bekommen: In Togo gibt es niemanden, nichts, der einem in Krisensituationen hilft. Du bist vollkommen auf dich allein gestellt. Dein Überleben liegt in deinen – oder, wenn du daran glaubst, in Gottes – Händen. Nach dieser Szene fühlte ich mich tatsächlich wie im Film.
Foto aus dem Autofenster, Lomé, Mai 2025: zu fünft auf dem Motorrad – in Togo ganz normal
Das Praktikum in der Juice-Fabrik
Ich war unendlich froh, dass ich als eine der wenigen Touristen im Land nicht ganz auf mich allein gestellt war. Ich lebte mich nämlich sehr schnell in das Familienleben meiner Gastfamilie ein. In der ersten Woche begleitete ich vor allem den Vater der Familie. Er ist der Gründer und Direktor seiner eigenen Juice-Firma. Er macht aus lokalen Früchten und Rohstoffen hochwertigen Juice, den er vor allem in Togo selbst verkauft. Ich ging an seine Meetings mit, war Teil der wöchentlichen Degustationen und bekam einen Einblick in den bürokratielastigen Alltag eines kleinen Unternehmens. Ich lernte das Leben eines Entrepreneurs kennen, der es in einem fremden Land geschafft hat, ohne Wissen, Wurzeln und Vitamin B ein erfolgreiches Unternehmen zu führen. Er ist einer der wenigen, der in Togo selbst produziert und die lokalen Rohstoffe nicht exportiert, sondern vor Ort in ein Produkt umwandelt.
In der ersten Woche ging ich ausserdem an einem Tag mit der «Commerciale» mit. Sie ist verantwortlich für die Beziehung zwischen dem Unternehmen und den Kunden. Jeden Tag besucht sie mit ihrem Motorrad verschiedene Kunden, fragt, ob es Probleme gab, welche Juices sich besonders gut verkaufen, ob der Kunde eine neue Bestellung aufgeben möchte. Zudem soll sie sicherstellen, dass die Juices den bestmöglichen Platz im Laden bekommen; sie achtet auf die Platzierung im Regal, auf die Präsentation der Flaschen und vergleicht mit der Konkurrenz. An einem Tag sah ich alle verschiedenen Arten von Kunden: Tankstellen, Restaurants, Hotels, Cafés, Minimarkts und grössere Lebensmittelverteiler – alle mit unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen. Doch das Ziel des Unternehmens ist immer das Gleiche: auf diese eingehen und eine möglichst lukrative Beziehung zum Kunden aufbauen.
Ich hatte mich ebenfalls dazu entschlossen, für einen Tag in der Produktion mitzuarbeiten. Am Morgen um 8 Uhr war ich da, in meiner weissen Arbeiteruniform. Auf dem Arbeitsplan standen 620 Liter Mangosaft. Der Tag begann damit, reife Mangos auszusortieren und diese zu waschen. Danach wurde jede einzelne Mango aufgeschnitten und auf ihre Qualität überprüft. Ungewohnt für mich, mit einem riesigen Messer um den Kern der Mango zu schneiden, betete ich still vor mich hin, dass ich ohne einen Schnitt davonkommen würde. Ich war umso erleichterter, als dann die Zentrifuge hervorgeholt wurde und ich helfen durfte, die Mangostücke oben in die Maschine zu leeren und dann mit Zufriedenheit zuzusehen, wie langsam Mangopüree auf der anderen Seite unten rauskommt. Dieser Vorgang wurde noch einige Male wiederholt, bis nur noch Mangosaft ohne Fasern übrigblieb. Der Saft wurde in riesige Kessel geleitet, wo er dann nach Geheimrezept zubereitet wurde. Über andere Leitungen gelangte der vervollständigte Saft dann zur Pasteurisierungsmaschine, worin er auf eine genaue Temperatur erhitzt wurde, bevor er dann in die Glasflaschen abgefüllt wurde. Als wir um die Mittagszeit schon beim Abfüllen waren, dachte ich, der grösste Teil sei geschafft. Irren ist menschlich: Das Abfüllen dauerte mehrere Stunden, und die Etikettierung hatte ich wohl ganz vergessen gehabt. Also verbrachte ich den Nachmittag damit, die Etiketten von Hand auf die Flaschen zu kleben.
Das Team war eingespielt: Jeder wusste, wann welcher Schritt zu erledigen war. Sie arbeiteten fleissig und geschmeidig. Für die erste Stunde empfand ich die Arbeit als eine Art Meditation. Ticktack, ticktack. Ticktack. Nach einiger Zeit wurde die dauerhafte Repetition mühselig. Mein Gehirn wollte eine andere Art von Stimulation. Doch das erlaubte ich ihm nicht. Ich arbeitete einfach wie die anderen Arbeiter schön weiter: Etikette nehmen, bepinseln, ankleben. Etikette nehmen, bepinseln, ankleben. Ticktack, ticktack, ticktack. Und so tickten die Stunden dann vorbei.
So hautnah mitzuerleben, wie eine Mango vom Baum zum Mangosaft in der Flasche wird, hat mir die Augen geöffnet. Mir wurde bewusst, wie unglaublich dankbar ich bin, nicht jeden Tag diese Art von Arbeit erledigen zu müssen; die Wärme und Schwüle macht die schon intensive körperliche Arbeit zu einer Herausforderung. Mental braucht es Stärke, mehrere Stunden lang auf einem Schemel zu sitzen und die gleiche Etikette auf hunderten von Flaschen anzubringen. Nie zuvor hatte ich mir genauere Gedanken darüber gemacht, wie viele Zwischenschritte und Überlegungen es braucht, um die Verwandlung einer Mango zu ermöglichen. Wenn ich jetzt im Laden oder zuhause ein Produkt in den Händen halte, kann ich mir mit Bildern, Emotionen und Erfahrungen vorstellen, wie viel es dafür gebraucht hat, dass ich es jetzt, so wie es vor mir steht, konsumieren kann.
Projekt mit Effekt
Nach einer Woche hatte ich also schon ein Bild, wie die Kundenbeziehungen, die Produktion und das Unternehmen aufgebaut waren und wie, was vonstatten ging. Ich wurde gefragt, was ich denn die restliche Zeit gerne machen wollen würde. Ich erklärte, dass die Säfte zweifelsohne unglaublich lecker schmecken und ich von diesen mehrere am Tag trinken wollen würde. Nun, in der Realität würde ich das als gesundheitsbewusster Mensch nie machen, da die Säfte von Natur aus viel Zucker enthalten. Ich würde meinem Körper keinen Gefallen tun.
Nun war mir auf diese Weise eine Idee gekommen. Mein Projekt: «Detox-Juices». Und genau das war es, was ich die restliche Zeit noch in Togo machte. Ich recherchierte diverse lokale und exotische Früchte, Gemüse, Kräuter, Gewürze und Pulver, die ich für die Detox-Säfte benutzen könnte. Es war unglaublich zu lernen, was es alles für Zutaten gibt, die ich von zu Hause gar nicht kannte: Kolanüsse, Zitronengras, Baobab, Hibiskus, Moringa, Tamarind – die Liste geht weiter.
Danach erstellte ich erste Rezepte nach unterschiedlichen Funktionen und Farben: rot, gelb und grün, mit je unterschiedlichen Wirkungen – der eine stimulierend, der andere reinigend, der andere verdauungsunterstützend. Ich ging an den lokalen Markt, um die Zutaten zu besorgen, und begann, erste Testversionen mit der Produktion herzustellen. Mit den Testversionen machten wir intern Degustationen, experimentierten mit den daraus gewonnenen Verbesserungsvorschlägen und Änderungen. Dieser Prozess wiederholte sich zig Male. Bevor ich dann abreiste, entwarf ich passende Etiketten, durfte die aktuellste der Testversionen meines Lieblingssaftes mit nach Hause nehmen und Freunden und Familie zum Probieren geben.
Die drei Detoxsäfte, Probeversionen
Das einheimische Togo
Während sich meine Engsten mit den Säften in etwa vorstellen konnten, was ich in Togo so gemacht hatte, gab es vieles, das ich ihnen nicht zeigen, sondern nur erzählen konnte: wie die Menschen so waren, welchen Eindruck Togo bei mir hinterlassen hat, was ich fürs Leben gelernt hatte.
Während meinem kleinen Praktikum in der Juice-Fabrik versuchte ich manchmal, mit den anderen Arbeitern zu sprechen, um etwas über sie und ihr Leben zu erfahren. Es war schwierig, sie zu erreichen. Die meisten trauten sich kaum, etwas über sich selbst preiszugeben, und erst nachdem sie ein wenig Vertrauen in mich geschöpft hatten, bekam ich eine zaghafte Antwort. Viele der Arbeiter waren nur einige Jahre älter als ich. Sie alle hatten begonnen zu studieren, aber nur wenige hatten tatsächlich einen Abschluss bekommen können. Stipendien gibt es nur wenige. Die Glücklichen, die sie erhalten, gehen ins Ausland studieren und kommen nur selten zurück in das Land. Für die Restlichen war in fast allen Fällen gegen Ende einfach kein Geld mehr da, um die Universitätsabgaben zu bezahlen.
So auch bei der Commerciale, mit der ich etwas mehr Zeit hatte zu sprechen, da ich mit ihr einen ganzen Tag unterwegs war. Sie sagte, im Vergleich zu ihren Freundinnen könne sie sich nicht beklagen. Viele in ihrem Umkreis haben schon Kinder, die Zeit, Energie und Geld in Anspruch nehmen. Sie dagegen wohnt allein, hat ein eigenes Motorrad (was als Luxus zählt) und hat ein stabiles Einkommen. Dieses Einkommen reicht meistens, um über die Runden zu kommen, doch manchmal muss auch sie von der Bank leihen, wenn zusätzliche Kosten entstehen. In ihrer Freizeit kocht sie gerne und schaut Netflix-Serien. Für Sport habe sie keine Energie, wenn sie nach Hause kommt. Ihr grösster Traum ist es, ins Ausland zu gehen – Togo zu verlassen. So wie alle in ihrem Land es sich wünschen.
An diesem Tag sah ich viele verschiedene Zonen von Lomé – von reich bis arm. Was mir schon die ganze Zeit sehr ins Auge gestochen war, war, wie gut alle togolesischen Frauen gekleidet und gestylt waren. Ich fühlte mich in meinen Jeans und einem unifarbenen T-Shirt wirklich sehr underdressed. Ich fragte mich oft: Wieso legen die Menschen hier so viel Wert auf ihr Äusseres, wenn sie kaum das nötige Geld aufbringen können, um die Grundbedürfnisse zu decken?
Als ich später dann auch noch erfahren habe, dass die togolesischen Frauen manchmal bis zu einem Drittel ihres Einkommens für ihre Haare aufwenden, wurde ich wirklich nachdenklich. Nach einem Monat in Togo kam ich zu einer möglichen Schlussfolgerung: genau deswegen – weil Menschen in Togo sonst nicht vieles haben, ist es ihnen wichtig, wenigstens das, was ihnen niemand wegnehmen kann, nämlich sich selbst, zu pflegen und zur Schau zu stellen. Es ist eine Art, die menschliche Würde aufrechtzuerhalten und eine Art, Respekt gegenüber sich selbst zu zeigen. Es ist eine Art zu sagen: Egal wie wenig ich habe – mit dem, was ich habe, mache ich das Beste daraus.
Ob das stimmt oder nicht, weiss ich nicht. Es ist eine meiner eigenen Thesen, um eine Antwort auf eine tief verwurzelte Tradition Togos zu finden.
Die Kleidung war zum Beispiel ganz anders gewesen in Kenia, wo sich die Menschen ähnlich wie in Europa anzogen. Schon bei meiner Ankunft war ich erstaunt, wie vieles sich in Togo von den Menschen, der Kultur und der Gesellschaft unterschied, die ich in Kenia kennengelernt hatte. Dort waren alle so offen, voller Energie und immer in Partystimmung. Das Leben war ein Tanz, Musik hörte man überall – egal ob auf den Strassen oder im Wohnzimmer der Oma. Sogar auf dem Weg zur Arbeit war Party angesagt gewesen: in den sogenannten Matatu-Bussen. Auch dort konnte das Leben hart sein, die Regierung korrupt und die Entwicklung nur langsam am Voranschreiten. Aber die Menschen hatten Lebensfreude – sie lächelten und feierten das Leben.
Es ist tadelswert, aber: In Togo hatte ich irgendwie dasselbe erwartet. Doch hier sah man den Menschen ihr hartes Leben an. Das Lächeln war in zusammengezogene Augenbrauen ausgetauscht worden. Das Lachen in Pusten und Seufzer. Die Lockerheit in Verspannung. Die Menschen, die ich auf den Strassen sah, wirkten meist energie- und freudelos. Einmal sah ich einen Vater, der seinen lachenden Sohn in die Arme schloss und lachte. Ich dachte mir, dass dies wohl eines der ersten Male war, dass ich in Lomé auf der Strasse jemanden von Herzen lachen gesehen hatte. Ich lernte, dass Ostafrika nicht Westafrika ist. Selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass Osteuropa nicht Westeuropa ist. Ost und West – in beiden Fällen unvergleichbar.
Das expatriierte Togo
Während die einen davon träumen, wegzugehen, erfüllen sich die anderen den Traum, hinzuziehen: Ein ganz anderes Leben als die Einheimischen lebten nämlich die Expats in Lomé. Ich lernte vor allem die französische Community von Expats in Lomé an einigen Partys und Anlässen kennen. In diesen Momenten fragte ich mich, wie ich einige Stunden davor noch mit Menschen gesprochen hatte, die kaum Geld für ihr Essen hatten. Ich sah den gegensätzlichen Lifestyle der Menschen, die ihr Land hinter sich gelassen hatten, um nach Togo zu kommen. Die Diskrepanz und Kluft der beiden Lifestyles: immens.
Mein Gastvater hatte mir schon von Anfang an gesagt: «Menschen, die hierherkommen, sind crazy. Sie müssen unabdingbar crazy sein, sonst wären sie nicht hier.» Das bedeutete indirekt, dass seine Familie – und auch ich – crazy waren, was man vielleicht so sagen kann. An vielen Anlässen wurde meine «Craziness» getestet. «Niemand kommt einfach so hierhin», wurde oft der Frage, wieso ich denn in Togo sei, nachgestellt. Ich sagte ihnen, dass ich mich so gut mit der Familie verstanden hatte, als ich sie in den Bergen als Skilehrerin angetroffen hatte, und neugierig geworden war, als die Tochter mir erzählte, sie lebe in einer Stadt namens Lomé.
Oft konterte ich daraufhin mit derselben Frage und bekam fast immer dieselbe Antwort: Europa sei ihnen zu langweilig geworden, sie hätten Lust auf ein Abenteuer gehabt. Denn das Leben in Togo ist für Europäer zweifelsohne ein Abenteuer. Vieles ist so anders.
Was ich mit «Vieles» meine: das Klima – die konstante Hitze mit der drückenden Schwüle. Die Politik – Togo ist auf dem Papier eine Demokratie, aber komischerweise wird der Präsidententitel familiär vererbt. Das Arbeitsethos – man macht so viel, dass man selbst über die Runden kommt. Nicht mehr, aber vielleicht weniger. Dazu gehört selbstverständlich der Mittagschlaf am Strassenrand – auch im Anzug erlaubt. Denn das Motto der Kleidung lautet: Egal wie heiss es ist, man zieht sich gut an. Ausser die Kinder – die rennen in nur Unterhose auf der Strasse herum.
Der Verkehr – der Stärkere überlebt. Die Strassen – sie sind lehmrot, nicht asphaltschwarz. Die Ampel – an manchen Kreuzungen machtlos, denn obwohl sie rot schreit, wird aufs Gas gedrückt. Man muss nur wissen, an welche Kreuzungen. Das Trinkwasser – in Plastiksäcken («Doch wie öffnet man es?», fragte ich mich. «Mit den Zähnen», bekam ich als Antwort). Die Mentalität – ein Tag nach dem anderen, denn es interessiert sowieso niemanden, was am Tag zuvor oder danach gemacht wird. Die Zeit – es gibt nur das Hier und Jetzt, alles andere ist irrelevant. Zuletzt ist auch die Freiheit eine andere.
In Europa verkörpert sich Freiheit oft in konkreten Rechten: der Macht des Wortes gegen die Obrigkeit, der Stimme bei Wahlen, dem Geld als Türöffner zu materiellen Wünschen, der Bewegung ohne Grenzen. Diese Freiheit sammelt Möglichkeiten wie Werkzeuge in einer Kiste – je mehr, desto freier der Mensch. In Togo hingegen entdecken viele der Expats eine Freiheit der Abwesenheit. Hier ist frei, wer sich von den unsichtbaren Fäden, die Familie und Gesellschaft um das Leben spinnen, lösen konnte. Frei von den Blicken der Nachbarn, frei von den Erwartungen der Eltern, frei von Verpflichtungen, die nie gewählt wurden. Es ist die Freiheit des Loslassens. Das gibt ihnen die Freiheit, ganz zu tun und zu sein, wie sie es sich wünschen – ungefiltert, unmoralisch und ungezügelt.
Und das schockierte mich von Anfang bis Ende immer wieder. Doch die Europäer in Togo sind an sich nicht einmal so viel anders als die Europäer in ihren Ländern. Sie haben einfach aufgehört, sich der Gesellschaft, in der sie gross geworden sind und aus der sie kommen, zu biegen. Sie sind aus dem beengenden Korsett gestiegen und haben es in ein luftiges afrikanisches Gewand eingetauscht. Sie haben ihre Uhren eingetauscht. Die Zeit hat sich für sie verändert. Für manche haben sich die Abstände zwischen dem Tick und dem Tack vergrössert. Für andere ist sie ganz stehen geblieben. Und für diese Menschen fühlt sich das nach Freiheit an. Und vielleicht ist es das in ihrer Welt auch.
Und somit stehen sich zwei Philosophien gegenüber: Die eine fragt, was sie nicht hat, aber haben will – die andere, was sie hat, aber nicht haben will. Die eine baut auf, die andere lässt los. Beide suchen wahrscheinlich, wie alle Menschen, dasselbe: Ort, Raum und Umgebung, in denen der Mensch er selbst sein kann, sich verwirklichen, sich frei fühlt. Doch ihre Vorstellungen und Wege dahin könnten unterschiedlicher nicht sein.
Als ich jedoch sah, in wie viel Geld und Luxus das Leben der Expats oft getränkt war, fragte ich mich, ob diese Menschen denn wirklich freier und glücklicher sind als die Einheimischen in Togo oder als die Europäer in Europa. Meine Gastfamilie – auf jeden Fall. Auch andere. Die, die ihren Weg gefunden haben. Die, die in ihrem Leben einen Sinn gefunden haben. Die, die sich im Spannungsfeld zwischen Sein, Besitzen und Tun orientieren gelernt haben.
Doch die meisten Expats waren in meinen Augen vor allem eines: lost. Und so fragte ich mich: Sind diese Partys, diese (ausserehelichen) Abenteuer und diese Extravaganz nicht einfach eine Fassade? Ein Aushängeschild, auf dem geschrieben steht: «Zero fucks given, life is good, I am free» – um genau das, ein freies, tolles Leben, vorzuspielen? Eine scheinbare Fülle? Ist es nicht, als wollten genau diese Menschen etwas beweisen? Wieso haben sie ein so grosses Bedürfnis nach Ansehen, Aufmerksamkeit und Bestätigung? Liegt darin nicht vielleicht die grösste Unzufriedenheit von allen? Wenn die Zeit – trotz glitzernder Rolex am Handgelenk – stehen bleibt, du stehen bleibst auf deinem Weg oder ihn gar nie gefunden hast? Wenn du dich von Ketten gelöst zu sein glaubst, aber diese dir unbewusst immer noch ins Handgelenk schneiden?
Das meine Togo
Sie sagten mir, sie wollten Abenteuer. Doch ihre Wahrheit ist – so glaube ich doch –, dass viele der Expats in Togo wohl eher vor etwas in ihrem Heimatland geflüchtet sind: verhedderte Beziehungen, belastete Familiengeschichten, gesellschaftlicher Druck, finanzielle Handschellen – oder vor sich selbst.
Ich sagte ihnen, ich war neugierig. Doch meine Wahrheit ist, dass auch mir mein Land zu viel wurde. Im Land der Uhren, das selbst aufgebaut ist wie eine – in dem alles wie die tausenden von Zahnrädern einer Uhr reibungslos und geschmeidig läuft. Wo die grösste Angst ist, dass diese Zahnräder mal langsamer laufen, dass ein Zahnrad nicht mithalten kann und das System versagt. Auch ich wollte kurzzeitig fliehen. Vor vielem. Meine Reise nach Togo war ebenfalls eine Flucht. Aber eine Flucht, vor der ich keine Furcht gehabt hatte. Ich hatte mich dort mit Menschen ausgetauscht, Menschen beobachtet, Menschen zugehört – und mich an Menschen gebunden. Dies hatte mich über Menschen gelehrt. Vor allem über mich als Mensch. Ich brauchte dies, um einzusehen, dass meine Flucht nur temporär war – und dass ich die Zahnräder eigentlich mag, wenn ich sie aus etwas mehr Distanz beim Ticken zuschauen kann. Nach Togo sah ich klarer. Ich sah die Uhr als Gesamtheit, mich als kleines Zahnrädchen in einem System. Ich sah, dass jeder Mensch wiederum seine eigene Uhr besitzt. Dass Zeit universell existiert und doch persönlich empfunden werden kann. Dass sie manchmal fliegt und manchmal stehen bleibt. Und dass dies in Ordnung ist, solange man sich dessen bewusst bleibt – und sie nicht für immer stehen bleibt.
Als ich wieder zuhause war, überrumpelte mich keine der Uhren mehr. Im Gegenteil: Ich hatte das Bedürfnis, meine Uhr wieder anzulegen, die Zahnräder wieder drehen zu sehen, den Fortschritt wieder messen zu können. Die Zeit, in der ich meine persönliche Uhr abgelegt hatte, war eine Zeit, in der ich meine Uhr und die Uhr, von der ich Teil bin, studieren konnte. Eine Zeit, in der ich Teile meiner Uhr neu zusammengebaut hatte. Eine Uhr, die jetzt anders tickt als bevor ich nach Togo ging. Eine Uhr, in der die grossen, komplizierten und schwer zugänglichen Zahnräder – wie Freiheit, Lebenssinn und Glück – ausgebaut worden waren. Eine Uhr, die viel verzahnter geworden ist, aber mir gleichzeitig etwas Orientierung, Klarheit und Weitsicht gegeben hat.
Denn ich habe eingesehen, dass ein Weglegen meiner Uhr nötig gewesen war, um einzusehen, dass ich das Ticken meiner Schweizer Uhr mag. Dass ich auf dem richtigen Weg bin – und manchmal nur etwas weniger auf meine Uhr schauen soll, um mich stattdessen umzuschauen, wo ich mich auf meinem Weg befinde. Denn dieser Weg ist vielleicht nicht immer perfekt wie eine tickende Uhr, aber es ist mein Weg. Und das macht ihn für mich wunderschön.
Ich auf einer Wanderung in Kpalimé, im Innern von Togo
Ich frag mich Was passiert mit uns Jungen? Rauch in unseren Köpfen und Lungen Kein Herz auf den Zungen
Doch ein Herz für ein Bild, einen Beitrag, auf dem man sich stellt als wär’s immer Freitag alles immer übertrieben, geheuchelt gut Zu viel Dopamin im Blut in einer Welt, die nie ruht in einer Welt aus einer endlosen Flut
Eine Flut aus Impressionen Schnell kommen die Depressionen bei diesen endlosen Prästationen Bilder, Fotos, Pics und Snaps Das Leben spielt in diesen Apps
Ein Spiel ist das Leben, in dem wir nach Erfolg streben Erfolg für uns scheint Geld abzuheben Zu scheinen in jedem Lebensbereich Besser zu sein im Vergleich
Gleich und doch ganz fremd Wenn man an diese Generation denkt, in der man einander kaum Zeit schenkt und in der man vor seiner Realität rennt, Leute nur von Insta her kennt, wo man besser ist, intransparent auch wenn es andere kränkt denn alle sowieso abgelenkt nur so wird man anerkennt
nicht im Moment Moment festhalten, Stories, Momente, alles gemacht Doch war ich da? wirklich da? hab ich mir gedacht
Ein Leben um Momente perfektionieren Ohne überhaupt zu reflektieren Nur um sich zu ameliorieren
Ein Leben um Statements machen Ohne zu diskutieren Die Zunge nicht im Zaum Denn wir sind ja nur im digitalen Raum
Alles doch nur ein Traum Träume die sind Schäume Doch für die Instastory gehört ein Schaum dazu Der Traum perfekt zu sein In einer Welt ohne ein nein In einer Welt mit Schein
Auf das Äussere liegt der Fokus Neue Lippen, neuer Bizeps Hokus Pokus Schönheitswahn Oder, wenn du willst, Erlebniswahn
Wann ists genug Von diesem künstlichen Glücksschub? Alles nur ein Flug In eine Dunkelheit die sich grub Wo man Angst hat vor Betrug Denn niemand, nichts ist echt Wo bleibt unser Recht Wo bleibt die Loyalität Wo bleibt die Realität
Alles einfach weggefegt Wenn nur das Äussere zählt Und nicht was das Herz wählt In dieser Generation so viel das fehlt Das ist’s was mich so quält
In einer Generation der Qual der Wahl Was sagt dir die Zahl Die Zahl auf deinem Test deiner Folger Nachfolger von morgen Was ist aus uns geworden Die Welt voller Sorgen Niemand mehr geborgen
Bilder, Fotis, Pics und Snaps Stories, Momente, alles gemacht War ich da, wirklich da, hab ich mir gedacht
Wer sind wir dann am Schluss, unsere Generation Gibt’s da irgendwann eine Regeneration?
Wir, zusammen mit der Natur Wieder rein, authentisch, pur Alle wieder pur und die Bäume grün Ohne diese Geräte und das ständige Bemüh’n
Einfach ganz aus sich selbst zu blühen Um wieder uns selbst zu sein Die Stimme zu finden, vom inneren Kindlein Zurück zu dem, was zählt Und was dein Herz wählt
Weg von Bilder, Fotis, Pics und Snaps Stories, Momente, alles gemacht Ich war, wirklich da, hab ich mir gedacht Und am Schluss noch gelacht Was passiert mit uns Jungen?
Der Dezember ist für viele eine stressige und intensive Zeit: Semesterprüfungen, Weihnachtsessen, Weihnachtsgeschenke, Jahresbilanz, Ziele für das nächste Jahr. Wir vergessen fast, die Zeit der Liebe richtig zu geniessen – auf jeden Fall ging es mir in den letzten paar Dezember oft so. Ich hatte so viel los, dass ich nicht mal richtig in Weihnachtsstimmung kam, ganz plötzlich war das letzte Türchen im Adventskalender auch schon auf und Heiligabend stand an.
Doch im Jahr 2024 war es anders für mich. Ich habe während meiner Zeit in Italien gelernt, das Leben etwas lockerer zu nehmen, einfach mal zu sein, den Moment geniessen. Vor allem in Sizilien schien es so, als wäre Zeit etwas Endloses, als würden die Uhren dort langsamer ticken. Vielleicht können wir emsigen Schweizer uns gerade jetzt in den dunkelsten Tagen des Jahres von den Sizilianern eine Scheibe abschneiden?
Denn sogar Goethe sagte einst nach seiner Sizilienreise: «Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem». Die grösste Mittelmeerinsel hat nicht nur Goethe restlos begeistert, sondern auch mich. Die sechs Wochen als Au-pair in einer palermitanischen Familie lassen sich nicht mit einem Wort beschreiben. Doch im Folgenden versuche ich, meine Erfahrungen, Gefühle, Eindrücke, Stimmungen und Kulturschocks mit einer kleinen Ansammlung von Wörtern zusammenzufassen.
Palermo: kurzweiliger Kulturschock und Könige
Nach idyllischen Tagen in Tropea, Kalabrien war es Zeit für mich, endlich mal länger als einige Nächte unter demselben Dach zu verbringen. Es war Zeit für Palermo. Mit dem Zug fuhr ich von Tropea nach Villa San Giovanni. Von dort aus die Fähre nach Messina und dann nochmals eine Zugfahrt nach Palermo. Am Bahnhof von Palermo holten mich meine Gastmutter und mein Gastbruder ab – tatsächlich stilecht mit einem Fiat Panda. Die Fahrt durch Palermo war meine erste Lektion in italienischer Fahrkultur: Ampeln sind Richtlinien, Vorschriften Empfehlungen, Zebrastreifen Rennstrecken. Meine Gastmutter erklärte mir schmunzelnd: «Wer in Palermo fahren kann, kann überall fahren». Das Haus hatte ich auf Google Maps schon etwas gestalkt, daher wusste ich, dass die Familie eher wohlhabend sein musste. Doch die Villa, vor der wir hielten, war noch imposanter als gedacht. Die drei-Meter Mauer mit Stacheldraht versehen, das elektrische Tor mit Handyapp zu öffnen. Mein Gastvater begrüsste mich herzlich und zeigte mir mein Zuhause für die nächsten paar Wochen: Es war ein kleines Cottage neben der grossen Villa. Nichts Besonderes, jedoch hatte ich meine eigene Küche und mein eigenes Bad. Nach einem grossen Putz fühlte ich mich allmählich im Cottage wohl.
Die ersten paar Tage lassen sich wohl am besten mit «gewöhnungsbedürftig» beschreiben. Ich lernte den italienischen Alltag kennen. Mittagessen: um 14 oder sogar 15 Uhr, jeden Tag Pasta. Abendessen: ebenfalls sehr spät. Kommunikationsart: laut und Schimpfwörter-lastig (unmöglich einen Streit von einer normalen Konversation zu unterscheiden). Busse: Fahrplan nach Lust und Laune der Busfahrer. Die Menschen: direkt aber herzlich, gastfreundlich, offen, gesprächig und lustig. Gefahren: Strassenüberquerung, Overeating (resistance is futile), bestimmte Quartiere im Süden der Stadt bei Nacht.
Ich pendelte mich langsam, aber sicher ein. Ich ging jeden Tag ins nahegelegene Fitnessstudio, lernte dort eine Menge «Palermitani veri» also echte Palermitaner kennen. Das Gym war eines der Besten, das ich je besucht habe: private Trainer, hochmoderne Geräte und die Musik genau mein Geschmack (Rap, R&B, Pop, Hip-Hop). Menschen allen Alters waren dort, manchmal mehrere Generationen. Nonna, Mamma und Bambino. Zudem ging ich an Veranstaltungen der Gruppen «Expats in Palermo» und Erasmus-Studenten: Paddel, Buchclub und Wanderungen. Ich traf auf so viele grossartige und herzliche Menschen, mit denen ich während meiner Zeit in Palermo immer wieder Ausflüge machte und zusammen die Stadt erkundigte.
Die Stadt Palermo hat nämlich so viel zu bieten. Einerseits alle Sehenswürdigkeiten, die von den unterschiedlichen kulturellen Einflüssen erzählen. Das wohl berühmteste Gebäude Palermos ist die Kathedrale. Diese wunderschöne Kirche ist mit ihrer normannisch-arabischen Bauweise und ihrem hübsch gestalteten Vorplatz ein wahrer Hingucker. In der Altstadt findet sich ebenfalls die Strasse Via Vittorio Emanuele, die in die schönste Kreuzung, der «Quatro Canti» endet.
Das Palazzo dei Normanni (auch Palazzo Reale genannt) wurde in allen Reiseführern ebenfalls als ein Must-Visit betitelt und ich stimme vollkommen zu, dass dies zutrifft. Seit 1947 ist der Palast Sitz des sizilianischen Parlaments und gehört seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe.[1]
Der Königliche Garten von Palermo, neben dem Normannenpalast gelegen, war ursprünglich ein privater Rückzugsort der normannischen Könige. Heute ist er eine grüne Oase mit exotischen Pflanzen, Brunnen und kleinen Pavillons. Im 19. Jahrhundert teilweise als Wildpark genutzt, dient er inzwischen als Naherholungsgebiet für Einheimische und Touristen (wie mich, die die schöne grüne Natur der Schweiz vermisste).[2]
Die Cappella Palatina im Normannenpalast, 1130 von Roger II. erbaut, gehört ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe und ein Meisterwerk normannisch-arabisch-byzantinischer Kunst. Ihre goldenen Mosaiken, islamisch verzierte Holzdecke und kulturelle Vielfalt machen sie zu einem der bedeutendsten Monumente Siziliens.[3] Wer wie ich noch nicht zu viel von Kirchen und Kultur hat, sollte sich unbedingt auch die «Chiesa del Gesù», «Chiesa San Cataldo», «Piazza Bellini» und «Piazza Pretoria» ansehen. Palermo ist ein lebendiges Museum unter freiem Himmel.
Als Ausgleich zur vielen Kultur und Kulinarik gingen meine Freundinnen und ich oft auch Wandern. Ein Must-Visit ist auf jeden Fall Palermos Hausberg «Monte Pellegrino». Von dort aus sieht man auf den türkisen Traumstrand von Mondello hinunter und kann die sonst so hektische Stadt voller Ruhe von oben aus Vogelperspektive betrachten. Da Palermo von Gebirgen und Bergen umarmt wird, finden sich viele Routen. Zum Beispiel gibt es ebenfalls auf dem «Monte Gallo» gute Wanderwege.
Der Höhepunkt – im wahrsten Sinne des Wortes – war unsere «spontane» Wanderung auf den Monte Gallo. Trotz der schlechten Wettervorhersagen spazierten meine Freundinnen und ich los. Es war ein anstrengender Weg nach oben, aber wir genossen die Stille und die Reinheit der Natur. Plötzlich auf dem Rückweg begann es, aus allen Kübeln zu schütten. Wir rannten den Berg hinunter nach Mondello, dessen Strassen schon völlig überschwemmt waren. Somit kamen auch keine Busse und wir warteten platschnass und bibbernd auf ein Taxi. Nach 40 Minuten kam es endlich und der Taxifahrer schüttelte nur lachend den Kopf, als wir von unserer Wanderung erzählen. Er machte italienische Musik an und begann von seinem Leben in Palermo zu erzählen. Sein Fazit: «Wenn man einen Job hat, lässt es sich in Palermo wie ein König leben. Hier bin ich geboren und hier möchte ich sterben». Diese Wanderung und Taxifahrt nach Hause werden mir für immer im Herzen bleiben.
Die Cappella Galatina von innen, Foto: Olivia Glatz
Taormina: Goethes Paradies mit Florence-grünem Daumen
Am Wochenende hatte ich immer frei und unternahm Ausflüge. Mein erster Ausflug war nach Taormina, die berühmte Hügelstadt an der Ostküste Siziliens. Sie liegt in der Nähe des Vulkans Ätna und der Grossstadt Catania. Taormina wird nach Goethe als der „Paradiesstreifen auf Erden“ betitelt, wobei Guy de Maupassant hinzufügt, dass es hier «alles gibt, was auf Erden geschaffen scheint, um Augen, Geist und Vorstellungskraft zu verführen». Ich hatte also grosse Erwartungen an diese Stadt.
Die 45-minütige Wanderung vom Bahnhof zum Hotel entpuppte sich als erste Offenbarung: Ein Panoramaweg, der sich wie ein Band zwischen türkisblauem Meer und zerklüfteten Felsen schlängelt, bot Postkartenmomente im Sekundentakt. Kleine versteckte Buchten und dramatische Steilküsten wechselten sich ab wie Szenen in einem perfekt inszenierten Naturtheater.
Nach dem Check-in ging ich gleich zum berühmten Naturschutzgebiet der Isola Bella. Diese kleine grüne Oase, die inmitten des kristallklaren Meeres schimmert und die durch einen Strandstreifen getrennt ist, wird von vielen als die Perle des Mittelmeers bezeichnet. Obwohl es viele Touristen hatte, war die Stimmung dort verzaubernd. Ich legte mich an den Strand sonnen und ging später die Insel erforschen. Dort lernte ich, dass die Geschichte der Isola Bella bis ins Jahr 1806 zurückreicht, in dem Ferdinando I. von Bourbon (König Siziliens) die Anlage Pancrazio Ciprioti, dem Bürgermeister von Taormina, schenkte. 1890 wurde sie von Florence Trevelyan gekauft, die sie aufwertete, indem sie ein Häuschen baute und seltene, wertvolle Pflanzen einpflanzte.[4]
Florence Trevelyans grünes Erbe setzt sich in der Villa Comunale fort, einem englischen Garten, der alte Olivenbäume und exotische Pflanzen vereint. Von der Terrassenpromenade aus schweift der Blick über die Küste bis zum majestätischen Ätna – ein Panorama, das den Atem raubt.
Das antike Theater, ein architektonisches Meisterwerk aus griechisch-römischer Zeit, thront wie eine Krone über der Stadt. Die in den Hang geschmiegenen Sitzreihen bieten nicht nur perfekte Akustik, sondern auch einen der spektakulärsten Ausblicke Siziliens. Noch heute erwacht das Theater beim internationalen Festival «Taormina Arte» zu neuem Leben, wenn Musik, Tanz und Theater die antiken Mauern mit zeitgenössischer Kultur erfüllen.
Die Kathedrale San Nicola auf der Piazza del Duomo ist ebenfalls einen Besuch wert. Auf dem Weg dorthin läuft man auf der berühmten «Corso Umberto». Hier finden sich eine Menge Restaurants, Souvenirläden, Kleidershops und daher auch Touristen. Obwohl ich Ende Oktober dort war, war Taormina für meinen Geschmack zu gut besucht. Durch die Berühmtheit und die Beliebtheit sind dementsprechend die Preise in Taormina auch unglaublich hoch (wir sprechen von 25-30 Euro für einen Teller Pasta, wobei man in anderen Teilen Siziliens dasselbe für 7 Euro bekommen hätte). Insgesamt teile ich also die Meinung mit Goethe und Maupassant, jedoch muss man schon ein erhebliches Budget für Taormina einplanen.
Isola Bella mit Blick auf Taormina, Foto: Olivia Glatz
Agrigento: alte Antike und harter Alltag
An einem weiteren Wochenende konnte ich drei Freundinnen von mir dazu überreden, in den Süden Siziliens zu reisen, nach Agrigento. Wir stiegen in Palermo in den Zug und fuhren drei Stunden durch die karge, hügelige Landschaft Mittelsiziliens. Angekommen am anderen Ende der Insel, machten wir uns gleich auf den Weg zur ersten Sehenswürdigkeit: die «Scala dei Turchi». Wie eine gigantische, naturgeschaffene Treppe aus schneeweissem Gestein steigt diese einzigartige Felsformation aus dem türkisblauen Mittelmeer empor und bietet einen atemberaubenden Kontrast zu den goldenen Sandstränden, wie wir auf den Instareels gesehen hatten.
Die Wanderung dorthin sollte drei Stunden dauern, auf Google Maps stand «Waldweg». Wir merkten jedoch schnell, dass «Waldweg» in Sizilien wohl eine andere Bedeutung hatte als in der Schweiz: Es war eine Autostrasse ohne Trottoir, mit Bäumen an den Seiten der Strasse. Irgendwer von uns kam auf die Idee, Hitchhikern auszuprobieren. Wir dachten uns, zu viert sollte es genug sicher sein. Einige Autos fuhren an uns vorbei, die Fahrer kopfschüttelnd ab diesen vier jungen Frauen, die allesamt den Daumen hochhielten und auf eine Mitfahrt hofften. Doch nach etwa einer Viertelstunde hielt ein grosser schwarzer Jeep mit getönten Scheiben. Wir waren im ersten Moment alle etwas skeptisch, bis der Fahrer die Scheibe herunterliess und fröhlich «Salite, salite» rief. Es war der Arzt von Agrigento und er entpuppte sich als einer der gutmütigsten Menschen, die ich auf meiner Reise getroffen hatte. Er ist schon mehr als siebzig Jahre alt, arbeitet morgens jedoch immer noch in seiner Praxis und nachmittags auf seinem Olivenfeld, wo er sein eigenes Olivenöl produziert. Obwohl er nicht zur Scala die Turchi musste, fuhr er uns bis dorthin und zeigte uns auf dem Weg die Westküste.
Nach einem schönen und fotoreichen Nachmittag an der Scala dei Turchi machten wir uns auf den Weg zurück nach Agrigento. Wir liefen die Küste entlang und nahmen dann das Taxi zu unserer gemieteten Wohnung. Der Taxifahrer konfrontierte uns mit der harten Realität des sizilianischen Lebens, als ich fragte, ob er gerne hier in Agrigento lebt: «Ich lebe nicht hier, ich arbeite nur. Für das Leben bleibt keine Zeit, auch wenn die Touristen kommen». Es brach mir das Herz zu hören, dass er kaum Zeit mit seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn verbringen kann, weil er sich sonst nicht über Wasser halten könnte. Ich fühlte Unbehagen, weil ich hier sorgenlos in meinem Zwischenjahr reisen darf, während andere ums Überleben kämpfen. Gleichzeitig gäbe es ohne den Tourismus in Agrigento wohl wahrscheinlich kaum mehr Menschen, denn der Tourismus ist wie für ganz Sizilien, nebst dem Oliven- und Orangenanbau die grösste Einnahmequelle. Dieses zweischneidige Schwert hatte ich während meiner Italienreise schon oft gespürt, jedoch noch nie so konkret.
Am nächsten Morgen brachen wir früh auf, um Agrigento als faszinierendes Zeugnis der antiken Welt zu erleben. Das Herzstück Agrigentos bildet die einst mächtige Stadt Akragas, deren prachtvolles Erbe im weltberühmten Tal der Tempel fortlebt. In dieser weitläufigen archäologischen Stätte erheben sich majestätische griechische Tempel, die die Jahrtausende wie stumme Wächter überdauert haben. Genau diese Tempel wollten wir uns anschauen. Um uns den eineinhalbstündigen Weg zu sparen, probierten wir es wieder mit dem Hitchhiken. Kaum hatten wir die Daumen oben, hielt auch schon ein Auto. Wir waren mal wieder Glückspilze: Der Fahrer war ein Angestellter der Tempel und fuhr uns bis ganz dorthin. Wir waren vor allen anderen Touristen da und mussten nicht mal die 16 Euro Eintritt bezahlen. Die Tempel und Ruinen waren genauso imposant wie auf den Bildern. Wir verbrachten mehrere Stunden damit, alles in Ruhe zu bestaunen. Zurück in die Stadt gingen wir dann zu Fuss und besuchten noch die Kathedrale Agrigentos, die ebenfalls schön ist, aber mit der Scala dei Turchi und den Tempeln definitiv nicht mithalten kann.
Scala dei Turchi, Foto: Olivia Glatz
Cefalù: Goldenhour für die Romantiker
Als meine Familie mich besuchen kam, gingen wir nach Cefalù, weil es von vielen, als die schönste Stadt Siziliens beschrieben wird. Das malerische Küstenstädtchen Cefalù vereint auf spezielle Weise mittelalterlichen Charme, normannische Baukunst und mediterranes Lebensgefühl. Überragt wird die historische Altstadt von der imposanten normannischen Kathedrale, deren mächtige Zwillingstürme bereits aus dem Zug zu sehen sind. Das im 12. Jahrhundert erbaute Gotteshaus beeindruckt besonders durch seine prachtvollen byzantinischen Mosaiken, deren Höhepunkt der goldene Christus Pantokrator in der Apsis bildet.
Die verwinkelten Gassen der Altstadt laden zum Flanieren ein, während sich am Fusse des markanten Hausbergs La Rocca ein feinsandiger Stadtstrand erstreckt. Wer den Aufstieg auf den La Rocca wagt, wird mit einem atemberaubenden Panoramablick über die sizilianische Küste und das tiefblaue Tyrrhenische Meer belohnt.
Das Herz Cefalùs schlägt jedoch an der Piazza del Duomo, wo sich Einheimische und Besucher in den traditionellen Restaurants und Cafés treffen. Vor allem in den Sommermonaten verwandelt sich die Stadt in einen beliebten Badeort, der dennoch seinen authentischen Charakter bewahrt hat. Ende Oktober war die Stadt sehr angenehm leer, mit nur einigen wenigen Touristen. Die meisten Besucher sind tatsächlich Palermitaner, die sich vom chaotischen und lauten Trubel der Grossstadt erholen wollen.
Weil ich von Cefalù so begeistert war, besuchte ich dieses Städtchen sogar ein zweites Mal vor meiner Abreise. Die «Goldhour» ist in Cefalù mit den weissen, etwas verfallenen Häusern und der Kathedrale im Hintergrund ein Moment, von dem mein Gehirn ein imaginäres Foto für das Fotoalbum «schönste Erinnerungen» geknipst hat.
Fazit: Sicilia nel cuore
Zurück in der Schweiz, nach zwei Monaten unterwegs in Italien kann ich nun über diese Zeit reflektieren. Es gab sicher Herausforderungen: das Zusammenleben mit einer fremden, sizilianischen Familie mit einem völlig anderen Lebensrhythmus. Das Chaos des Südens ohne verlässliche Busse und einen Fahrstil, der dem eines Formel-1 Rennens ähnelt. Die Armut und Perspektivlosigkeit bestimmter Teile der Bevölkerung. Auch um die Zukunft dieser Insel mache ich mir grosse Sorgen. Wenn es immer wärmer wird, werden Ressourcen wie Wasser noch knapper und Naturkatastrophen wie Waldbrände zunehmen. Dies wird auch einschneidende Konsequenzen für den Tourismus haben. Die primäre Geldquelle Siziliens.
Trotz all dieser Überlegungen und Tatsachen kann ich nur sagen, dass Sizilien wirklich mein Herz erobert hat. Vor allem die Menschen, die ich dort kennengelernt habe, werde ich nie vergessen. Ich wurde zum Beispiel von einer Bekanntschaft spontan zum heiligen Sonntagsmittag mit der ganzen Familie eingeladen. Für die Gastfreundschaft, die ich erleben durfte, bin ich zutiefst dankbar. Ich bin durch das allein Reisen aber auch so gewachsen, habe eine andere Perspektive auf mein Leben bekommen und wurde nochmals daran erinnert, wie dankbar ich bin für das Leben, das ich leben darf. Diese zwei Monate in Italien gehören wohl zu den Besten meines Lebens. Sechs unvergessliche Wochen als Au-Pair in einer palermitanischen Familie haben nicht nur meine Sicht auf die Zeit, sondern auch auf das Leben grundlegend verändert. Ich kann jeder und jedem nur empfehlen, eine Interrail-Reise zu machen, am besten natürlich durch Italien bis nach Sizilien.
Das Leben in vollen Zügen zu geniessen, die Zeit nicht als Feind zu sehen und manchmal einfach im Moment zu verweilen. Vielleicht ist das genau die Lektion, die wir gestressten Schweizer in den kalten und dunklen Wintermonaten am dringendsten brauchen.
Ich hatte die grosse Ehre, beim Clubabend zum Thema «Vier Jahre Trump – ein politischer Ausblick» des Vereins «Club Applied History» dabei zu sein. Die ReferentInnen des Abends waren Prof. Dr. Claudia Brühwiler der Universität St. Gallen (HSG) und Prof. Dr. Christian Lammert der J.F.Kennedy-Institut, Freie Universität Berlin. Meine wichtigsten Erkenntnisse des Abends.
Nach der Amtseinführung von Donald Trump steht die Welt vor der Frage: Werden sich die USA aus ihrer globalen Führungsrolle zurückziehen? Während erste Dekrete bereits einen radikalen Kurswechsel andeuten, zeichnen sich drei mögliche Szenarien für die künftige US-Aussenpolitik ab.
Mit der Amtseinführung Donald Trumps am 20. Januar 2025 wird eine neue Phase der amerikanischen Politik beginnen. Die ersten Amtshandlungen zeigen bereits die Richtung an: massive Deregulierung, strikte Migrationspolitik und eine Neuausrichtung der internationalen Beziehungen. Die neue Administration hat vom ersten Tag an damit begonnen, die Politik der Biden-Jahre systematisch rückgängig zu machen. Mit etwa hundert vorbereiteten Executive Orders signalisiert Trump einen noch radikaleren Kurswechsel als in seiner ersten Amtszeit. Doch was bedeutet dies für den Rest der Welt, insbesondere für die Schweiz?
Comeback für den Isolationismus?
Die gegenwärtige geopolitische Transformation markiert möglicherweise das Ende einer Ära, die als «Pax Americana» in die Geschichte eingegangen ist. ExpertInnen der internationalen Beziehungen prognostizieren drei potenzielle Entwicklungspfade für die amerikanische Aussenpolitik, unter denen sich vor allem der «isolationistische Kurs» zunehmende Medienpräsenz verschafft. Der Kern dieser Prognose lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die USA als «leader of the free world» würde sich verabschieden und die «Pax Americana» sich in Luft auflösen.
Die «Pax Americana», die die internationale Ordnung seit 1945 prägte, basierte auf einem komplexen System multilateraler Institutionen und Allianzen. Nach den verheerenden Erfahrungen zweier Weltkriege etablierten die Vereinigten Staaten eine neue Weltordnung, die militärische Hegemonie mit demokratischen Grundwerten verband. Diese manifestierte sich in der Gründung wegweisender Institutionen wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds und den Vereinten Nationen. Ein besonderes Merkmal dieser Ära war die erfolgreiche Integration der ehemaligen Achsenmächte Deutschland und Japan in ein System friedlicher, wirtschaftsorientierter Staaten – ein historisch beispielloser Prozess der Transformation ehemaliger Gegner in stabile demokratische Partner.
Die amerikanische Hegemonie zeichnete sich durch die Förderung wirtschaftlicher Interdependenz und offener Märkte aus, was zu einer friedlichen Phase globalen Wohlstandswachstums führte. Selbst die damaligen europäischen Grossmächte wie Frankreich und Grossbritannien ordneten ihre geopolitischen Ambitionen dieser neuen Weltordnung unter. Trotz kritischer Episoden wie dem Vietnam- und Irakkrieg gewährleistete diese Ordnung eine relative globale Stabilität, wie es sie noch nie gegeben hatte.
Die jüngsten personellen Entwicklungen in der amerikanischen Administration, insbesondere die Ernennung Rick Grenells zum Nationalen Sicherheitsberater und Stephen Millers zum stellvertretenden Stabschef des Weissen Hauses, deuten auf eine fundamentale aussenpolitische Neuausrichtung hin. Besonders Miller ist bekannt für seine stark isolationistische und einwanderungsfeindliche Haltung, die er bereits in Trumps erster Amtszeit als Architekt der restriktiven Einwanderungspolitik demonstrierte. Politische Ankündigungen wie die «grösste Deportationsoperation» der amerikanischen Geschichte, die geplante Schliessung der Südgrenze zu Mexiko und Änderungen im Staatsbürgerschaftsrecht verstärken den Eindruck der Rückkehr des Isolationismus. Allerdings erscheint eine vollständige Isolation der USA als höchst unrealistisch. Die amerikanische Wirtschaft ist fundamental von der Arbeitskraft der Migranten abhängig – eine Tatsache, die sich besonders in Krisensituationen zeigt. Der Wiederaufbau von Los Angeles nach den verheerenden Waldbränden wäre beispielsweise ohne migrantische Arbeitskräfte kaum zu bewältigen. ExpertInnen gehen davon aus, dass sich Trumps angekündigte «grösste Deportationsoperation» der amerikanischen Geschichte hauptsächlich auf straffällig gewordene Migranten konzentrieren wird, statt auf die breite Masse der geschätzten elf Millionen Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus.
Diese selektive Umsetzung der Migrationspolitik spiegelt die komplexe Realität wider: Trotz rhetorischer Härte Trumps wird die praktische Politik durch wirtschaftliche Notwendigkeiten begrenzt. Die sich abzeichnende isolationistische Wende könnte zwar das Ende der liberalen internationalen Ordnung einläuten, wird aber durch ökonomische Interdependenzen und praktische Zwänge in ihrer Umsetzung deutlich eingeschränkt bleiben.
Trump vs. Xi Ping?
Das zweite Entwicklungsszenario der amerikanischen Aussenpolitik zeichnet sich durch eine strategische Neuorientierung mit deutlichem Fokus auf die asiatisch-pazifische Region ab, wobei der Technologiekonflikt mit China exemplarisch an der TikTok-Kontroverse erkennbar wird.
Die jüngsten Entwicklungen um die Video-Plattform TikTok illustrieren paradigmatisch die Verzwicktheit dieser Auseinandersetzung. Nach dem vom US-Kongress 2024 erlassenen Gesetz gegen soziale Netzwerke unter der Kontrolle «feindlicher» ausländischer Mächte steht der chinesische Eigentümer ByteDance unter erheblichem Druck. Die temporäre Selbstabschaltung der Plattform am 19.01.2025, die 170 Millionen amerikanische Nutzerinnen und Nutzer betraf, verdeutlichte die weitreichenden Implikationen dieser verschärften technologiepolitischen Positionierung.
Besonders aufschlussreich ist in diesem Kontext die potenzielle Rolle des Tech-Milliardärs Elon Musk, der als möglicher Käufer der Plattform gehandelt wird. Seine Ernennung zum Leiter des neu geschaffenen «Department of Government Efficiency» (DOGE) gemeinsam mit Vivek Ramaswamy könnte eine fundamentale Neuausrichtung der amerikanischen Technologiepolitik gegenüber China signalisieren. Die Besetzung dieser neuerfundenen Schlüsselposition mit ausgewiesenen China-Kritikern deutet auf eine strategische Verzahnung von technologischer Innovation und nationaler Sicherheit hin.
Die TikTok-Problematik steht dabei symbolhaft für einen breiteren geopolitischen Ansatz: Die USA streben eine systematische wirtschaftliche und technologische Entkopplung von China an, verbunden mit massiven Investitionen in die eigene Innovationskraft. Diese Politik manifestiert sich in verschärften Exportkontrollen für Halbleiter und KI-Technologien sowie in der gezielten Förderung amerikanischer Technologieentwicklung. Durch die tiefgreifenden wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen beiden Nationen und dem TikTok-Chaos wird jedoch fraglich, inwiefern Trump und seine China-Falken tatsächlich gewillt sein werden, die ökonomischen Kosten dieser Politik in Kauf zu nehmen.
Grosse Klappe, nichts dahinter?
Das dritte Szenario geht von einer pragmatischen Kontinuität aus: Trotz drastischer Rhetorik bleiben die grundlegenden Strukturen amerikanischer Aussenpolitik weitgehend bestehen. Ähnlich wie in Trumps erster Amtszeit könnte die Realität weniger disruptiv ausfallen als die Ankündigungen vermuten lassen. Historische Erfahrungen zeigen, dass oft eine Diskrepanz zwischen politischer Rhetorik und tatsächlicher aussenpolitischer Praxis existiert. Obwohl Trump mit seinen vielzähligen und drastischen Vorsätzen, scheinbar viel vor hat: «eine kohärente Trump- Strategie gibt es nicht und kann es nicht geben bei einem Präsidenten, der grösste Freude daran hat, mit Kontinuitäten zu brechen und genau das Gegenteil dessen zu tun, was altgediente Politikprofis und Experten ihm dringend empfehlen.», wie es Ulrich Speck für die NZZ treffend ausdrückt.
Trump hat zwar keine durchschaubare Strategie, macht dieses Szenario jedoch nicht unbedingt wahrscheinlicher. Denn mit Trump 2.0 haben wir eine neue, erfahrenere Version vor uns. Trump konnte die etablierte Ordnung während seiner ersten Amtszeit nicht grundlegend verändern, was vor allem seiner Unerfahrenheit in der Politik zuzuschreiben sein könnte. Er verfügte kaum über ein Netzwerk in Washington, und seine Administration bestand grösstenteils aus traditionellen Republikanern sowie Karrierebürokraten, die bemüht waren, seine radikalsten Impulse zu zügeln.
Mittlerweile ist er jedoch besser vorbereitet und von loyalen Unterstützern umgeben, die bereit sind, seinen Anweisungen uneingeschränkt zu folgen. Dies könnte dazu führen, dass die Vereinigten Staaten zu einer revisionistischen Macht werden. Trump hinterfragt grundlegende Prinzipien der bisherigen internationalen Ordnung, darunter freien Handel, multilaterale Allianzen und den Multilateralismus als Ganzes. Die demokratischen und humanen Werte, auf die die USA einst gründete, scheinen zu schwinden. Während Russland und China lange als die Hauptakteure galten, die mit militärischen Mitteln und wirtschaftlichen Einflusszonen die liberale Weltordnung zu untergraben suchten, übernimmt Trump nun diese Rolle. Nach seiner Wahl bemerkte Putin nicht umsonst begeistert: „Vor unseren Augen entsteht eine völlig neue Weltordnung.“
Ausblick
Die kommenden Tage und Monate werden zeigen, inwieweit die von Trump angekündigten Massnahmen tatsächlich umgesetzt werden können. Die radikalen Personalentscheidungen und ersten Amtshandlungen deuten auf einen fundamentalen Bruch mit bisherigen Konstanten hin. Ob sich daraus ein dauerhafter isolationistischer Kurs entwickelt oder ob die USA unter Trump eine selektive Grossmachtpolitik mit Fokus auf die Eindämmung Chinas verfolgen werden, bleibt abzuwarten. Dabei sind mehrere Faktoren entscheidend: Erstens, die rechtliche Durchsetzbarkeit der Executive Orders. Zweitens, die Reaktion des Kongresses und der Justiz. Nicht zuletzt brauchen viele der von Trump ernennten Minister immer noch die Zustimmung des Kongresses. Natürlich werden die Internationalen Reaktionen und deren Rückwirkung auf die US-Politik, Trump nicht ungehemmt in seinem Vorhaben vorschreiten lassen. Schliesslich werden durch das sich allbewährende ‚Actio-und-Reactio-Gesetz‘ die Entwicklung globaler Krisen und Konflikte sowie Regierungswahlen die USA und deren Rolle in der Geopolitik natürlich ebenfalls beeinflussen. Für Europa und die internationale Gemeinschaft bedeutet dies eine Phase erhöhter Unsicherheit, die neue strategische Antworten erfordert. Der Fokus der europäischen Politik sollte offensichtlich auf einer kooperativen, zukunftsorientierten Strategie liegen, die die USA als verlässliche Alliierte auf jeden Fall ausschliesst. Denn mit Trump als Leader der einstigen westlichen Beschützerin, scheint Ordnung, Vertrauen und Kooperation, definitiv massiv in die Brüche zu gehen. Es wird Zeit, dass Europa sich eingesteht, dass leider schwierige, einsame Zeiten bevorstehen könnten.
Speck: Isolationismus, «China zuerst» oder Durchwurschteln? Drei Szenarien einer Trump-Weltpolitik, in: NZZ, https://www.nzz.ch/pro/isolationismus-china-zuerst-oder- durchwurschteln-drei-szenarien-einer-trump-weltpolitik-Id. 1815038, heruntergeladen am 15.01.2025.
NZZ-Redaktion: Die USA nach den Wahlen: Fox-News-Moderator Pete Hegseth stellt sich den Fragen des Senats-Trump will ihn zum Verteidigungsminister machen, in: NZZ, https://www.nzz.ch/international/die-usa-nach-den-wahlen-die-neusten-entwicklungen-ld.1856621#subtitle- wie-geht-es-bis-zur-amts-bergabe-weiter-first, heruntergeladen am: 15.01.2025.